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WIEN/ Staatsoper: DER ROSENKAVALIER – eine Farce?

01.06.2017 | Oper

WIEN/ Staatsoper: DER ROSENKAVALIER“-EINE FARCE? (31.5.2017)

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Sophie Koch, Linda Watson. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

 

Als aktuellen Ausflug in die Welt von Maria Theresia könnte man eine Wiener Repertoire- Vorstellung von „Der Rosenkavalier“ bewerben. Immerhin vermittelt die Inszenierung von Otto Schenk (Bühne Rudolf Heinrich) aus dem Jahr 1968 den Geist von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss besser als so manche „Neudeutung“ des Werkes und wenn die Besetzung einigermaßen stimmt, dann gehört die wohl populärste Oper – pardon „Komödie für Musik“- von Strauss/Hofmannsthal zu den Grund-Pfeilern des internationalen Opernbetriebes. Also auch zum Standard-Repertoire der Wiener Staatsoper. Nun: diesmal gab es entscheidende Umbesetzungen – sowohl bei der Marschallin wie bei der „Gegenspielerin“ Sophie. Anstelle von Angela Denoke war Linda Watson, die Hochdramatische aus den USA, als „Marie Theres“ aufgeboten. Und für Daniela Fally sprang Chen Reiss ein, die am Tag zuvor noch die Fidelio-Marzelline war .Nun – vor allem Linda Watson bot eine erstaunliche Leistung. Besonders wenn man bedenkt, dass die in San Francisco geborene Sängerin als Brünnhilde, Ortrud oder Kundry (bis zur MET und Bayreuth) Karriere gemacht hat. So muss einst Hilde Konetzni als Fürstin Feldmarschall gewirkt haben. Mit fülligem, warmherzigen Sopran, mit gutem Vortrag. Die nötigen Piano-Stellen „sitzen“, der „Zeit-Monolog“ geht unter die Haut. Freilich: hier nimmt eine reife Frau Abschied von der Jugend. Octavian ist zweifellos der letzte Liebhaber. Noch dazu, wenn dieser „Quinquin“ ein so junges „Bürsch‘chen“ ist wie Sophie Koch. Wenn Elina Garanca tatsächlich alle Hosenrollen zurücklegt, dann rückt die Französin  zweifellos als Octavian in der „Pool-Position“ nach. Ihr Spiel ist temperamentvoll, vokal ist sie ohne jede Einschränkung. Und auch die „Retterin des Abends“ – Chen Reiss –  habe ich noch nie so gut gehört: die Piano-Höhen bei der „Rosenüberreichung“ waren perfekt und sogar im Terzett hielt sie mit ihren dramatischeren Kolleginnen mit. Am Pult dieser Repertoire-Vorstellung stand mit Sascha Götzel ein 37jähriger – in Wien geborener – Musiker am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper, der vor allem die Walzer-Szenen im 2. und 3. Akt sehr tänzerisch anlegte. Ein Hoch-Talent zweifellos! Der Rest der Besetzung war „gemischt“: Peter Rose war entweder nicht gut disponiert oder er baut bereits deutlich ab. Zeitweise markiert er („kommt all’s dem Angetrauten“), für das Finale im 2. Akt fehlt ihm der vokale „Saft“. Immerhin ein denkbare Variante des Ochs auf Lerchenau.

Zu bieder, aber stimmlich ordentlich ist Jochen Schmeckenbecher als Faninal. Schwach der „italienische Sänger“ von Joseph Dennis – er kommt mit der extremen Lage einfach nicht zurecht, die Stimme rutsch in den Hals! Ausgezeichnet hingegen Regine Hangler als Leitmetzerin – endlich einmal eine junge ausladende Strauss-Stimme, die den Beginn des 2.Aktes aufwertet. Eine weitere Talentprobe gibt Thomas Ebenstein als Valzacchi ab. Ein Komödiant mit schöner Stimme! Ulrike Helzel ist eine zu kleinkarätige Annina. Während Herwig Peccoraro eine köstliche Studie eines Beisel-Wirts abgibt (samt Bombenhöhe beim Auftritt der Marschallin). Ebenso wertet Benedikt Kobel den Haushofmeister bei Faninal auf. Und Alexandru Moisiuc fällt als Polizeikommissar ebenso positiv auf wie Marcus Pelz als Notar.

Alles in allem eine akzeptable Repertoire-Vorstellung, bei der man sich nicht vorstellen konnte, wie die Kritiker über den „Rosenkavalier“ hergefallen waren, als es 4 Monate nach der Dresdner Uraufführung im April 1911 zur ersten Vorstellung in Wien kam. Während das Publikum jubelte schrieben die Nachfahren von Hanslick u.a. von „einem markerschütterndem Tohuwabohu – also  von einer musikalischen Missgeburt“ oder von „einer Farce, die stellenweise zur Operette herabsinkt, stellenweise auch tiefer!“. (Zitiert nach Marcel Prawy, Die Wiener Oper,S.156f.)

Peter Dusek

 

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