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WIEN / Staatsoper: DAS STÄDTCHEN DRUMHERUM

09.11.2013 | Oper

Drumherum 2 Szene  Drumherum 3 Ratkolb in aktion 
Fotos: Wiener Staatsoper

WIEN / Staatsoper / A 1 Kinderzelt:
DAS STÄDTCHEN DRUMHERUM von Elisabeth Naske
Uraufführung
5. Aufführung in dieser Inszenierung
Premiere: 26. Oktober 2013,
besucht wurde die Vorstellung am 9. November 2013

Im Bereich der Kinderoper ist die Komponistin Elisabeth Naske ein Erfolgsgarant. Man hat von ihr schon die „Feuerrote Friederike“ (nach Nöstlinger) und „Die Omama im Apfelbaum“ (nach Lobe) gehört und gesehen, und es war eine gute Entscheidung der Wiener Staatsoper, ihr erneut ein Werk nach einer Vorlage von Mira Lobe als Auftragswerk anzuvertrauen. Bedenkt man, dass „Das Städtchen Drumherum“ als Kinderbuch aus dem Ende der sechziger Jahre (!) stammt, hat die Autorin damals enormen Weitblick gezeigt, was die Zerstörung unserer Welt im Namen des „Fortschritts“ so alles vor hat. Nur die wunderbare Idee, dass die Kinder dergleichen verhindern können – das bleibt auf der Märchenseite des Geschehens.

Glücklicherweise ist die Sache so schlicht, dass man sie wirklich Kindern ab 6 (das empfohlene Alter, aber es finden sich auch jüngere hier ein) zumuten kann. Der „böse“ Bürgermeister will sein kleines Städtchen mit „Business Center und Shopping Mall“ modernisieren (wobei die flotten Verse von Librettistin Johanna von der Deken die Sache in unsere Welt und unsere Sprache gerückt haben) – und die Kinder, voran die eigenen des Bürgermeisters, wollen das verhindern. Denn der nötige Platz soll – wie es so oft in der Realität passiert – durch die Zerstörung der Natur gewonnen werden: Der Wald muss weg und die Einwände „Wo können wir Vögeln lauschen“ oder „Wo werden wir spazieren gehen“, werden weggewischt…

Glücklicherweise gibt es im Märchen und der Kinderoper noch Feen, auch wenn sie diesmal den eigenwilligen Namen Hullewulle trägt. Sie verfährt auf psychoanalytisch vertraute Art und Weise, indem sie dem Bürgermeister Träume schickt, wo er nicht nur wieder selbst Kind ist, ausgesetzt auf Asphalt, sondern auch ein Vogel (das zerdeppschte Vogelei bekommt er als Spiegelei auf den Kopf, das ist kindergerecht), ein Frosch oder ein Schmetterling, deren Leben zu Ende zu gehen… Dergleichen ist erkenntnisträchtig.

So kommt man, auch dank mutig kämpfender Kinder (die – quasi als Lehre in den Zuschauerraum hinunter – eingeladen werden, „nein“ zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt) nach einer Stunde Spielzeit zu einem Happyend, das wirklich ein solches ist, nämlich das einer geglückten Kinderoper mit Lehrstückcharakter, ohne dass es weh tut. Und dabei unsere Welt punktgenau trifft (nur die Idee, alle neuen Gebäude „drumherum“ um den Wald zu bauen, wird nicht so recht praktikabel sein…).

Bei der fünften Aufführung dieser Oper war das Kinderzelt am Dach des Hauses (über die Heizkosten möchte man sich nicht den Kopf zerbrechen, ist es ja eigentlich ein halbes Freiluftunternehmen) überfüllt, und die Kinder folgten dem Geschehen, das sie einmal nicht zum Mitwirken, Mitschreien, Mitklatschen aufforderte, mit ehrlicher Spannung. Es war auch wirklich hübsch, was Regisseurin Christiane Lutz und Bühnenbildner Hyun Chu (Kostüme: Nina Ball) da auf die Bühne gestellt haben, so locker und lustig, wie es die Sache will. Und die Musik passt sich in ihrer tonalen Geschmeidigkeit dem Geschehen perfekt an, ist gut anzuhören, ohne es filmmusikartig billig zu geben (da gibt es schon einige Kunststückchen in der Instrumentierung), gut zu singen (selbst wenn die Koloraturen perlen müssen) und mit ein paar witzigen Zitaten ausgestattet (oder bildet man sich nur ein, wenn sich der Bürgermeister ausnahmsweise im Wald hinlegt, Anklänge des „Waldwebens“ gehört zu haben?).

Vinzenz Praxmarer in der geometrischen Mitte zwischen seinen Musikern (das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper) und der Bühne gab lebhafte Einsätze nach links und rechts und zauberte den rechten Klang.

In den Repertoirevorstellungen dürfen auch die Zweitbesetzungen voran, wohl auch bei den Kindern, wo einige vielleicht noch nicht auf die Bühne sollten – als Chor klangen sie nicht ganz so gut. Hingegen waren Jan Höhener und Marlene Janschütz als die beiden protestierenden Kinder des Bürgermeisters so sympathisch wie kompetent. Der Bürgermeister selbst war diesmal mit Andreas Hörl besetzt, und der brachte sich selbst um einen Großteil der Wirkung, da er singend kaum zu verstehen war – man muss als Sänger auch an seiner deutschen Aussprache und deren Deutlichkeit arbeiten! Ulrike Helzel und Il Hong als sympathisches älteren Paar ergänzten eine Besetzung, die in Lydia Rathkolb ihren Höhepunkt fand: Sie sang die Koloraturen der Frau Hullewulle geradezu perfekt und schwebte im Silberkleidchen herum, den Bürgermeister zur Besinnung und alles zum guten Ende zu bringen.

Auch wenn man kein Fan des Kinderzelts ist – solche geglückte Produktionen lassen doch dafür plädieren. Denn eine Oper wie diese käme im großen Haus vermutlich doch nicht zu dieser Wirkung.

Renate Wagner

 

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