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WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE

18.05.2015 | Oper

WIENER STAATSOPER: DIE WALKÜRE – 17.5.2015

Es ist die 22. Aufführung des von Sven-Eric Bechtolf inszenierten 1. Tages des Bühnenfestspiels. Ich habe das Rheingold am Vorabend nicht gesehen, da ich im Museumsquartier der Eröffnung der Wiener Festwochen mit Salvatore Sciarrinos Oper Luci mie traditrici beigewohnt hatte. Mir fehlt daher der Vergleich zum Dirigat Simon Rattles am Vortag. Für mich sorgte der geadelte Brite am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper jedenfalls für einen spannenden Abend. Schon das Vorspiel steigerte sich knapp vor dem Öffnen des Vorhangs derart schnell, wie ich es früher in dieser Intensität noch nie so erlebt hatte.

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Christopher Ventris. Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

Die Bühne gibt den Blick frei auf eine zentral positionierte Weltesche, deren Stamm wie in einem bayerischen Biergarten mit Holztischen umrandet ist. Und dieser Biergarten ist darüber hinaus noch mit einem klassizistischen Gemäuer mit Deckenfries eingefasst.

Und dann fallen einem Regiedetails positiv auf, wie ich sie vorher noch nicht wahrgenommen oder wieder vergessen hatte. So wäscht beispielsweise Sieglinde Hände und Füße von Siegmund, dem Gastfreund, und ihrem ungeliebten Gatten Hunding, welche Szene wegen ihrer demutsvollen Geste stark an die Kundry im dritten Akt des Parsifal erinnert. Das Schwert, welches Siegmund später dem Stamm der Weltesche entzieht, hat seine Parallele natürlich in der Artussage. Brünnhilde überzeugt sich dann gleich gegen Ende des zweiten Aktes, ob aus der geschwisterlichen Liebesnacht auch eine Frucht entspross, indem sie den Bauch der schlafenden Sieglinde vorsichtig betastet.

Christopher Ventris bot einen stimmgewaltigen Siegmund, dem wunderbare Wälse-Rufe gelangen, fallweise war aber doch eine „very british“ klingende Aussprache festzustellen, etwa bei „erfrischt“ und weiteren Worten, die mit dem Konsonantenpaar „sp“ oder „st“ begangen. Auch das typische „dark l“ der Briten schlich sich gelegentlich in Worte wie „Quell“ oder „Schild“ ein. Nach dem aus dem Orchestergraben etwas holprig erklingenden Übergang zu den „Winterstürmen“ klang dann noch sein finales „Wälsungenblut“ etwas angestrengt, doch dies soll seiner sehr guten Leistung an diesem Abend keinen Abbruch tun.

Martina Serafin war gesanglich eine superbe Zwillingsschwester Sieglinde, die niemals forcieren musste und jede Regung der gequälten Gattin Hundings wundervoll zum Ausdruck brachte. Ebenso ihr leuchtendes Aufblühen als sie ihren Bruder wieder erkennt und ihn zum geliebten Manne kürt. Aber sie ist als Frau noch nicht derart gefestigt, den einmal eingeschlagenen Weg standhaft weiter zu verfolgen. Bereits auf der Flucht, überfallen sie Selbstzweifel, ob des Verrats an ihrem Gatten Hunding. Sie empfindet sich als geschändet und entehrt und fordert Siegmund voller Entsetzen auf, sie zu fliehen. Im dritten Akt schließlich fordert sie Brünnhilde verzweifelt auf, sie zu töten und erst als sie erfährt, dass sie Siegmunds Liebespfand, den noch ungeborenen Siegfried, als Leibesfrucht in sich trage, erwacht die aufopferungsbereite Mutter in ihr. Nur eines verleiht ihrem Leben noch Sinn: den Knaben heil zu gebären. All diese extremen Gefühlsregungen vermag die Sängerin so glaubwürdig und natürlich wieder zu geben, dass man von ihrer Interpretation der Rolle hin-und hergerissen ist.

Auch Mikhail Petrenko hatte als Hunding einige starke vokale Momente. Sein bedrohlicher Bass mit dem er den, heiliges Gastrecht unverletzlich machenden, ungeliebten Besucher mustert und ausfragt und zugleich die Reaktionen von Sieglinde und ihr erwachendes Interesse an dem Besucher mit Argwohn beobachtet, stellen einen der Höhepunkte des ersten Aktes dar.

Tomasz Konieczny bot zu Beginn des zweiten Aufzugs ein stimmlich sehr zurückhaltendes „Wotanchen“ mit verquollener Diktion. Erst im Verlauf des Abends legte sein Bariton etwas mehr an Fülle und Gehalt zu, sodass er einen zwar gut agierenden Göttervater, der schon einmal verzweifelt in der Auseinandersetzung mit Brünnhilde auf der Bühne zusammenbrechen darf. Ein gereifter Wotan mit sonorem vollrunden Bariton gelang ihm leider nicht.

Erfreulich dafür aber die Fricka von Michaela Schuster, die mit ihrer faszinierenden wandlungsvollen Stimme einmal drohend dann wieder schmeichlerisch ihren untreuen Göttergatten zurück zu gewinnen sucht und als Hüterin der Ehe den Tod von Siegmund fordert. Sie bekniet ihn sogar und erhält dieses Versprechen. In ihrem Liebeswerben wird sie allerdings zurückgewiesen.

Evelyn Herlitzius gab als Brünnhilde ihr fulminantes Rollendebüt an der  Wiener Staatsoper. Eine so intensive Brünnhilde hat man hier schon lange nicht mehr gehört. Jeder Ton saß, ohne dass die Sängerin jemals forcieren musste. Gleich zu Beginn überraschte sie mit lupenrein gesungenen „Hojotoho“-Rufen.

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Foto: Wiener Staatsoper/Pöhn

Das Oktett des Walküren im bajuwarischen Dirndloutfit sang durchwegs homogen und tollte auf der Bühne wie gewohnt herum, um die gefallenen Helden, die offenbar nicht so gerne nach Walhall gebracht werden wollen, einzufangen. Margaret Plummer als Waltraute und Carole Wilson als Schwertleite gaben in diesen Rollen ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Mit von der Partie noch Donna Ellen/Helmwige, Ildikó Raimondi/Gerhilde, Hyuna Ko/Ortlinde, Ulrike Helzel/Siegrune und Juliette Mars/Roßweiße.

Alle Mitwirkenden wurden am Ende ausgiebig beklatscht. In die Bravorufe bei Rattle und Konieczny mischten sich auch einige Buhrufe von der Galerie. Ich denke, damit werden große Künstler leben können!        

 Harald Lacina                                                   
Fotocredits: Wiener Staatsoper

 

 

 

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