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WIEN/ Staatsoper: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

10.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER –  9.9.2014

(Heinrich Schramm-Schiessl)

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Peter Rose (Daland). Foto: Wiener Staatsoper

 Just in dem Moment, als sich die Gegner des Staatsoperndirektors formieren, um ihm wieder einmal eins überzuziehen, antwortet dieser, der sich selbst zur „Causa prima“ nur unverbindlich diplomatisch geäußert hat, einfach mit einer ausgezeichneten Aufführung. Andere Opernhäuser, und speziell die, die von manchen immer als besser als Wien bezeichnet werden, müssten sich gewaltig anstrengen um eine solche Aufführung von Wagners erstem großen Werk zustande zu bringen. Zumal in Wien das beste Opernorchester der Welt im Graben sitzt, denn das sind die Philharmoniker, ob das einigen jetzt passt oder nicht. Es ist nämlich interessant, dass, wenn immer man näher nachfragt, dann nur die Antwort bekommt, dass sie keine Barockopern spielen könnten. Als ob das wohl das Wichtigste für ein Opernorchester wäre.

 Hauptverantwortlich für diesen Erfolg war ohne Zweifel der Sänger der Titelpartie, Bryn Terfel. Endlich hat er auch in Wien eine Wagner-Partie  gesungen. Ich hätte ihn mir eigentlich schon bei der letzten Ring-Neuproduktion als Wotan und Wanderer gewünscht, aber offenbar kam er, wie so viele bedeutende Sänger, mit dem vormaligen Direktor nicht klar. Er war einfach großartig und reiht sich würdig in die Reihe der großen Vertreter dieser Rolle ein. Egal ob piano oder forte, die Stimme klingt immer ebenmäßig und er braucht überhaupt nicht zu forcieren. Seine Rollengestaltung ist eine Gratwanderung zwischen Hoffnung und Verzweiflung ohne dabei die für diese Rolle auch nötige Dämonie gänzlich außer Acht zu lassen. Besonders beeindruckend der zweite Teil der großen Szeme mit Senta, wo  man das Gefühl hat, es kommt bei ihm Hoffnung auf, dass es diesmal klappen könnte. Seine Partner waren ebenfalls sehr gut. Ricarda Merbeth sang ausgezeichnet, die Höhen waren strahlend und auch die Mittellage war durschlagskräftig genug. Wenn man etwas vermisst hat, dann war es diese jugendlich-kühne visionär-schwärmerische Art, wie wir sie in dieser Rolle schon erlebt haben. Das gilt auch für ihre Darstellung, die vielleicht etwas bieder wirkte. Mit Peter Rose als Daland hatten wir endlich wieder einmal in einer tiefen Wagner-Rolle einen Sänger mit einer kräftigen, wohltönenden Stimme, der auch darstellerisch gefallen konnte. Einziger Wehrmutstropen war Norbert Ernst als Erik und es ist wieder einmal typisch für das Wiener Publikum, dass man sich, anstatt sich über eine sonst rundum gelungene Aufführung zu freuen, über ihn aufregt und manch Siebengescheite sogar meinen, der Direktor müsse deswegen zurücktreten, wobei diese Rolle sonst eigentlich niemanden wirklich interessiert. Es ist die unergründliche Sehnsucht fast aller Charaktertenöre, irgendwann einmal auch im sogenannten „großen“ Fach aufzutreten. Ich erinnere mich an Gerhard Stolze, für mich – Heinz Zednik mag mir verzeihen – immer noch der beste Mime aller Zeiten, der in Wien auch den Belmonte sang. Leider ist Ernst dieser Rolle wirklich überhaupt nicht gewachsen, die beiden Romanzen misslingen fast komplett, lediglich in der Traumerzählung profitiert er von seinem deklamatorischen Können und baut diese durchaus intelligent auf. Thomas Ebenstein (statt des erkrankten Benjamin Bruns) war ein ordentlicher Steuermann obwohl ihm am Beginn etwas die Nervosität plagte und Carole Wilson war als Mary präsent. Was sie gesanglich als neues Ensemblemitglied zu leisten im Stande ist, wird man erst in anderen Rollen beurteilen können.

 Dass der Abend wirklich ein zufriedenstellender war, lag aber auch am Dirigenten Yannick Nézet-Séguin, der ein sehr umsichtiger Leiter des Orchesters war. Er hatte ausgezeichneten Kontakt zur Bühne und atmete mit den Sängern mit. Selbst an den lautesten Forte-Stellen war er nie zu laut, sodass die Sänger immer deutlich zu hören waren. Er wählte ein gutes Zeitmaß und schuf eine gute Balance zwischen den musikdramatischen, bereits die großen späteren Werke vorausahnenden Passagen und den noch in der romantischen Oper verhafteten Stellen (Spinnerinnen-Chöre, Daland-Arie). Was ihm noch fehlt, ist der große vom Anfang bis zum Ende zu spannende Bogen. Er gilt nicht umsonst als Rising-Star und wird immer wieder auch im Zusammenhang mit bedeutenden Chefdirigentenposten genannt –  der Direktor sollte trachten, ihn enger an das Haus zu binden. Großartig das Orchester. Die Musiker waren vom Dirigenten offenbar durchaus angetan, denn man merkte an ihrer Körpersprache, wie konzentriert sie bei der Sache waren. Toll diesmals auch der Chor – pardon die Damen und Herren des Chores.

 Am Ende gab es viel Jubel, auch Norbert Ernst kam diesmal ungeschoren davon, obwohl die Bravos etwas übertrieben waren. Etwas merkwürdig muteten einige vereinzelte Buhrufe bei den Ensemblevorhängen an. Sollten hier einige FWM-Vereehrer versuchen, negative Stimmung aufzubauen, wäre das ausgesprochen dumm.

 Heinrich Schramm-Schiessl

 

 

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