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WIEN / Staatsoper: DON CARLO

11.06.2017 | KRITIKEN, Oper

Don Carlo Verbeugung alle

WIEN / Staatsoper: 
DON CARLO von Giuseppe Verdi
11. Juni 2017  
24.
Aufführung in dieser Inszenierung

Das war neben der Netrebko-„Troubadour“-Premiere und der Kaufmann-„Tosca“ die vermutlich begehrteste Vorstellung dieser Spielzeit. Ausverkauft auf den Sitzplätzen und auf den Stehplätzen. Vor dem Haus, am Karajan-Platz, wo die Übertragung ins Freie erfolgt, schon eine halbe Stunde vor der Vorstellung jeder Platz besetzt. Im Arcadia-Shop – wo man mir erzählte, dass sich die klassische Uralt-DVD „Don Carlo“ mit Domingo, Freni, Ghiaurov, Bumbry, Furlanetto als Großinquisitor noch immer hervorragend verkauft (Kunststück, bei solcher Besetzung) – ein Theaterzettel ausgestellt: Verdis „Don Carlos“ vom 19. Mai 1967. Damals sang Placido Domingo „a.G.“ erstmals in Wien den Don Carlos. Daneben der Theaterzettel von heute. Fünfzig Jahre und drei Wochen später singt er am selben Haus erstmals den Marquis Posa in „Don Carlo“ (inzwischen sind wir so „original“ geworden, dass wir das „s“, wie der Prinz bei Schiller heißt, bei der Verdi-Oper weglassen…). Ein halbes Jahrhundert. Unglaublich. Daneben eine Originalzeichnung von Benedikt Kobel (Fans können sie um 450 Euro erwerben). Placido Domingo in einem mit „50“ bezeichneten Trichter, der offenbar alle seine Auftritte in die Wiener Staatsoper hineingießt…

Don Carlo vor 50 Jahren~1  Don Carlo Zeichnung

Was geschieht da? Ein Mann über 70, ein Lebensabschnitt also, wo man in unserer Gesellschaft ohne Abstriche als „alt“ gilt, singt eine neue Rolle – und das Publikum stürmt die Vorstellung. Warum? Nun, weil es sich längst nicht nur um einen Sänger, um einen Künstler handelt, sondern um ein Phänomen. Einen Mann, der von einem inneren Dämon getrieben scheint, immer noch – im Wagner’schen Sinn? – „Neues“ zu machen. Der seine erfolgreiche Tenor-Karriere nicht nur als Dirigent verlängert hat (was ja dann nicht so spektakulär wäre), sondern durch seinen Umstieg auf die großen Bariton-Rollen Verdis. So sehr das Feuilleton und jener Teil des Publikums, das ihn nicht bewundert, auch den Kopf schüttelt, er reihte nach dem Initial-Erfolg mit „Simon Boccanegra“ eine neue Rolle an die andere. Um nun beim Marquis Posa zu landen, dem jungen Freund eines jungen Helden…

Und warum kommt das Publikum? Wollen Sie dabei sein, wie Placido Domingo „eine Bretzen reißt“, wie man in Wien so unzart sagt? Manche vielleicht. Die meisten hielten die Daumen und brachen zwischendurch und am Ende in hellen Jubel aus. Nein, er hat sich natürlich nicht blamiert. Dazu ist er viel zu intelligent. Es war sicher keine unvergessliche Spitzenleistung (nicht so überzeugend wie der Macbeth im Theater an der Wien oder der Nabucco, den die Met ins Kino brachte) – aber es war immer noch gut.

Domingo ist Domingo, das Phänomen, man muss nicht über sein Alter sprechen. In dem idiotischen Kittel, den die Wiener Inszenierung ihm verpasst (als ob man so am Hofe von König Philipp II. ausgesehen hätte…) wirkt er nicht älter und nicht behäbiger als mancher mittelmäßige, nicht ganz junge Bariton, der in dieser Rolle schon durch diese Nicht-Inszenierung geschritten ist. Da der Don Carlo von Ramón Vargas nun auch kein Jungspund ist, gibt es hier auch keine peinlichen Generationenbrüche. Theater ist Illusion, Oper ist es auch, Pavarotti hat sich jung und schlank und schön gesungen (wie Barbara Zeininger es ausdrückt), Domingo kann sich – in Grenzen, aber doch – in den Marquis Posa singen.

Er ist intelligent genug, um die Rolle zu spielen – wenn er im Autodafé-Akt seinen Freund Carlo wirklich besorgt und verwirrt beobachtet, wie dieser seinen Vater herausfordert, und dieser Posa mit „A me il ferro“ dazwischen tritt, dann ist das ein starker, fast atemberaubender Moment. Wenn er König Philipp II. die Verzweiflung schildert, die in einem spanisch besetzten Flandern herrscht, argumentiert er mit Feuer (wenn auch nicht jugendlichem). Und die legendäre Szene von Posas Tod? Da stehen tausende Tode, die er auf der Bühne schon erlitten hat, als Erfahrung helfend dahinter – das ist gekonnt, ergreifend. Natürlich kann er das spielen.

Domingo weiß auch, dass er diese Rolle an sich singen kann, sie stellt an den Interpreten keine größeren Schwierigkeiten als die anderen. Trotzdem besteht ein großer Unterschied darin, eine Rolle gelernt zu haben oder sie wirklich zu beherrschen. Den ganzen Abend lang schwebte über Domingo Unsicherheit und auch daraus resultierende Anstrengung – die großen, schönen Bögen, Posas berühmte Kantilenen gelangen selten, da war eher die Bemühung zu spüren, über die Runden zu kommen, was manchmal auch recht abgehackt ausfiel. Und da Domingo immer noch wie Domingo, sprich, wie ein Tenor singt, hatte man in den Duetten mit Don Carlo manchmal glatt Schwierigkeiten, die beiden Stimmen zu unterscheiden. Wobei der Sänger auch (wie ein Tennisstar so nebenbei ein As hinknallt, wenn er es kann) jede Gelegenheit benützte, Posas hohe Passagen („Inaspettata aurora in ciel appar!“) in reine, geradezu glanzvoll klingende  Tenorstellen zu verwandeln… der Kater lässt das Mausen nicht.

Und doch, allen Einwänden zum Trotz: Was jeder mittelmäßige Bariton in dieser Rolle hören lässt, bringt Placido Domingo noch lange. Wieso? Merkt Euch, junge Sänger, legt Euch eine hervorragende Technik zu. Dann singt ihr auch noch, wenn es von der Natur her längst nicht mehr vorgesehen ist…

Und was nun? Das Repertoire ist bald ausgeschritten. Wenn er nicht noch einen Attila dazwischen schiebt, bleiben bald nur noch Jago und als Krönung Falstaff. Und dann? Vielleicht ein später Don Giovanni zum Drüberstreuen? Als man Konrad Adenauer einmal zu einem hohen Geburtstag gratulierte und auf den Hunderter hinwies, antwortete dieser: „Wir wollen Gottes Großzügigkeit doch keine Grenzen setzen.“ In diesem Sinn…

Der Don Carlo des Ramón Vargas war schon bei der Premiere vor ziemlich genau fünf Jahren mit dabei, und die Zeit geht an niemandem spurlos vorbei. Zu Beginn schien er sich auf der Bühne einzusingen (was das erste Duett mit Posa ausgesprochen rumpelig machte, da waren beide noch gar nicht in der Spur), und tatsächlich kam er erst zum finalen Duett mit Elisabetta zu dem Niveau, das man früher vom ihm kannte.

Den König Philipp II. von Ferruccio Furlanetto kennt man nun auch schon seit zwanzig Jahren, und es hat den Anschein, als würde er immer schlanker. Was sich glücklicherweise (bis auf ein paar fahle und ein paar angestrengte Stellen) nicht auf die Stimme auswirkt: Die fließt noch immer voll und schön, und die große Arie (wunderbar begleitet von dem Cellisten, dessen Namen ich leider nicht kenne) war wunderbar ausdrucksstark in seiner Verzweiflung, nicht geliebt zu werden. Sonst war er ganz die starre, kalte Persönlichkeit, die nur angesichts von Posa ein wenig aufbricht – und im Entsetzen, als er ihn dem Großinquisitor opfern soll. Kein Zweifel, der König war der König des Abends.

Hingegen kränkelnden die beiden anderen dunklen Stimmen, ein sehr schwacher Großinquisitor (Alexandru Moisiuc) und ein geradezu kläglicher Carlo Quinto (Ryan Speedo Green) – für die Rolle haben wir mindestens zwei hochrangige Besetzungen am Haus!!!

Auch die Elisabetta der Krassimira Stoyanova war schon bei der Premiere dabei. Die Stimme hat sich verändert, ist dünkler geworden, die leichten, strahlenden, schwebenden Töne der Königin kommen nicht mehr bei jeder Anforderung so selbstverständlich, aber trotzdem war die Rolle ganz wunderbar gesungen.

Elena Zhidkova ist noch immer so schön wie 2014, als man ihr in „Adriana Lecouvreur“ erstmals begegnete und sie Angela Gheorghiu fast die Show gestohlen hätte. Wenn diese Prinzessin Eboli als „don fatale“ ihre Schönheit verflucht, hat sie viel zu verfluchen. Sie tut es mit einem kraftvollen Mezzo, der in der Tiefe schöner ist als in der Höhe, aber durch die Attacke ihres Ausdrucks (auch schon im Schleierlied) überzeugt.

Als Stimme vom Himmel durfte erstmals Hila Fahima in höchsten Höhen zwitschern, und auf der Galerie hörte sie sich an, als käme sie direkt aus dem Luster – Geheimnisse der Akustik. Andere Kleindarsteller blieben sehr auf der Erde, Margaret Plummer, die man als Tebaldo wie eine Parodie auf Christian Thielemann hergerichtet hatte, oder Carlos Osuna, der klang, als ob er sich ärgerte, in den klassischen Wurzenrollen von Lerma und Herold auf der Bühne stehen zu müssen.

Besonderen Zorn entfacht immer wieder die „Im leeren Raum herumstehen“-Nicht-Inszenierung, für die man Daniele Abbado einst vermutlich viel Geld gezahlt hat und die nicht nur hässlich und ideenlos, sondern auch schlecht gemacht ist. Vielleicht ist vor allem der Damenchor deshalb durch das zweite Bild geschwommen.

Eine Menge Unregelmäßigkeiten gingen auch auf das Konto von Myung-Whun Chung am Dirigentenpult, der ohne Partitur antrat, was nicht immer gut ging. Es gab Schnitzer zwischen Bühne und Orchestergraben, und mit einer Neigung zu überlautem Tschindarassa ist der Reichtum dieser stimmungsmäßig so großartig gefächerten Partitur nicht auszuschreiten.

Aber die Sänger haben den Abend gerettet, und das Publikum war fair genug, nicht nur Domingo, sondern alle Hauptdarsteller zu bejubeln.

Renate Wagner

Nach den diversen „Zeit“-Kalamitäten will die Staatsoper kein Risiko mehr eingehen. Dreidreiviertel Stunden gab man am Programmzettel als Spieldauer an, am Ende waren es dann „nur“ dreieinhalb. Beifall natürlich nicht mitgerechnet.  

 

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