Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Staatsoper: DIE FRAU OHNE SCHATTEN – Wiederaufnahme

17.03.2012 | KRITIKEN, Oper

 WIEN/ Staatsoper: DIE FRAU OHNE SCHATTEN – Wiederaufnahme am 17. 3.2012

Gestern durften wir Zeugen eines denkwürdigen Opernabends werden: Die Wiederaufnahme der Frau ohne Schatten, einer „Prüfungsoper“  – nicht nur thematisch sondern auch qualitativ im Range von Zauberflöte und Parsifal – geriet zu einem fulminanten musikalischen Ereignis. Das einzigartige Staatsopernorchester stellte unter der Leitung von Franz Welser-Möst wieder einmal seine Strauss-Kompetenz zu Gehör. Die Riesen-Besetzung mit vielen ungewohnten Instrumenten wie Glasharmonika, Gongs, Donnermaschine udgl. mehr erlaubte ein fast grenzenloses Musizieren – von ausserirdischen Streichersoli über innige kammermusikalische Sequenzen bis zu fast brutalen Ausbrüchen. Mit dieser Interpretation hat sich Franz Welser-Möst endgültig in der ersten Reihe der Strauss-Dirigenten etabliert. Der Chor und die Solistengruppen aus dem grossartigen Ensemble sorgten dafür, dass an diesem Abend fast alle Wünsche und Hoffnungen erfüllt wurden.

 In diesem Umfeld erlebten wir eine Adrianne Pieczonka als elegante, stimmlich und darstellerisch hervorragend gestaltende Kaiserin, die auch schon als Ariadne gezeigt hat, dass sie als dramatische Strauss – Sopranistin das Maß der Dinge ist.

 Robert Dean Smith als Kaiser hat offensichtlich den Wunsch von Richard Strauss, diese Partie zu singen und nicht zu brüllen, übererfüllt. Wir hatten – trotz sehr einfühlsamer Orchesterführung – zum Teil Probleme mit der Hörbarkeit. Vielleicht liegt das auch daran, dass es aufgrund der bekannten technischen Probleme keine Generalprobe gab – die Folgevorstellungen werden es weisen.

 Das niedrigere Paar war dies nur im Rang – nicht in der Qualität der Gestaltung. Wolfgang Koch ist mit seiner Art der Darstellung des Barak eine Idealbesetzung. Die Stimmschönheit als Ausdruck für die Güte und Gutmütigkeit – die zur Gleichgültigkeit führt – und die Bedrohlichkeit, wenn er die Fassung verliert, sind beeindruckend.

 Ein weiterer Glücksgriff ist Evelyn Herlitzius als zuerst vernachlässigte, dann endlich fordernde, temperamentvolle Färberin, die mit in allen Lagen sicher beherrschten Stimme und mit bühnenbeherrschendem Spiel ihren Gatten zum Ausbruch treibt. Wie schon im Jahr 2008 als Isolde hat sie sich nicht nur auf die Partitur beschränkt, sondern hat uns auch noch den einen oder anderen persönlichen Ton mitgebracht. Die eindrucksvollste Leisatung des Abends: diese Frau ist ein Vulkan!

 Birgit Remmert konnte das Niveau ihrer Kollegingen leider nicht erreichen – im Mezzo teilweise nicht hörbar, in den Höhen scharf, in der Mittellage gequält – wir hoffen auf die Folgevorstellungen.

 Die vielen kleinen Rollen erweckten den Eindruck einer Leistungsschau des wunderbaren Sängerensembles der Wiener Staatsoper: es wimmelte nur so von Solisten, die uns schon in vielen Hauptrollen erfreut haben – dementsprechend erfreulich war auch das Ergebnis. Besonders beeindruckt hat die Stimme von oben der Zoryana Kushpler – die stimmliche Präsenz und der klug gewählte Standort erzeugten eine ausserirdische Stimmung.

 Die bereits seit 1999 bekannte Inszenierung von Robert Carsen wird teils zustimmend und teils resignierend zur Kenntnis genommen. Wir persönlich würden uns eher eine Inszenierung wie in Graz wünschen, die die grossartige Geschichte von Hofmannsthal und Strauss erzählt. Bei einem Meisterwerk dieser Güte sind Umdeutungen (Kaiserin mit Vaterkomplex aus der Kindheit – behandelt in der Anstalt von Dr. Freud) respektlos und entbehrlich. Weder der Text noch der Handlungsverlauf sind passend – nicht zufällig erreicht die Inszenierung und die Ausstattung dann, wenn das Konzept nicht mehr konsequent durchgehalten wird, die stärksten Momente. Warum kann man eine so selten aufgeführte Märchenoper nicht „werktreu“ aufführen – eine Übersättigung des Publikums wie bei der 57. La traviata, La Boheme… kann wohl nicht der Grund für den krampfhaften Umdeutungswillen sein. Ergebnis: Mittelmaß korrigiert Genie!

 Weil wir von den psychiatrischen Krankenanstalten noch immer nicht genug zu haben scheinen, freuen wir uns schon auf den heutigen Tannhäuser vom Steinhof.

 Maria und Johann Jahnas

 

Diese Seite drucken