Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Wien/ Staatsoper: DON CARLO – Derniere der Serie

22.06.2017 | Oper

WIEN / Staatsoper: „DON CARLO“ am 21.06.2017

Don_Carlo_100137_FURLANETTO
Ferruccio Furlanetto (Philipp). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Ungerechterweise war die ganze Serie vom Rollendebut Placido Domingos als Posa beherrscht. Nach der Derniere ist zu den Motiven und zur Sinnhaftigkeit dieses Vorhabens bereits alles gesagt und geschrieben, sodass wir uns mit dem, an diesem Abend Gehörten beschäftigen wollen. Einzige allgemeine Anmerkung soll bleiben, dass das Publikum „seinen“ Liebling auch zum Abschluss wieder mit ca zwanzig Minuten währendem, frenetischem Beifall überschüttete – der “Superstar“ hat also – aus seiner Sicht – alles richtig gemacht.

Nach der Papierform konnten wir außergewöhnliche Vorstellungen erwarten, mussten aber wieder einmal erleben, dass angekündigte Sternstunden meistens nicht stattfinden. Zu unterschiedlich waren die gebotenen Leistungen, um über die Einschätzung: „Gutes Repertoire“ hinauszureichen.

Der international renommierte, koreanische Dirigent Myung Whun Chung wählte eine sehr laute Interpretation und konnte (oder wollte) das berüchtigte „Verdi-um-ta-ta“ nicht verhindern. Die fehlende Koordination mit der Bühne verursachte störende Asynchronitäten und Behinderungen für die Solisten und für den Chor. So waren – wieder einmal – die Instrumentensoli (besonders die Trompeten und das Solo-Cello) die Höhepunkte aus dem Graben. Beeindruckend wie fast immer: der Chor der Wiene Staatsoper, der aber auch an der mangelnden Betreuung aus dem Graben litt.

Schon im ersten Bild merkt man, wie wichtig die sorgfältige Besetzung der kleinen Rollen für den Gesamteindruck ist. Ryan Speedo Green sang zwar einen passablen Mönch, konnte aber, mit grobem Ausdruck, die besondere Stimmung dieses Gebetes nicht vermitteln. Diese Rolle wäre aus dem Ensemble (mehrfach) stimmungsvoller zu besetzen gewesen.

Ramon Vargas gelang als Don Carlos eine berührende Klage um die verlorene Liebe und wir erlebten im Gegensatz zur zweiten Vorstellung, die durch einen gekippten Spitzenton im Duett mit Elisabeth beeinträchtigt war, eine unfallfreie Interpretation. Die Mittellage gelang schönstimmig und ausdrucksvoll, bei den Höhen war die Anstrengung unüberhörbar.

Placido Domingo wirkte ab dem zweiten Abend kurzatmiger und nicht mehr so souverän wie beim Debut; auch diesmal war die Kerkerszene die gesanglich und darstellerisch eindrucksvollste Szene dieses „hell-baritonalen bzw dunkel-tenoralen“ Rodrigo. Unter diesen Voraussetzungen – ein Don Carlo ohne spielerisch leichte Höhe und ein Posa mit zu wenig baritonalem „Körper“  – konnte das Freundschaftsduett seine elektrisierende Wirkung, die durch das Zusammenfließen der beiden unterschiedlichen Stimmen ausgelöst wird, nicht entstehen.

Ferruccio Furlanetto war in großartiger Verfassung und gestaltete den Monolog des Philipp II mit einzigartiger stimmlicher Ausdrucksstärke. Der einsam leidende Herrscher, der erst in der Verletztheit zu menschlichen Gefühlen und Stimmungen fähig ist, wurde mit wunderschöner, warmer Stimme offenbart. Neben diesem präsenten König hat es jeder Großinquisitor schwer, zumindest auf Augenhöhe zu agieren. Alexandru Moisiuc, der einen guten Gottesmann sang und darstellte, konnte diesem König nicht Paroli bieten. Sein Bass ist uns für den Großinquisitor zu wenig schwarz und weder dämonisch noch bedrohlich. Auch hier gäbe es im Haus Alternativen.

Die Damen machten in dieser Produktion ungetrübte Freude:

Krassimira Stoyanova war im Auftreten und im stimmlichen Ausdruck eine Königin, die in keiner Gefühlslage die Noblesse vermissen ließ; die reifer gewordene Stimme gehorchte in allen Lagen perfekt, zarte und strahlende Höhen gelangen gleichermaßen gut und die Registerwechsel bis ins Mezzo erfolgten locker und bruchlos. Eine Elisabeth der Spitzenklasse!

Die Prinzessin Eboli von Elena Zhidkova erwies sich als ebenbürtige Widersacherin mit beeindruckender Stimmfärbung in der Tiefe und mit schöner, leichter, technisch guter Mittellage und Höhe. Die Verzweiflung im „O don fatale“ gelang dank beweglicher Stimmführung ebenso eindrucksvoll, wie das Schleierlied, das durch das gute Zusammenspiel mit Margaret Plummer als Teobaldo einen besonders starken Eindruck hinterließ.

Hila Fahima, die Stimme vom Himmel kam diesmal etwas klarer aus dem Luster und gewann so an psychedelischer Wirkung; Carlos Osuna war als Lerma und als Herold für die Ankündigungen und Meldungen zuständig.

In Summe erlebten wir in der Derniere die beste Vorstellung der Serie, die beschriebenen Unregelmäßigkeiten waren nach den ersten Abenden etwas abgemildert und man konnte sich über viele gesangliche Höchstleistungen freuen.

Maria und Johann Jahnas

 

Diese Seite drucken