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WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE – unerwarteterweise fast eine Sternstunde

18.06.2013 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE am 16.6.2013 – Unerwarteterweise fast eine Sternstunde

Als sich Peter Schneider im Zeitlupentempo und langsamer als sonst zum Pult vortastete, sanken meine Erwartungen auf den Nullpunkt. Die Dalayman konnte beim letzten Mal ja schon nicht punkten und war nach deutlichen Buhs zur zweiten Vorstellung erst gar nicht angetreten, weiters fragte ich mich, ob Anja Kampe wohl erholt genug sei, um als Einspringerin alles aus sich herauszuholen? Sie war es, um das gleich vorweg zu nehmen.

Peter Schneider zündete das Feuerwerk in gewohnter Farbenpracht, es riss ihn förmlich aus seinem Sitz, der Abend fing also doch noch sehr gut an. Und so sollte es weitergehen: Anja Kampe beeindruckte als schönstimmige Sieglinde, jeder Ton ein Genuss, und durch eine hingebungsvolle Rollengestaltung. Ich sah in letzter Zeit keine Sieglinde, die sich auf den Bauch griff, wenn sie offenbar eine Kindesbewegung spürt. Johan Bothas Siegmund schien mir noch besser in Form zu sein als sonst, der Wälseruf begann jeweils im piano und erstrahlte nach kräftigem missa di voce im forte, auch schauspielerisch gelang Botha einfach alles. Als er beim Verbeugen nach dem ersten Akt stolperte und hinfiel und nicht sofort wieder in die Höhe sprang, setzte der Applaus jäh aus, schwoll aber gleich zu Orkanstärke wieder an, als sich herausstellte, dass er sich offensichtlich doch nicht verletzt hatte, wie das im ersten Augenblick zu vermuten war. Ich hatte mich für ein paar Augenblicke lang schon frühzeitig nach Hause gehen gesehen!

Der erste Akt hätte doch ein paar Minuten länger als sonst gedauert, ließ ich mich in der ersten Pause belehren, ich habe subjektiv nichts bemerkt. Über das Phänomen, dass objektive Zeitnahme und subjektives Empfinden der Länge eines Musikstückes nicht übereinstimmen, ist ja schon viel geschrieben worden.

Ain Angers Hunding wird von Serie zu Serie immer besser, prachtvoll orgelnd, und imponierte wie immer mit einer beeindruckenden Rollengestaltung. Dass Wagner den ganz und gar unschuldigen Hunding schon einmal so benannt hat und damit einen miesen Charakter suggeriert, das ist eben so und ist widerspruchsfrei hinzunehmen. Werkgerecht gibt Anger einen bösartigen und zu allem entschlossenen gehörnten Ehemann. Auch Mihoko Fujimuras Fricka wuchs über sich hinaus und war besser als sonst. Für die ganz tiefen Töne stand ihr nach schneller Verausgabung sehr bald kein größeres Tonvolumen mehr zur Verfügung, aber trotzdem war ich persönlich sehr angetan von ihrer Leistung.

Nach Stemmes Weltklasse-Brünnhilde sollte man bei Katarina Dalayman eher ihre eigene letzte Leistung im Haus zum Vergleich heranziehen, ich darf mir ja kein Stemme-Double erwarten. Das wäre ungerecht und unfair. Und mit dieser Grundeinstellung wurde ich von der Dalayman sehr positiv überrascht. Nur die ganz hohen Töne entrieten ihr etwas scharf, sie brachte sich aber insgesamt doch sehr gut durch, schlug sich sehr tapfer und beeindruckte auch was ihre schauspielerische Leistung betrifft. Mich persönlich nahm sie im Verlauf des Abends immer mehr für sich ein und ließ anfängliche kleinere Unebenheiten schnell vergessen. Sie reagierte deutlich sichtbar auf jeden bedeutungsgebenden Satzteil Wotans mit entsprechender und situationsangepasster Mimik, und gab eine gehorsame und liebende Tochter. Als sie letztlich dann doch etwas weniger Applaus bekam, tat sie mir sogar leid. Sie hat vielleicht ihr Bestes abgeliefert!

Tomasz Konieczny muss man mögen. Wer seine unvermuteten und nicht immer durch den Text gerechtfertigen wechselnden Klangfarben, dies auch innerhalb einer musikalischen Phrase, nicht mag, der sollte am besten eine Vermeidungsprophylaxe betreiben. Dabei hat sich Konieczny sehr stark verbessert und diese früher deutlicher gewesene Eigenart beinahe ausgemerzt! Ich habe mich an sein manchmal eigenartiges Timbre gewöhnt, ja mit ihm angefreundet und mag es sogar. Für eine durchdrungene Rollengestaltung des Wotan ist er natürlich auf jeden Fall noch zu jung, aber er fängt ja auch schon sehr früh an, und das auf hohem Niveau. Als Operndirektor, der für 2020 plant, würde ich den Sänger mit etwas Glück als der allerersten Klasse zugehörig handeln. Natürlich hätte er als Rheingold-Alberich den größeren Erfolg, weil diese Rolle besser zu seiner Stimme passt. So gescheit ist Konieczny selber auch. Aber wer sagt denn, dass er das immer so halten will? Hat er nicht recht, wenn er sich zu verändern strebt und für die nunmehr immer größer werdenden Möglichkeiten seiner Stimme neue Betätigungsfelder sucht?

Bei den Walküren hörte ich von Donna Ellen, Caroline Wenborne, Alexandra Reinprecht, Stephanie Houtzeel, Ulrike Helzel, Zsuzsanna Szabo, Aura Twarowska und Juliette Mars nur Gutes.

Einem musikalisch ausgezeichneten Tristan war also eine wunderbare und wirklich mehr als achtbare Walküre gefolgt, ich verließ das Haus beglückt und in Hochstimmung. Und das kann ich nicht von jedem Abend in der Staatsoper behaupten.

Otmar Seemann

 

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