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WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE – Momentaufnahme eines Opernfreundes aus der deutschen „Provinz“

17.06.2013 | KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper: 16.6.2013: „DIE WALKÜRE“. Momentaufnahme eines Opernfreundes aus der deutschen „Provinz“

 Eine Europareise lenkte die Schritte meines Wohnmobils als erste Station ins altvertraute Wien, wo kurz nach Wagners 200.Geburtstag sein Schlachtross Grane zu besichtigen war – und das in mehr als wörtlichem Sinn: Zu Beginn des 3.Akts stehen hier in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf (Bühne: Rolf Glittenberg; die überwiegend stilvollen Kostüme: Marianne Glittenberg) acht Gipsgäule den Wotanstöchtern im Wege, zwischen denen sie die Fluchtversuche der immer noch zappelnden gefallenen Helden energisch vereiteln und und sie ungerührt gen Walhall befördern.

Erstaunlicherweise beeinträchtigte diese leicht komische Gruppengymnastik die mit neckischen Kleidchen bewehrten Damen Donna Ellen, Caroline Wenborne, Alexandra Reinprecht, Stephanie Houtzeel, Ulrike Helzel, Zsusanna Szabó, Aura Twarowska und Juliette Mars nicht an einem wohlabgestimmten Ensemblegesang ohne Störfaktoren.

Überhaupt war es das gediegene bis hinreißende musikalische Niveau, das der Auführung den Stempel aufdrückte. Die Garantie dafür lieferte Peter Schneider am Pult. Vom aufgewühlten Orchestervorspiel über die kammermusikalische Delikatesse der ersten Szene bis zum emphatischen Finale gestaltete er diesen kostbaren 1. Akt zum Dramma lirico, indem er den Sängern erlaubte, ihre Melodien in jenem deutschen Belcanto auszusingen, den Wagner unermüdlich einforderte. Und siehe da: Dies geschah nicht auf Kosten des Dramas. Er sorgte in jedem Moment für die unerlässliche Balance, die es nicht zum Kampf zwischen Sängern und Orchester kommen ließ. Die Spannung entstand aus dem differenzierten Geben und Nehmen zwischen Bühne und Graben.

Dafür standen auch die dafür nötigen Sängerdarsteller zur Verfügung. Anja Kampe, für die erkrankte Martina Serafin eingesprungen, ersetzte ihre beliebte Kollegin vollwertig durch die Einheit von Ton und Wort beim Singen und ihren vollen körperlichen Einsatz beim Spiel. Sie war eine Freude für Auge und Ohr. Dagegen musste sich Johan Botha durchsetzen. Was ihm an darstellerischer Beweglichkeit fehlt, vermag er mit der traumwandlerischen Sicherheit seiner Tongebung wettzumachen, die durch vorbildliche Diktion ergänzt wird. Ein sieghaftes Wälsungenblut krönte das berauschende Liebesduett. Ain Anger, ein gefährlicher Hunding von kernigem, wenn auch nicht schwarzem Bass, rundete den 1. Akt ab.

Den 2. Akt dominierten die Götter. Mihoko Fujimura lieh der Fricka mit voluminösem Mezzo und und gespannter Ausdruckskraft die nötige Autorität gegenüber ihrem Göttergatten, der mit seiner kriminellen Energie ihre Familienordnung gefährlich ins Wanken bringt. Der war bei dem noch jungen Tomasz Konieczny in erstaunlich guten Händen. Er spielte die Widersprüche des zwischen Machtwillen und Liebe zerriebenen Gottes temperamentvoll und differenziert aus und beglaubigte diesen inneren Kampf mit ausdrucksfähigem, metallisch gestähltem Bassbariton. Was seinem Timbre noch fehlt, ist die hoheitsvolle Würde für Stellen wie wonniger Rührung üppigen Rausch… Doch dafür hatte er eine Lieblingstochter an der Seite, der die Aufmerksamkeit des Publikums sicher war: Katarina Dalayman, eine von den Brünnhilden, deren hochdramatischer Sopran aus einem soliden Mezzo-Fundament steht, was dieser Wotanstochter zusätzliche anrührend-menschliche Züge verleiht. Umso erfreulicher, dass sie sich auch hörbar die gefürchteten Höhen erarbeitet hat.

Alles in allem eine musikalisch und gesanglich geglückte Aufführung, deren schwächere Stellen (etwa die matte Tiefe des Tenors bei der Todesverkündigung oder das wenig göttliche Timbre des Baritons) schnell vergessen gemacht wurden durch die zueinander passenden Stimmen, die allesamt auf hohem Niveau sangen. Das wurde ihnen auch leicht gemacht durch Peter Schneiders hörbare Allgegenwart als Anwalt der Sänger und souveräner Klangformer im Orchester. Eine schöne, abgerundete Aufführung.

Johannes Schenke

 

 

 

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