Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: DON CARLO

21.09.2014 | Oper

Don_Carlo_Alagna er allein~1  Don_Carlo_Petean xx~1 
Alagna / Petean  / Alle Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
DON CARLO von Giuseppe Verdi
21. September 2014 
13. Aufführung in dieser Inszenierung

Opernalltag kann ganz schön stressig sein für die Mannschaft hinter der Bühne, denn, wie man an dieser „Don Carlo“-Aufführung sah, es kann immer etwas – und noch etwas – passieren. Roter Zettel am Abendplakat, aber der übliche Verdächtige war es nicht: Roberto Alagna sang, als einer der vielen Debutanten des Abends, erstmals die Titelpartie dieser Verdi-Oper in Wien.

Und wie er sie sang! Mit einem impetuosen Kraftaufwand, als wollte er herausfordernd sagen: „Wenn Ihr wollt, singe ich Euch außer dem Lohengrin den Tannhäuser auch noch, die Stimme habe ich!“ Tatsächlich hielt er den schonungslosen, hochdramatischen Kraftaufwand den ganzen Abend lang durch und ließ sich die Rolle nicht nehmen. Man weiß ja – wenn der arme Don Carlos nicht stark besetzt ist, geht er (Titelheld hin, Titelheld er) glatt unter. Aber bei Alagna stahl ihm kein König und kein Posa und auch keine Dame die Show. Es war sein Abend. Freilich kann man die Rolle auch entschieden belcantesker singen, aber hier war einfach Verismo angesagt: Der einzige Versuch (im letzten Duett mit Elisabetta), sich etwas lyrischer zu gerieren, geriet gar nicht so gut. Also – ein Power-Alagna, ein dramatischer Tenor, der mit nie nachlassender Kraft Feuer und nie wankende, nie falsche, nie quälende Spitzentöne produzierte.

Der rote Umbesetzungszettel bezog sich auch nicht auf König Philipp II., obwohl Giacomo Prestia wohl besser abgesagt hätte. Vermutlich wollte er sich ein so wichtiges Rollendebut in Wien nicht nehmen lassen, ließ sich entschuldigen, man hoffte, es „würde schon gehen“, aber es ging nicht: Die Stimme war so trocken, stumpf und knarrig, dass man ihr das „Angeknackste“ anhörte. Also nach der Pause nochmals ein Herr vor den Vorhang (keiner von den bekannten übrigens, der Direktor selbst verkündete es nicht), der erklärte, Giacomo Prestia könne nicht weitersingen, würde aber weiter die Rolle verkörpern und Sorin Coliban würde sie seitlich auf der Bühne singen.

Das tat er auch, wobei ihm vor allem die große Arie mit prachtvollen Basstönen fabelhaft gelang – der Unterschied einer gesunden Stimme zu einer kranken. Auch den Rest der Aufführung bewältigte er tadellos. Selbst, wenn er den Klavierauszug vor sich hatte: Diese Nervenkraft ist schlechtweg zu bewundern.

Giacomo Prestia spielte den Philipp höchst überzeugend, ohne die Dummheit zu begehen, nach der Pause die Lippen zu bewegen, wenn er nicht sang – er stand als einsame, tragische und schillernde Figur auf der Bühne. Über die Stimme kann man nichts sagen. Vielleicht holt er die Rolle im Vollbesitz seiner Kräfte einmal nach.

Man hätte ja einen Philipp unmittelbar bei der Hand gehabt, denn Ain Anger hat die Rolle unter Holender schon gesungen (und Coliban „kann“ ja auch den Großinquisitor): Aber Anger – erfreulich, ihn wenigstens gelegentlich wieder zu sehen – blieb wie vorgesehen der Großinquisitor, den er mit „Elben-Frisur“ (glattes langes Weißhaar) und darstellerisch wie stimmlich eindrucksvoll gestaltete, wenngleich man das Gefühl nicht los wurde, sein Baß hätte gegen früher etwas an Substanz verloren.

Die Paraderolle des Posa ging ziemlich baden, und das lag nicht nur (aber vielleicht auch) an dem idiotischen Kostüm, das schon Keenlyside geschadet hat: George Petean watschelte in diesem seltsamen Handwerker-Wams daher wie ein schwerfälliger Sachs in einer Wolfgang-Wagner-Inszenierung der fünfziger Jahre. Ähnlich ungeschlacht auch sein Bariton und seine Stimmführung, erst als es ans Sterben ging, fand er gelegentlich zur Linie eines Kavaliersbaritons. Dennoch: Posa, die Traumrolle, müsste in jeder Hinsicht viel mehr hermachen!

Übrigens: Die absolut schönste Stimme des Abends erklang – leider nur sehr kurz – zu Beginn und am Ende, ein herrlicher Baß, der Jongmin Park gehört: ein Carlo Quinto zum Niederknien, was an diesem Abend wenigstens sein Sohn Philipp tat…

Don_Carlo_Pieczonka x~1  Don_Carlo_Prestia xx~1 
Pieczonka / Prestia

Bei den Damen hat man sich auf Adrianne Pieczonka gefreut, hat sie doch bisher in Wien nur die französische Elisabeth gesungen (die lange nicht so effektvoll ist) – und ihre Tosca zu Saisonbeginn war schlechtweg fabelhaft. Leider bekam sie die Elisabetta des italienischen „Don Carlo“ nicht wirklich in den Griff, die Stimme ist wohl schon zu dramatisch, um zur nötigen Dolcezza gebändigt zu werden, klingende Pianophrasen, Spitzentöne, die nicht mit voller Kraft gesungen werden, fallen ihr schwer. Doch sie bringt immer Stimmschönheit und Technik mit, und man freut sich immer, sie zu hören – zumindest zu hören, denn die Anwandlungen von schauspielerischem Talent, die sie bei der Tosca zeigte, konnte sie bei der Elisabetta nicht so recht aktivieren. Aber in dieser Inszenierung?

Nun doch zum roten Umbesetzungszettel: Er galt der Tatsache, dass Elena Maximova die Eboli abgesagt hat, und auf diese rassige Russin hätte man sich gefreut. Monika Bohinec stürzte sich als Einspringerin mit Mut in eine von Verdis anspruchsvollsten Mezzopartien, wurde aber nicht so richtig belohnt: Denn ihre Stärke, die profunde Tiefe, konnte sie nur gelegentlich ausspielen, während sie an den Höhen fast immer tremolierend scheiterte, ganz abgesehen davon, dass ihr Timbre nicht sonderlich schön ist.

Alain Altinoglu ließ wenig Gefühl für Verdi erkennen, es gab manche Unebenheit zwischen Bühne und Orchester (beim Frauenchor zu Beginn des zweiten Bildes herrschte akute Gefahr eines Schwimmfestes), und statt das Werk in seinen vielen, vielen Stimmungen auszudifferenzieren, flüchtete er meist in Lautstärke. Das war absolut nicht ideal, so wenig wie diese Inszenierung (schon der Ära Meyer anzulasten), die als Nicht-Inszenierung vor leeren Wänden mit albernen Kostümen schlechtweg eine Zumutung darstellt.

Erfreulichstes Ereignis des Abends: Der goldene „Eiserne“ von Rudolf Eisenmenger ist wieder einmal da, sicher nur vorübergehend, aber für alte Opernfreunde sehnsüchtige Erinnerung an eine Zeit, als man sich hier noch ganz zuhause fühlte.

Renate Wagner

P.S. Sorin Coliban prima vista als König Philipp erinnert an eine Geschichte, die Ferruccio Furlanetto gern erzählt – damals, als er für José van Dam einspringend in der Salzburger „Don Carlos“-Premiere ohne Probe auf die Bühne geschickt wurde. Wie das gehen sollte, fragte er Maestro Karajan schüchtern. Dieser erwiderte: „Sie singen, ich begleite Sie.“ Was natürlich auch nicht jeder Dirigent kann…

 

Diese Seite drucken