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WIEN/ Staatsoper: DER FREISCHÜTZ

Plädoyer für eine ebenso gewagte wie gelungene Regiearbeit

26.06.2018 | Oper


Andreas Schager (Max) und Hans Peter Kammerer (Samiel). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN/Staatsoper: DER FREISCHÜTZ am 25.6.2018

Von Manfred A. Schmid

Plädoyer für eine ebenso gewagte wie gelungene Regiearbeit

Am 11. Juni war die Premiere der in den Medien recht einhellig als misslungen kritisierten Neuinszenierung von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“. Die fünfte und letzte Reprise vor der Sommerpause bot Gelegenheit für eine Überprüfung der Regiearbeit von Christian Räth und des dahinterstehenden Konzepts.

ANNAHME 1: Der Jägersbursch Max steht vor einer wichtigen Prüfung in seiner noch jungen beruflichen Karriere.Das Bestehen oder Nichtbestehen des Tests hätte gravierende Auswirkungen auf sein Privatleben, da er daran denkt, sich zu verehelichen. Der empfindsame junge Mann macht sich große Sorgen und leidet unter Albträumen. Zweifel an seiner Leistung machen ihm schwer zu schaffen und verwandeln sich immer mehr in einen Zustand schierer Verzweiflung und Mutlosigkeit. So steigert er sich in immer grotesker werdende Szenarien hinein, in denen sein Rivale Caspar eine unheimliche Rolle spielt und ihm Hilfe anbietet, mittels schwarzer Magie doch noch die Herausforderung meistern zu können. Auch Alkohol (die genaue Mixtur ist nicht bekannt, es könnten auch Drogen sein) wird ihm zwei Mal von Caspar angeboten, was seine schrecklichen Visionen und Phantasien offenbar noch weiter beflügelt.

Als er in besorgniserregend unruhiger und verwirrter Stimmung bei seiner Braut Agathe auftaucht, fragt sie ihn auf den Kopf zu: „Warst du schon wieder unglücklich?“ Die Formulierung weist darauf hin, dass dieser Zustand nicht zum ersten Mal bemerkt wird. Ist er unglücklich, weil er erneut kein Glück hatte (bei den Proben für den zu absolvierendenfinalen „Probeschuss“), oder ist er wieder einmal unglücklich-  im Sinne von „depressiv“? Ist Max vielleicht gar manisch-depressiv und damit starken Stimmungsschwankungen bis hin zu Wahnvorstellungen ausgesetzt?

In einem imaginierten grässlichen Treffen zu mitternächtlicher Stunde mit dem dämonischen Samiel, mit dem Caspar in Kontakt steht, wird ein unheimlicher Plan geschmiedet, wie er mit dessen Zauberkunst den Test doch bestehen könnte. Doch Caspar will Max dabei eine Falle stellen, um seinen eigenen Kopf zu retten. Die letzte Kugel sollte Agathe treffen, wünscht sich der Bösewicht von Samiel, was eine Bestätigung dafür gedeutet werden kann, dass die beiden Männer einst wohl als Rivalen um die Gunst Agathes geworben haben und Caspar dabei unterlegen ist.

Durch das Eingreifen eines Eremiten wird das Unheil schließlich in letzter Minute doch noch abgewendet, Agathe bleibt unversehrt und dem reuige Max wird sein Fehltritt verziehen. Nach einem erfolgreich bestandenen Probejahr darf er Agathe heiraten und als Erbförster die Nachfolger seines Schwiegervaters antreten.

Alles, was er an Schrecklichkeiten erlebt zu haben glaubt -Samiel, die Freikugeln, die bösen Geister und die Wolfsschlucht –  war in Wahrheit nichts als ein schrecklicher Albtraum. Die Dämonen sind für das Erste einmal gebannt.

ANNAHME 2: Hätte es Christian Räth bei seiner Regiearbeit bei diesem Szenario belassen, die Rezensionen wären vermutlich überwiegend zustimmend ausgefallen. An böse Wesen in einer Wolfsschlucht zur Mitternacht glaubt ja niemand mehr. All das als Albtraum zu präsentieren, wäre wohl als eine elegante und durchaus nachvollziehbare Lösung gefeiert worden. Verärgert hat er die Rezensenten freilich dadurch, dass er diesem Szenario noch eines daraufgesetzt hat: Max, der angeblicheJägersbursch, ist bei Räth nämlich ein junger Komponist, der unter einer Schreibblockade leidet und deshalb von Albträumen heimgesucht wird. Das aber wollte man partout nicht schlucken. Warum eigentlich nicht? Gerade Künstlern und schöpferischen Menschen geneerell wird ja oft eine empfindsame Seele zugesprochen. Und viele von ihnen wurden und werden tatsächlich oft von schweren Zweifeln und Schaffenskrisen und Existenzsorgen heimgesucht. Jeder Künstler hat da wohl seine eigenen Dämonen, die ihn begleiten und vor sich hertreiben.

So gesehen ist es gut vorstellbar, dass ein Komponist wie der junge Max vor einer wichtigen Herausforderung steht, z.B. ein wichtiges Auftragswerk zu schreiben hat, und dabei unversehens in eine Stimmung gerät, die von alptraumartigen Vorstellungen geprägt ist. Dabei kann er sich auch  – in einem Akt der Transponierung –in einen Jägersbursch verwandeln und einen Test wie das Abgeben eines Probeschusses als seine nächste zu bewältigende Aufgabenstellung imaginieren.

Und dann wird auch klar, wieso Rath am Ende nochmals Samiel auftreten lässt: Die Dämonen sind nur bis auf weiteres gebannt. Bald werden sie wohl wieder an die Türe klopfen.

EINSCHRÄNKUNG & ENTKRÄFTUNG: Ausgerechnet Carl Maria von Weber aber ist der Komponist, der unter alle seinen romantischen Kollegen wohl am wenigsten je an einer Schreibblockade gelitten hat. Auf seine Arbeitsweise angesprochen, meinte er nämlich, dass er imstande sei, „ziemlich zu jeder Stunde meine Begeisterung beschwören zu können und wieder da anzuknüpfen, wo ich abbrechen musste. Denn bei meinen vielen Geschäften … kann ich meine größeren Arbeiten nur in einem Zuge fortführen, kann auch nicht, wie Goethe will, auf die günstige Stunde und Stimmung warten, sondern muss arbeiten, wenn ich Zeit habe, und dann mir die Stimmung machen“. Da aber Carl Maria von Weber in dieser Inszenierung nicht mit Max identisch ist, sondern nur als Bild, das einmal krachend zu Boden fällt, präsent ist und „der Alte“ genannt wird, ist auch das kein Argument gegen Räths zwar gewagten, aber durchaus vertretbaren Einfall. Ganz im Gegenteil, er befolgt mit dieser Zuspitzung sogar ein vom Komponisten selbst vertretenes Prinzip: „Ich will Ihnen das Wort nennen, das mir zur Energie des Ausdrucks hilft, es heißt: Übertreibung! Ich übertreibe den Ausdruck etwas, suche ihn auf die glühendste Weise zu gestalten, überzeugt, dass das, was mir mit gereizter Stimmung vielleicht als zu stark und übertrieben erscheint, nicht so dem Zuhörer erscheint, sondern für ihn erst den Grad der Lebendigkeit erhält, der ihn in die verlangte Wärme und Mitempfindung zu versetzen vermag.“


Camilla Nylund (Agathe). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

MUSIKALISCHE GESTALTUNG: Im Mittelpunkt meiner Rezension stand die Regiearbeit, die eine Rehabilitation ernstlich verdient hat. Dennoch in aller gebotenen Kürze noch etwas zur musikalischen Seite des Opernabends: Die großartigen Leistungen der geradezu luxuriös besetzten Partien wurden in den zahlreichen schon erschienenen Kritiken bereits entsprechend gewürdigt, ich kann mich daher auf die einzige stimmliche Neuerung der letzten Aufführung beschränken. Wegen Erkrankung von Daniela Fally kam Ileana Tonca kurzfristg als Ännchen zum Einsatz. Obwohl selbst als leicht indisponiert angekündigt, bot sie stimmlich wie auch darstellerisch eine quirlige, koboldhafte und überzeugende Leistung und erfüllte damit die komisch angelegte Rolle mit erfrischender, komödiantischer Brillanz.

Der Dirigent Tomás Netopil wurde zu Beginn des letzten Aktes und beim Schlussapplaus von einem einzigen, aber energischen Buhrufer empfangen. Ich fand Netopils Gestaltung für sehr angemessen und der vorliegenden Produktion entsprechend, in der nicht nur inszenatorisch, sondern auch musikalische vielleicht ungewohnte andere Töne angeschlagen wurden. Er arbeite bewusst „gegen das Glatte und Verniedlichte“, sagte der Dirigent dazu im Staatsopern-Prolog vom Juni 2018.

Leider drängt sich einem der unangenehme Verdacht auf, dass hier auch längst überwunden geglaubte Vorurteile hochgekocht werden, wenn in einer Rezension etwas vermutet wurde, dass der Dirigent wohl Weber mit Janácek verwechselt haben dürfte. Oder mit anderen Worten: dass ein tschechischer Dirigent wohl am besten seine Finger von der deutschen Oper lassen sollte…

Manfred A. Schmid

 

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