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WIEN / Staatsoper: DIE FRAU OHNE SCHATTEN

18.03.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
DIE FRAU OHNE SCHATTEN von Richard Strauss
Wiederaufnahme
25. Aufführung in dieser Inszenierung
17. März 2012  

So oft man die „Frau ohne Schatten“ sieht, verheddert man sich in dem Gedankenkonstrukt und der Sprache von Hugo von Hofmannsthal. Und dennoch lässt man sich nie abhalten, in diese Oper zu gehen, denn sie ist sozusagen die Essenz dessen, was Richard Strauss zu schaffen imstande war, wenn er sich hemmungslos an den anderen Richard vor ihm anlehnte: „Die Frau ohne Schatten“ ist nicht nur die hohe Schule des kompositorischen Könnens, sondern einfach ein musikalisches Meisterwerk aus genuinem Talent, gebrochen durch Wagner’sche Inspiration. Man kann sich nicht satthören.

Und in der neuen Wiener Aufführung schon gar nicht, die zu einem schlechtweg prachtvollen Abend geriet. Die Wiederaufnahme wurde in erster Linie zum Triumph des Franz Welser-Möst. Man hat schon viel Tolles von ihm gehört, aber so gut wie immer blieb das Gefühl, als wäre da ein minimaler Rest von Distanz von Seiten des Dirigenten. Diesmal war alles anders – Welser-Möst stürmte mit den Philharmonikern so entfesselt los, wie man ihn noch nie gehört hat, ohne Angst vor Lautstärke und gewaltigem Effekt. Nein, Welser-Möst hat sich diesmal keine Hemmung auferlegt und ließ die Philharmoniker mit einer Sinnlichkeit und Kraft spielen, dass es stellenweise zum Niederknien war. Die Orchesterzwischenspiele waren prächtig formuliert, die fast kammermusikalischen Passagen, in denen Strauss einzelnen Instrumenten Soloaufgaben gibt, wurden mit schier unendlicher Geduld und dabei Spannung ausgeführt, schließlich die vielen schwierigen Ensembles souverän zusammen gehalten. (Die magischen Szenen aus dem „Off“ erklangen übrigens wie aus dem Zuschauerraum – hat man da etwa in der Oper eingebaut, was im Kino „Dolby Sourround“ oder so ähnlich heißt?).

Man kommt nicht darum herum, die alte Prachtinszenierung von Robert Carsen in der Ausstattung von Michael Levine, die seit 2003 nicht mehr gezeigt und nun revitalisiert wurde, mit jener von Christof Loy bei den letzten Salzburger Festspielen zu vergleichen. Beides sind „konzeptionelle“ Inszenierungen, die auf einer Grundidee beruhen. Nur war Loys Grundidee, alle Darsteller bei einer Plattenaufnahme herumstehen zu lassen, der Tod des Werks. Carsens Idee, die „Kaiserin“ gewissermaßen einer Freud’schen Therapie zu unterziehen und sie so von ihren Komplexen zu erlösen, erwies sich hingegen wiederum (gerade in Wien) als ingeniös. Die reiche Dame, die da in einem Sanatorium in einem Luxuszimmer liegt, bewacht von einer Krankenschwester (Amme), besucht von einem Arzt (Geisterbote), und die sich selbst – in Verdoppelung der Rolle – in die Färberin hineinträumt, beschwört so viel von parallelen Bewusstseinswelten, von Symbolen, die in der Psychoanalyse wichtig sind (die verschlossenen, zu durchschreitenden Türen, das Wasser), dass man ganz vergisst, dass der Text natürlich nicht wirklich passt. Aber der passt nie. Die Handlung jedoch  fügt sich, so gesehen, goldrichtig in Carsens Konzept, das viele durchdachte Feinheiten bietet (etwa die Umdrehung des Krankenzimmer-Bühnenbildes im dritten Akt, bevor es versinkt).

Und es ist ein Rahmen, innerhalb dessen die Sänger ihre Rollen auch spielen, verkörpern, in ihrem vollen menschlichen Umriss auf die Bühne stellen dürfen. Das sieht man vor allem an dem Färberpaar, das mit Evelyn Herlitzius und Wolfgang Koch genau so besetzt ist wie in Salzburg, wo sie völlig „eingesperrt“ waren  –und erst in Carsens Wiener Inszenierung können sie sich nun richtig entfalten.

Wobei mir Barak noch nie so leid getan hat wie angesichts dessen, was Evelyn Herlitzius auf die Bühne stellt. Das ist wirklich eine Gänsehaut-Färberin – und das nicht, weil man die Rolle wesentlich schöner singen kann, als sie es tut. Das spielt überhaupt keine Rolle. Sie gestaltet eine aus Frustration und innerer Leere so böse gewordene Frau, dass es sich in hexenhafter Attitüde und zugleich einer wirklich bemitleidenswerten innerer Verzweiflung manifestiert. Die Herlitzius ist einfach ein Naturereignis, und wenn man auch in seinem Leben ein ganze Schar herausragender Vorgängerinnen aufzählen kann (Ludwig, Nilsson, Jones, Polaski, auch Schnaut und DeVol waren machtvolle Vertreterinnen der Rolle), ist einem die Färberin kaum je so unter die Haut gegangen wie an diesem Abend.

Und auch Wolfgang Koch ist im Gegensatz zu Salzburg diesmal wirklich der Färber, wunderbar der einfache Mann, der versucht mit der zerstörerischen Elementarkraft „Frau“ zurecht zu kommen, und dem man glaubt, dass seine Liebe nie erlahmt und siegt – zudem prachtvoll schön gesungen dank einem immer starken, dabei fast lyrisch strömenden Bariton.

Die dritte Kraft des Abends war die Kaiserin der Adrianne Pieczonka, nicht nur, weil sie eine so schöne Bühnenerscheinung ist, sondern weil sie über eine echte Kaiserinnen-Stimme verfügt, und die wachsen ja nun wirklich nicht auf den Bäumen. Sie wird nie (das unterscheidet sie von der Kraft- und Karacho-Sängerin Herlitzius, die natürlich auch daraus wieder Effekt holt) mit gewaltsamem Einsatz singen müssen, ihre Stimme schwingt sich mit aller Selbstverständlichkeit in die Höhen, strahlt in allen Lagen gleichmäßig, beunruhigt den Zuhörer nie durch irgendwelche Schwierigkeiten. Das singt ihr heute vermutlich nicht so schnell eine Kollegin nach.

Schade, dass ihr Gatte nicht in Form war: Robert Dean Smith als Kaiser klang glanzlos und kraftlos, er fiel im Gefüge der Hauptpersonen nicht nur unter die Orchesterwogen, sondern auch spürbar ab, aber es ist davon auszugehen, dass das einfach Abendverfassung war: Man weiß, dass er es besser kann.

Was man bei der enttäuschenden Begegnung mit Birgit Remmert nicht annehmen würde: Das ist eine ungleichmäßige und so gut wie nie schön klingende Stimme. Auch ist die Amme vielleicht das einzige Opfer dieser Inszenierung – als Magierin in einer „Märchenwelt“ täte sie sich leichter als im weißen Mantel einer Krankenschwester, die in ihrer Person nicht gänzlich überzeugend versucht, das Geschehen zu lenken.

Von der ganzen Riesenbesetzung bekommt man bewusst nur den Geisterboten (Wolfgang Bankl, kaum zu erkennen in der Aufmachung als Arzt) und die drei Brüder von Barak (Adam Plachetka, Alexandru Moisiuc, Herwig Pecoraro) zu Gesicht. Der Rest schmiegte sich als Stimmen ins Ohr, der oder die eine oder andere erkennbar.

Das Publikum hatte sich um den Abend nicht wirklich gerissen, es gab Stehplätze aller Kategorien, und viele Restplätze wurden an der Stehplatzkasse verbilligt abgegeben. Aber das außerordentliche Ereignis griff: Das Publikum jubelte verdientermaßen.

Renate Wagner

 

 

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