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WIEN/ Staatsoper: DON CARLO

13.10.2013 | KRITIKEN, Oper

Staatsoper Wien:  DON CARLO 13.10. 2013

Es war bereits die 10. Aufführung dieser mit durchgängig hässlichen dunklen Bühnenwänden und von den Merker-Sitzen der Galerie Seite aus sichtverdeckenden, halb heruntergelassenen Zwischenvorhängen (insbesondere beim Auftritt von Carlo. V. im Finale) spartanisch ausgestatteten Bühne von Angelo Linzalata nach einem Konzept von Graziano Gregori und einer recht einfallslosen Regie von Daniele Abbado aus dem Jahr 2012. Die hier gezeigte sogenannte Mailänder Fassung von 1884 ist die nunmehr neunte Neuinszenierung im Haus am Ring seit 1932, die Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst gegenüber der fünfaktigen Pariser Originalfassung von 1867 bekanntlich favorisiert. Dass auch die „geglättete” italienische Version ohne Fontainebleauakt packend sein kann, bewiesen an diesem Abend herausragenden Protagonisten.

Der 1949 in Sacile geborene italienische Bassist Ferruccio Furlanetto beherrschte das Bühnengeschehen bereits von seinem ersten Auftritt an als herrischer und zugleich einsamer König Filippo II. Mit seinem kraftvollen, sonoren und wandlungsfähigem Bass verlieh er der Rolle sowohl majestätische Würde als auch die menschlichen, verletzlichen Züge, die Verdi in der Arie „Ella giammai m’amò…!” so großartig aufzeigt. Verdi lässt diesen im spanischen Hofzeremoniell eingeschnürten König auch immer wieder für kurze Zeit menschliche Gefühle zeigen, die er aber sogleich wieder mit dem Mantel der Majestät zudeckt. Respektiert und gefürchtet, aber nie geliebt worden zu sein, ist die bittere Lebenserkenntnis, die er in seinem großen Monolog zieht.

Ramón Vargas, 1960 in Mexico geboren, ist ein verlässlicher Titelheld ohne Hang zu übertriebener Geste. Glaubhaft zeigte er das Bild eines unglücklichen, am eigenen Schicksal scheiternden Infanten. Sein Tenor verfügt für diese Rolle über das so idealtypische dunkle und melancholische Timbre, das mit seinen kräftigen Spitzentönen ausgezeichnet harmonierte. Ihm gelangen an diesem Abend nicht nur die verzweifelten Aufschreie über den Verlust der Geliebten Elisabetta, seiner nunmehrigen Stiefmutter, samt einem prachtvollen hohen C im 1. Akt nahezu perfekt, sondern auch die verinnerlichten Monologe. Bravo!

Der 1968 in Marseille geborene französische Bariton Ludovic Tézier hat den Rodrigue in Wien bereits erfolgreich in der französischen Fassung gesungen. In der italienischen Fassung gab er als Rodrigo sein überzeugendes Rollendebüt im Haus am Ring. Sein sonorer, warmer Bariton harmonierte recht schön in den Duetten mit Ramón Vargas und auch die große Sterbeszene, im Arioso “Io morrò, ma lieto in core…” wo sein Bariton nochmals in voller Eleganz aufblühte – ein wahrhaft ergreifender Abgang, gelang ihm prachtvoll.

Der US-amerikanische Bassist Eric Halfvarson, Jahrgang 1951, dessen „Paraderolle“ wohl der Hagen ist, war an diesem Abend ein wahrlich furchterregender Großinquisitor mit einer wahrhaft dämonischen Ausstrahlung. Auf den Einwand, den man immer wieder hört und liest, dass manche/r Sänger/In an bestimmten Stellen angestrengt wirkt, muss ich an dieser Stelle den großen James King zitieren, der einem seiner Schüler, der noch heute große Partien singt, sinngemäß gesagt haben soll: „Das Publikum muss hören, dass man sich anstrengt, sonst glaubt es, dass das Singen eine leichte Angelegenheit sei!“.

Der 1966 in Bukarest geborene rumänische Bassist Dan Paul Dumitrescu gefiel in der kleinen, aber umso wichtigeren Rolle des „Carlo Quinto“, der seinen Enkel Carlo am Ende der Oper mit sich nehmen und vor der Soldateska seines Vaters König Phillip II. retten darf. Gesehen hat man von der Galerie aus leider nur seine Füße!

Der junge chinesische Tenor Jinxu Xiahou, geboren 1990 in Zibo in der Provinz Shadong, ergänzte das Ensemble mit den männlichen Nebenrollen des Conte di Lerma und des Aroldo reale. Beide Partien singt er im Haus am Ring auch in der französischen Fassung.

Die Georgierin Tamar Iveri, Tochter des innerhalb der ehemaligen UdSSR bekannten Baritons Avtandil Javakishvili, gab mit der Elisabetta di Valois ihr Rollendebüt an der Wiener Staatsoper. Darstellerisch gelang ihr, trotz mangelnder Unterstützung seitens der unausgegorenen Regie, ein beeindruckendes Porträt der in der kalten Welt des spanischen Hofzeremoniells, das es bekanntlich noch bis in das 19. Jhd. gab, emotional resignierenden Königin. Mit dem hellen Timbre ihrer Stimme bewies sie auch im oberen Register ein großes Volumen. Wunderschöne Bögen bei einer klaren und eleganten Linienführung, perfekte Phrasierung und meisterhafte Piani und Pianissimi in ihrer großen Arie „Tu che la vanità conocesti del mondo“ gegen Ende der Oper machten sie zum erklärten Publikumsliebling an diesem Abend. Bravissima!

Mit ihrem Rückwechsel ins Mezzofach hat die 1961 in Litauen geborene Sängerin Violeta Urmana den richtigen Schritt gesetzt. Eine so intensive Eboli, der man jede Gefühlsregung und die tiefe Verzweiflung, zu wissen, von Rodrigo nicht geliebt worden zu sein, glaubt, hat man in den letzten Jahren im Haus am Ring nicht erlebt Die sympathische Künstlerin verfügt über eine imposante Höhe gepaart mit einer kräftigen Mittellage und altgleichen Brusttönen, die einher gehen mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz. Demgemäß erhielt sie vom Publikum auch lang anhaltenden Applaus, in den sich auch einige „Bravo“-Rufe mischten.

Mit glockenhellem Sopran stattete die in Brasov/Rumänien geborene Ileana Tonca den burschikosen Pagen Tebaldo aus, der die Hofdamen händeküssend umschwänzelt. Valentina Nafornità ließ ihre sanfte, einschmeichelnde himmlische Stimme zu einem kläglichen Pseudo-Autodafé aus der Höhe vernehmen.

GMD Franz Welser-Möst bevorzugt hörbar einen über weite Passagen lauten und recht flotten Don Carlo. Damit erzielt er mit dem Orchester der Wiener Staatsoper naturgemäß einige reißerische Effekte an den exponierten Stellen der Partitur, die das Publikum dankbar goutierte. Immerhin nahm er dieses Mal auf die Sänger mehr Rücksicht und deckte sie mit dem Orchester nicht zu, sodass sich die Stimmen hörbar gut entfalten konnten. Am Schluss erhielt er– wie gewohnt – viel Applaus. Man liebt eben „seinen“ GMD in Wien und geht mit ihm durch klangliches Dick und Dünn!

Der von Thomas Lang geleitete Chor der Wiener Staatsoper trug seinen verdienten Teil zum im Großen und Ganzen doch gutem Gelingen dieses Abends bei.

Harald Lacina

 

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