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WIEN / Staatsoper: DIE FEEN

03.03.2012 | Oper

Gergely Németi, Daniela Fally  (Foto: Staatsoper)

WIEN / A1 Kinderopernzelt in der Staatsoper: 
DIE FEEN von Richard Wagner
Premiere: 3. März 2012, 11 Uhr

Das hier ist nicht der Ort für detailreiche musikkritische Beachtungen, aber ganz stimmt die lapidare Angabe: „Richard Wagner: Die Feen“ einfach nicht. Das ist frei nach Richard Wagner, simplifiziert nach Richard Wagner, reduziert nach Richard Wagner – und mit 45minütiger Spielzeit bestenfalls ein Drittel des Originals. Eine so bearbeitete Fassung, dass unendlich viele Elemente herausfallen und nur eine etwas verbogene Feengeschichte bleibt. Einigen wir uns also darauf, was auch am Programmzettel steht: „Oper für Kinder“.

Zwar äußert Regisseur Waut Koeken im „Prolog“, es gäbe keinen Unterschied, für Kinder oder Erwachsene zu arbeiten, was – erlauben schon – ein Blödsinn ist: Denn Erwachsenen wäre diese Wagner-Jugendoper in ihrer Gänze sehr wohl zumutbar. Sie würde nicht unter die Qualitätsgrenze fallen, sie wäre ein hochinteressantes hochromantisches Werk zwischen Märchen und großer Oper mit politischer Haupt- und Staatsaktion, und man könnte in zahllosen Details aus dem Werk des ungemein begabten, handwerklich ungemein souveränen 20jährigen (!) Dichterkomponisten seine späteren literarischen und musikalischen Motive herausschürfen.

Die hier gezeigte Fassung eliminiert das so wichtige Frage-Verbot (Lohengrin!) ebenso wie die Intriganten-Handlung, was bleibt, ist ein bisschen „Rusalka“ (Geschöpf aus Zauberwelt liebt Menschen) und die Erlösung durch die Liebe. Auch musikalisch bietet diese auf ein Kammerorchester umgelegte Fassung nur simple, schöne, romantische Töne und das, was Wagner in mancher Arienführung von Weber geborgt haben mag. Wie sehr da vor allem in den Chören auch die Beethoven-Dramatik einschlug, wie er aber vor allem – vor allem! – schon am Weg zu seinem durchkomponierten, absolut nicht schlicht tonal verfahrenden Selbst war, das hört man nicht. Natürlich gibt es auch nicht den pompösen Chor, die Holländer-Rhythmik, die gnadenlose Hochdramatik…

Gut, lassen wir diese Überlegungen weg (nur: es wäre uns doch lieber, Nino Rota für die Kinder herzurichten als Richard Wagner). Was geboten wird, macht aus den herausgeklaubten Elementen des Originals eine herzige Kinderoper. Bloß, dass der Regisseur sich nicht entschlossen hat, die Geschichte einfach im Märchenwald spielen zu lassen. Nein, wir haben hier schon am Anfang, wenn Arindal, König von Tramond, auf die Jagd geht (der Krieg bricht in der Handlung ja erst später aus!), einen veritablen Kriegsschauplatz, Dreck, Müll, ein Autowrack (Bühnenbild: Agnes Hasun). Hier jagt es sich nicht so richtig überzeugend (immerhin trägt der König Uniform, typischer Kampfanzug für Dschungelkrieg – Kostüme: Carmen van Nyvelseel), aber als sich das angeschossene Tierchen als schöne Fee herausstellt… na gut. Und Feenkönig, andere Feen erscheinen (hier sind es nur zwei, aber sie wureln herum wie später die Rheintöchter) – der Mensch driftet ab in eine bessere Welt.

Dann bricht in der zweiten Szene die reale Welt ein: Haben Arindal mit Heldentenorgewalt und Fee Ada mit sehr, sehr hohem, sehr beanspruchtem Sopran schon gezeigt, dass Wagner es Sängern nicht leicht machen würde, tritt nun die Schwester des Königs auf, und diese Lora ist eine Hochdramatische reinsten Wassers, die muss gesanglich etwas leisten (tatsächlich noch viel mehr, als sie hier darf). Die für diese Fassung reduzierte Gefolgschaft umfasst nur ihren Liebhaber und eine Art komischen Begleiter, und aus Pflicht geht der König, der im Krieg gebraucht wird, wieder in die Menschenwelt zurück.

Aber halt, wir haben ja das ewige Prüfungsmotiv (dass er sie eigentlich nicht nach ihrem Namen fragen darf und die Trennung tatsächlich erfolgt ist, weil auch Männer so neugierig sein können wie Elsa, spielt hier nicht mit): Wenn verlassen, wird Ada in dieser Fassung zu Stein (die Darstellerin zieht diskret einen grauen Schleier um sich). Und nochmals halt: Wir haben ja das ewige Erlösungsmotiv, nur dass diesmal sich nicht die Dame opfern muss, sondern der Mann die Liebe herbeisingt, die Welt verlässt, Happyend, man fasst auch die Kinder in der ersten Reihe an den Händen, Feenzauber, alles gut… Eine Oper, die zwar kaum rudimentär von Richard Wagner ist, aber 45 Minuten für Kinder (wenn auch für solche, die Feen und Kriegsschauplätze im Kopf vereinen können).

Kathleen Kelly steht, teils rührend mitsingend, ambitioniert am Pult ihrer kammermusikalischen Orchesterbesetzung und begleitet Sänger, von denen nicht alle mit der – Kleinheit des Raumes umgehen können. In diesem Rahmen ist Gergely Németi ein Heldentenor, nur wenn ihm Wagner so Schwieriges auferlegt wie jene Verhaltenheit, die später die „Gralserzählung“ so teuflisch macht, wirkt er leicht überfordert. Daniela Fally als Ada muss in so hohe Höhen, dass man begreift, dass für die Liebhaberin hier eine Zerbinettta für Wagner eingesetzt wurde.

Caroline Wenborne hat Wagner ja schon vielfach geübt: Sie schmettert die dramatischen Töne der Königsschwester mit Verve in den Raum. Mit Michael Roider als Gunther hat sie allerdings einen extrem trockenstimmigen Verehrer, da wirkt Hans Peter Kammerer als andeutungsweise komischer Begleiter stimmlich und darstellerisch überzeugender.

Die Feenwesen (um ein paar Statisten bereichert, auf die man auf der kleinen Bühne auch verzichten könnte) kommen meist aus der Tiefe, Versenkungsklappe hoch: Sorin Coliban als Feenkönig mit profundem Bass, Monika Bohinec und Donna Ellen als komisch herumwogende Feen, die Erstgenannte schneidender, die Zweite diskreter anzuhören.

Die Kinder plauderten, diskutierten untereinander das Geschehen, kurz, sie nahmen Anteil. Es war ja auch sehr hübsch. Wagner-Freunde geben den dringlichen Wunsch weiter, dass man sich ja auch einmal die Frühwerke des Meisters ansehen könnte. (Hat die Volksoper nicht auch einmal „Guntram“ von Strauss gespielt? Das waren noch Zeiten!)

Renate Wagner

 

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