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WIEN/ Staatsoper: DON CARLO zu Saisonbeginn

05.09.2012 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: DON CARLO – am  4.9.2012

Wenn der Rest der Saison das Niveau des Eröffnungsabends dieser Spielzeit erreicht, dann können wir uns auf tolle 10 Monate gefasst machen.

Die italienische, 4-aktige, Version des Don Carlo stand am Programm und trotz einiger Turbulenzen im Vorfeld (Alagna sagte ab, dann musste auch sein erster Ersatz Sartori w.o. geben) konnte man einer sehr guten, phasenweise sogar außergewöhnlichen Vorstellung beiwohnen.

Krassimira Stoyanova ist der höchstwahrscheinlich am meisten unterschätzte Sopran dieser Tage. Diese Frau beherrscht ihr Handwerk perfekt, sie ist nicht nur die beste Desdemona unserer Tage, sondern besticht auch als Figaro-Contessa. Eine weitere Rolle, in der ich zur Zeit für sie keine Konkurrenz weit und breit sehe, ist die der Elisabetta. Was für eine Wohltat, eine Interpretation dieser Qualität wieder einmal an diesem Haus zu hören. Stoyanova ist technisch perfekt, bringt viel Wärme und Mitgefühl in ihren Gesang ein und es gelingt ihr, ein perfektes Rollenportrait dieser jungen, verkauften, verzweifelten und desillusionierten Frau zu gestalten. Sie war der absolute Star des Abends!

Auch Luciana D’Intino wusste zu überzeugen. Sie, eine etwas reifer wirkende Eboli, beeindruckte sowohl durch ganz zarte Pianissimi als auch durch ihr enormes Stimmvolumen, mit dem sie auch in Ensembleszenen überzeugte. Sie ist keine überragende Schauspielerin, aber diese Fähigkeit wird in dieser Produktion nicht wirklich sehr benötigt.

Ein weiteres Highlight der Posa des Simon Keenlyside. Im jetzigen Stand seiner Karriere ist das sicherlich seine beste Rolle. Konnte man noch vor ein paar Jahren Einwände gegen seine Interpretation des Macbeth vorbringen, so ist ihm der Posa auf den Leib geschrieben. Keenlyside verkörpert diesen eleganten und freiheitsliebenden Idealisten – nicht nur physisch, sondern auch durch seine sehr eindringliche Interpretation. Er hat großartige Tiefen und ist gleichzeitig auch höhensicher. Das war für mich die beste Vorstellung, in der ich Keenlyside seit langem gesehen habe (genauer – seit Billy Budd).

Neben diesen drei überragenden Leistungen gab es aber noch weitere wunderbare Leistungen. In erster Linie muss man René Pape erwähnen, der sich am Weg zu einem großen Filippo befindet. Er sang seine große Arie berührend, doch fehlt ihm noch die Weisheit und Bürde des Alters – aber das ist alles nur eine Frage der Zeit. Ain Angers Rollendebüt als Grande Inquisitore kann man als gelungen betrachten, aber auch da fehlen noch ein paar Jahre, bis die Interpretation perfekt wird. Das Stimmmaterial ist da, es fehlt aber zur Zeit das Bedrohliche, das das Publikum erschauern lässt.

Viel Applaus erhielt ganz zu recht Dan Paul Dumitrescu, der „Haus-Carlo V.“ beider Carlos-Produktionen. Sein Timbre hat die Wärme, die man dieser Figur zugesteht und auch von ihr voraussetzt, und alle Tiefen waren vorhanden. Valentina Nafornita lieferte als „Voce dal cielo“ wieder eine Talentprobe ab, obwohl sie den Eindruck hinterließ, dass sie dieses Mal nur das, was in den Noten steht, gesungen hat – die Zwischentöne, die man sich wünscht, waren nicht vorhanden.

Zwei neue Ensemblemitglieder stellten sich dem Publikum in Nebenrollen vor – einerseits der junge chinesische Tenor Xiahou Jinxu, der auch Stipendiat der Kuriers ist, in der Doppelrolle des Conte di Lerma und eines Herolds, andererseits Margarita Gritskova, die ihre schön timbrierte Stimme dem Tebaldo gab. Es ist noch zu früh für endgültige Urteile, doch meine ersten Eindrücke: beide haben eine gut ausgebildete Stimme, Jinxu ist relativ hell timbriert (etwas, was mir auch bei einigen koreanischen Tenören aufgefallen ist – irgendwie klingen die alle sehr ähnlich), hat aber eine klare Stimme. Gritskova, die aus St.Petersburg stammt, hat alle Voraussetzungen ein Liebling des (männlichen) Publikums zu werden. Sie kann stimmlich ihre Herkunft nicht verleugnen – man erkennt das Timbre, das für viele Sänger aus Russland typisch ist.

Natürlich wird ein dieser Besprechung nicht auf den Sänger der Titelrolle vergessen. Einspringer Giuseppe Gipali, den das Publikum in Wien schon als Rigoletto-Duca hörte, bestätigte die Eindrücke, die ich damals von ihm hatte. Er ist höhensicher, singt technisch sauber. Seine Stimme hat ein weißes Timbre und sie ist nicht ganz groß genug für die Staatsoper. Bei anderen Mitsängern hätte er sicherlich brillieren können, doch bei diesen sängerischen Schwergewichten war es für ihn unmöglich, zu brillieren. Aber – und das ist durchaus als Kompliment zu sehen – er fiel nicht übermäßig ab. Was noch dazu kommt ist die Tatsache, dass er seitens des Dirigenten (zumindest für die ersten drei Akte) keinerlei hörbare Unterstützung erhielt.

Und damit kommen wir zum Ärgernis des Abends. Franz Welser-Möst ließ die Wiener Philharmoniker teilweise in Walkürenritt-Lautstärke spielen und deckte die Sänger über viele Strecken zu. Dachte ich, dass diese übermäßig Lautstärke des Orchesters mit meinem Sitzplatz zusammenhing, so musste ich nach der Vorstellung zur Kenntnis nehmen, dass auch in den Logen das Orchester überdeutlich, die Sänger nicht wirklich zu hören waren. Erst im letzten Akt begann der Dirigent, mit den Sängern mitzuatmen. Dies ist ein positives Zeichen für die nächsten Vorstellungen.

Ein kurzes Wort zur Produktion – ich mag die Ästhetik der leeren Bühne, die Graziano Gregori entworfen hat. Regisseur Daniele Abbado erzählt die Geschichte so, wie sie im Libretto steht, ohne sich anscheinend besonders viele Gedanken über eventuell verborgene tiefere Bedeutungen gemacht zu haben. Die Kostüme von Carlo Teti kann man zeitmäßig nicht wirklich zuordnen – die Phantasieuniform des Filippo ist ein kleines Ärgernis. Allerdings muss ich sagen, dass mir diese Produktion besser gefällt als die davor.

Einhellige Zustimmung des Publikums – auch die ca. 400 Personen, die sich die Aufführung an einem lauen Spätsommerabend am H.v.Karajan-Platz angeschaut hatten, spendeten viel Applaus.

Kurt Vlach

PS.: Roberto Alagna, der krankheitsbedingt seine Auftritte als Don Carlo an der Wiener Staatsoper abgesagt hat, wird diese Partie nun doch in den letzten beiden Vorstellungen am 10. und 13. September 2012 singen und damit sein Rollendebüt im Haus am Ring geben.

 

 

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