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WIEN / Staatsoper: COSI FAN TUTTE

14.01.2014 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
COSI FAN TUTTE von Wolfgang Amadeus Mozart
53. Aufführung in dieser Inszenierung
13. Jänner 2014 

An diesem Abend hätte “Cosi fan tutte” einen neuen Titel erhalten können: “Die beiden Fiordiligis”. Oder: Wie an einem gut geführten Haus (das immer ein “Worst Case Scenario” im Hinterkopf hat) eine potentielle Katastrophe zu keiner wird. Oder: Wie Fiordiligi im zweiten Teil des Abends ganz anders aussieht als im ersten und dennoch alles bestens läuft…

“Cosi fan tutte” also, der dritte Teil der Mozart-Wochen der Wiener Staatsoper. Das Publikum interessierte sich dafür am wenigsten (der Galerie-Stehplatz war sozusagen ausgedünnt), aber im Ganzen kann man sagen, dass die Geschlossenheit der Ensembleleistung hier mehr überzeugte als an den vorangegangenen Abenden, und auch der Dirigent muss sich nicht nachsagen lassen, von Mozart eigentlich nichts zu verstehen. So kann man sich irren, wenn man nicht in die Oper geht.

Fiordiligi also: Zuerst Barbara Frittoli, die in dieser de Simone-Inszenierung seit der Premiere 1994 im Theater an der Wien (auch schon 20 Jahre her…) zuhause ist und gewissermaßen das letzte Relikt von Riccardo Mutis sorglicher Mozart-Pflege darstellt. Mit wenn auch leise flackernder Stimme (nichts hält ewig, am wenigsten Stimmbänder) zeigte sie ihre hochgradige Mozart-Kompetenz – und wie sie in der “Come scoglio”-Arie einen hohen Ton umschiffte, indem sie ihn – merkend, sie würde ihn schmeißen – gar nicht erst sang, das war so routiniert wie virtuos, weil es sicher nur jene merkten, die das Werk sehr gut kennen. Man wäre nicht auf die Idee gekommen, dass diese schöne und witzige Dame sich nicht wohl fühlte – aber nach der Pause kam Direktor Meyer höchstpersönlich vor den Vorhang und kündigte an, Barbara Frittoli werde nicht weiter singen (sagte er irgendwas von “sie habe was Falsches gegessen”?), aber man besäße ja ein wunderbares Ensemble, und Caroline Wenborne übernähme die Rolle.

Und das tat sie auch und hatte keine Sekunde Probleme damit (vermutlich sind nur die Garderobieren rotiert, denn die Kostüme der beiden Damen waren nicht kompatibel, Fiordiligi hat auf die Schnelle ein paar Kilo zugelegt): Caroline Wenborne sang die Rolle mit ihrem hellen, leichten Sopran und mit stupender Technik so souverän, zumal völlig in die Aufführung mit ihren darstellerischen Details eingefügt, dass man es nicht glauben würde – schließlich liegt ihr letztes Auftreten als Fiordiligi exakt drei Jahre zurück. Eine solche Leistung schüttelt man nicht auf Anhieb aus dem Ärmel, sie muss als Cover vorbereitet gewesen sein. Und selbst dann war es wirklich ein Meisterstück, was dieses von der Direktion nicht eben überbeschäftigte (und in dieser Spielzeit gar nicht vorgesehene) brave Ensemblemitglied da leistete…

Diese Aufführung hat man mit einer – oder eineinhalb – Ausnahmen aus dem Haus besetzt, aber noch ein Italiener erwies sich ebenfalls als Mozart-sattelfest: Pietro Spagnoli, seltener Gast an der Staatsoper, überzeugte als Don Alfonso noch mehr als vor zwei Jahren als “Figaro”-Graf: Das war einmal kein intriganter komischer Alter, sondern ein Gran’ Signore mit eleganter Attirüde, der im Liebesspiel noch gut hätte mitmachen können, die Fäden souverän zog und mit schöner Stimmfülle immer wieder aufhorchen ließ.

Drei der vier anderen Protagonisten gaben ihre Hausdebuts in ihren Rollen, nur Benjamin Bruns als Ferrando hat man schon gehört. Wie ein Mozart-Tenor singen, was er können muss, lässt er bestens hören, und wenn seinem Timbre nicht etwas Gequetsches innewohnte, das seine Schönheit beeinträchtige, könnte er bei den Mozart-Sängern ganz vorne mitmischen.

Der neue Guglielmo war Alessio Arduini, neben einmal Belcore und einmal eingesprungenem Leporello seine bisher größte Rolle am Haus, für das er in Muscat den Figaro singen durfte  (im Sommer wird er in Salzburg bei den Festspielen der Masetto sein, wo er schon 2012  den Schaunard gegeben hat): Eine höchst ansehnliche, viel versprechende Neuauflage von D’Arcangelo, ein voller, wohltönender, Mozart-gewandter Baßbariton mit schön-rauem Timbre, eine ansprechende Erscheinung mit Spielfreude, das stimmte rundum.

Neben Sylvia Schwartz, die mit spitzem Soubrettensopran die Despina sang (als Doktor und Advokat quietsche sie geradezu) und von dem skurrilen Rollenprofil der Figur profitierte, war Margarita Gritskova als Dorabella die weibliche Perle des Abends, nicht nur, weil sie so bildhübsch und gut gelaunt an fabelhafte Rollenvorgängerinnen erinnerte. Die Stimme ist ein echter Mezzo, der zwar sehr metallisch klingt, aber es ist Edelmetall, kein Blech, das ihr da aus der Kehle kommt, und die Gewandtheit, mit der sie in jungen Jahren Mozart singt, lässt auf sehr gute Ausbildung schließen.

Und was ist zu Patrick Lange am Pult der Philharmoniker zu sagen? Zuerst lebhaft und laut (manchmal zu laut, aber nie wirklich störend), aber das wäre zu wenig – auch absolut locker im Handgelenk, wenn nötig, poetisch, wo Mozart zauberte, gefühlsintensiv aufgeladen, wenn die Emotionen durchgehen, und prachtvoll exakt in die Finali stürmend. Das sind schon Qualitäten, die sich lohnen.

Renate Wagner

 

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