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WIEN / Staatsoper: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

03.09.2014 | Oper

 Der_fliegende_Hollaender_Terfel-Merbeth Ausschnitt~1 
Foto: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER  von Richard Wagner
52. Aufführung in dieser Inszenierung
3. September 2014   

Dergleichen passiert selten, und wenn es dann noch zu Saisonbeginn geschieht, ist es ein besonderer Glücksfall. Mit dieser Besetzung von Wagners „Fliegendem Holländer“ hatte die Direktion der Staatsoper ein Blatt mit fast lauter Assen in der Hand. Das gab einen ungemein spannenden Abend – und ein gewonnenes Spiel.

Es begann mit der Ouvertüre, die der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin bei seinem Debut am Haus geradezu in den Zuschauerraum „feuerte“, mit den Wiener Philharmonikern ein prachtvolles Stück Wagner’scher Hochdramatik zündend, ohne dass man aber befürchten musste, nun einen einzig auf Lautstärke und Effekt gepolten Wagner-Abend zu erleben. Vielmehr ließ der noch nicht 40jährige (!) vor allem in der Begleitung der Sänger spürbar Sensibilität walten, einer, der mitging und mitatmete, aber nie vergaß, dass er auch mit dem Orchester seinen Teil des Werks erzählen muss und die Dynamik der Farben zwischen glühendem Furioso und tiefer Fahlheit auslotete, stürmische Chordramatik und sensibelstes Seelendrama (vor allem in der Szene Holländer-Senta im 2. Akt) gleich überzeugend entfaltete. So hört man es nicht alle Tage.

Das konnte auch nur so funktionieren, wenn man eine hochrangige Besetzung hatte, und bei fünf Wien-Rollendebutanten bei sechs Rollen (nur Benjamin Bruns war schon früher der Steuermann) muss da einiges gearbeitet worden sein, dass es sich so fugenlos ineinander fügte. Drei Briten, zwei Deutsche und ein Österreicher waren für Wagner am Werk, und man muss den Briten das Kompliment machen, dass ihr Deutsch in allen drei Fällen so hervorragend und verständlich (noch verständlicher…?) war wie bei den „Native Speakers“. Aber ab einer gewissen Größenordnung wäre man wohl auch als Künstler zu stolz, fünf gerade sein zu lassen und Mittelmäßiges zu bieten…

Wir haben Bryn Terfel an der Staatsoper erst als Mozart-Sänger gekannt, und dann ist er uns nach dem „Falstaff“ verloren gegangen, bevor er letzte Saison glücklicherweise (damals als Scarpia) wieder kam. Mittlerweile hat er eine ganz große Karriere als Wagner-Sänger gemacht, die an uns bisher vorbei gegangen ist – wobei sich natürlich jeder Opernfreund seinen außerordentlichen Wotan und Wanderer mittels Met-Kino gegeben hat. Ihn nun mit seinem dramatisch-rauen Bassbariton, der auch einfühlsamste Piano-Passagen bieten kann, als Holländer zu sehen, war ein Erlebnis, denn der düstere Held wirkt ihm wie auf den Leib geschnitten, ein schweifender Wanderer wie nicht von dieser Welt, der kaum an Hoffnung zu glauben mag, einen kurzen Augenblick des Glücks erlebt und am Ende mit wirklich tragischer Verzweiflung meint, weiter vor der ewigen Verdammnis zu stehen… Angenehm ist auch, dass Terfel stimmlich über die enorme Kraft verfügt, die diese Rolle verlangt, bis zum eruptiven Ende (und wenn sich da bei seinen Verzweiflungsausbrüchen ein-, zweimal Heiserkeit in die Stimme schleicht, scheint auch das dazu zu gehören). Kurz, ein großer Sänger und Gestalter und im idealen Alter für dieses Fach. (Natürlich freuen wir uns auf Volle als Wotan, aber es wird wieder „Ringe“ geben, und dann wäre ein Terfel-Wotan schon ein ganz großer Wunsch…)

Hat Ricarda Merbeth erleichtert gewirkt, weil sie als Senta hier nicht mehr, wie in Bayreuth, Stehlampen verpacken muss, sondern sich in der Wiener Inszenierung (so viele Schwächen diese auch hat) darauf konzentrieren darf, eine „ganz normale“, leidenschaftliche Senta zu spielen und zu singen? Sie tat es mit vollem Einsatz, mit Durchhaltekraft und famos, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich keine Hochdramatische ist, aber von Spitzenton zu Spitzenton ohne hörbare Ermüdung sprang und im übrigen das innere Glühen der Figur vermittelte.

Noch ein prächtig Deutsch singender  Brite: Peter Rose setzte sich als Daland von Terfel nicht nur ab, dass er über den fülligeren Baß verfügt, den er mühelos so „locker“ führte, wie es Wagner seinem Spielopern-Kapitän und Lustspiel-Vater auferlegt hat, er war auch als Darsteller voll präsent, ohne je zu übertreiben.

Um bei den Briten zu bleiben: Das neue Ensemblemitglied Carole Wilson stellte sich als Frau Mary durchaus nachdrücklich und eindrücklich vor (mit besagtem tadellosem Deutsch), musste sich für die Rolle auch nicht jünger machen (immerhin dauert ihre Karriere schon 20 Jahre), spielte mit Verständnis, klang gelegentlich hell, aber man wird ihren Mezzo ja sicher noch öfter hören, um mehr über ihn zu erfahren.

Mit dem Interesse, das die beliebten Ensemblemitglieder des Hauses verdienen, hat man das Debut von Norbert Ernst als Erik erwartet (vor zwei Jahren hat man ihn noch als Steuermann gehört), aber Fachwechsel ist immer schwierig, nicht nur wegen der Anforderungen der Rollen, sondern vielleicht auch wegen des Schubladendenkens des Publikums. Aber Ernst hat schon in Bayreuth (und, wie man hört, auch in Wien) einen wirklich interessanten Loge gesungen, und man geht davon aus, dass er weiß, was er tut, wenn er nun Mut zu den großen Rollen hat und ein paar Schritte über David und Pedrillo hinaus machen will. Es ist ihm bemerkenswert gelungen, die Anforderungen des Erik vor allem im zweiten Akt ohne sonderliches Forcieren zu bewältigen, im dritten Akt war es nicht ganz so überzeugend, aber auch hier hat er sich die Rolle gewissermaßen auf seine Stimme zugerichtet. Er steht zwar nicht als jugendlicher Held, aber als überzeugend leidender, gewissermaßen Alltags-Liebhaber auf der Bühne.

Bleibt Benjamin Bruns, der einen ganz vorzüglichen lyrisch-dramatischen Steuermann sang und ja nichts dafür kann, dass er laut Regieanweisungen von Frau Mielitz im dritten Akt am Bühnenboden kopulieren muss. Dennoch scheint der elementarste Unsinn der Inszenierung darin zu bestehen, dass in diesem „Wasser“- und „Meer“-Werk Senta nicht, wie vorgesehen, in den Fluten den Tod sucht und die Erlösung bringt, sondern einen Brünnhilden-Feuertod erleidet…

Was soll’s, eine schöne Aufführung war es trotzdem. So soll es jetzt weitergehen.

Renate Wagner

 

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