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WIEN/ Staatsoper: DIE WALKÜRE. 1. Tag des 2. Zyklus

22.05.2017 | Oper

WIENER STAATSOPER: „DIE WALKÜRE“ – 1. Tag des 2. Zyklus    am 21.5.2017

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Robert Dean Smith. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Genau sehen zu können, wie sich die Liebesbeziehung zwischen Siegmund und Sieglinde entwickelt, jede kleine Geste, jeden Blick, eine Handbewegung hier, ein Augenaufschlag, eine Berührung – und gleichzeitig hören zu können, wie Robert Dean Smith und Camilla Nylund ihre Stimmen auf das Orchester der Wiener Staatsoper legen, das sie trägt, diesen Moment vor dem Verschmelzen von Bühne und Graben, das ist das doppelte Glück auf dem Sitz in der 1. Reihe!

So hatte der 1. Akt für mich etwas Magisches. Das lyrische Paar überzeugte. Smith ist nicht der von sich überzeugte schwergewichtige Held, sondern ein liebender Mann vom anrührend strahlenden „die Sonne lacht mir nun neu“ über das schmerzvolle „Wehwalt muss ich mich nennen“ bis zu seinen verzweifelten „Wälse!“-Rufen auf die am Siedepunkt spielenden Streicher. Camilla Nylunds klare jederzeit wortverständliche lyrische Stimme harmoniert dazu bestens.

Peter Schneider lässt mit sich stetig steigernder Spannung, aber den lyrischen Stimmen angemessen, ohne Druck musizieren. Er gibt instrumentalen Soli an Schlüsselstellen ihren Raum, z.B. bei der Überleitung in die 2. Szene (nach „Hunding will ich erwarten“). Über diese Solo-Oboenstimme der letzten 8 Takte hat Wagner sein „L.d.m.M.?“ (Liebst du mich Mathilde?) geschrieben, in die Regieanweisung das tiefe, ergriffene ineinander Versinken der Blicke von Siegmund und Sieglinde.

Jongmin Park kann nur eine Seite seines ebenso weichen wie wandlungsfähigen Basses zeigen. Leider wird Hunding in, wie mir scheint, zunehmendem Maße nur noch als gewalttätiger Mann inszeniert. Man wartet jedes Mal mit Grausen darauf, was Regisseuren noch an physischen Gewalttaten einfällt, die er an Sieglinde auslassen muss. Hundings Motive klingen hart, lauernd, rhythmisch hat er Eigenschaften der Nibelungen, aber auch etwas von den Riesen. Aber ist er purer Gewalttäter?!

Der 2. Akt ist kaum inszeniert. Also führt der Dirigent mit der Musik die Regie! Sind wir doch dankbar! Immer wieder hatte ich den Eindruck, als sei Peter Schneider gänzlich mit dem Orchester verschmolzen, zu einer Einheit, in der er doch gleichzeitig der Erste ist. Man hört, wie weit er als Dirigent emotional mit den Musikern zusammengewachsen ist, sieht, wie spontan die Kommunikation vonstatten geht, erlebt Dirigieren als die Kunst des Sichgebens.

Musikalisch beginnt der 2. Akt mit einem Energie-Stoß. Bei Petra Langs Hojotoho-Rufen klingen auch die kraftvollen Spitzentöne immer angenehm. Sie ist eine fast durchweg kindliche, oft kindische Brünnhilde, der manchmal nervende Backfisch. Mich stört das enorm in der Todesverkündigungszene. Ausgerechnet hier wird Frau Lang auch textunverständlich. Für das, was da komponiert ist, braucht es eine Wotanstochter, die um ihre Gottheit weiß. Die Lichtregie versetzt uns in den Bereich des Mystischen, das intensive Blau ist schwer zu durchschauen und färbt, oh Wunder, den Mantel der schlafenden Sieglinde blutrot. Dies ist einer von wenigen Aha-Effekten im 2. Akt. Ein anderer: Frickas Pfauenmantel. Der ist nun ganz und gar kein Zufall, sondern ein starkes Symbol für die ihr eigenen Wesenszüge. Die Pfauenfeder steht für Stolz, Vornehmheit und Ruhm. Pfauen sind außerdem dafür bekannt, dass sie giftige Pflanzen fressen, ohne dass sie selbst Schaden nehmen. Daher symbolisieren Pfauenfedern oft Unbestechlichkeit und Unsterblichkeit. Hera, so weiß es die griechische  Mythologie, platzierte das Pfauenauge auf die Federn, um allsehendes Wissen und die Weisheit der Götter zu symbolisieren. Mihoko Fujimura weiß diesen Mantel großartig zu tragen, und als sie ihn ablegt, sich also nicht mehr dahinter verbirgt, setzt sie alles ein – mit fester Stimme, viel Kraft, auch Härte, um ihr Ziel bei Wotan zu erreichen. Dann hüllt sich die Göttin wieder in den Pfauenfedermantel und schreitet davon.

Ab der 2. Szene (Wotanserzählung) überzeugt Thomas Johannes Mayer vollends. Der an Dramatik sich immer steigernde Erzählfluss der Musik kulminiert in seinem Ausbruch – da hat es ihn gepackt, da geht er an seine Grenzen.  Mit welcher Verzweiflung er „der traurigste bin ich von allen“ heraussingt, mit welcher Heftigkeit „O göttliche Not! Gräßliche Schmach!“ und seinen Hass auf Alberich herausschleudert, bis an die Grenzen geht, das war hochachtenswert.

Zu Beginn des 3. Aktes ist es vielleicht am spannendsten, zuzusehen, welche Höchstleistung den Holz-und Blechbläsern bei der Ankunft der Walküren abverlangt wird. Leider nimmt die Inszenierung nichts von dem auf, was komponiert ist. Die Walküren in ihren blutverschmierten Faltenröcken müssen Helden haschen, die immer wieder zu entfliehen suchen. Ihr Treiben im Hexenkessel – das wirkt, pardon, lächerlich. Stimmlich sind sie das keinesfalls: Regine Hangler (Helmwige), Caroline Wenborne (Gerhilde), Hyuna Ko (Ortlinde), Margaret Plummer (Waltraute), Ulrike Helzel (Siegrune), Monika Bohinec (Grimgerde), Zoryana Kushpler (eingesprungen für Bongiwe Nakani, Schwertleite) und Rosie Aldridge (Roßweiße).

Wotans Ankunft gleicht musikalisch einem Weltuntergang, einem Inferno. Noch einmal ist es geradezu atemberaubend, zu hören, wie sein immer wieder aufwallender Zorn sich schließlich wendet. Das Englischhorn leitet zart Brünnhildes „War es so schmählich, was ich verbrach“ (e-moll) ein; bei „Der diese Liebe mir ins Herz gehaucht“, hat sie Wotan bezwungen. Nicht vergessen werde ich ihr glücklich strahlendes Gesicht, den halboffenen Mund, wenn Wotan ihr schließlich das Schutzfeuer gewährt. Solche erlöste Seligkeit habe ich an dieser Stelle noch nie gesehen. 

Und dann küsst Wotan zu geheimnisvoll abwärts gleitenden Harmonien die Gottheit von ihr; die Streicher in weichstem E-Dur, dazu Hörner und tiefe Holzbläser, malen geradezu das sanfte Niedersinken Brünnhildes. Sven-Eric Bechtolf will es anders. Sie stürzt von Wotans Seite wie ein gefällter Baum! Wotan bedeckt sie mit ihrem Brautkleid, dann bringen ihn ein paar heftige Bewegungen der Celli und Bässe in die Wirklichkeit zurück. Er ruft Loge. Die finalen Feuer-Projektionen wirken kalt im Vergleich zu dem, was aus dem Orchestergraben kommt.

Der Jubel und Applaus ließ erkennen, dass man diesen Dirigenten noch lange haben will!

Kerstin Voigt

 

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