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WIEN/ Staatsoper: CHOWANSCHTSCHINA als Gefühls-Höllenfahrt

28.09.2015 | Oper
Dimitri BELOSSELSKIY

Dimitri BELOSSELSKIY als Fürst Iwan Chowanski

„CHOWANSCHTSCHINA“ ALS GEFÜHLS-HÖLLENFAHRT (27.9.2015)

Es geht um Macht und Politik, um religiösen Fanatismus sowie „Sex und Crime“ . Und um einen einzigartigen Klangrausch, wie er selbst an der Wiener Staatsoper selten ist. Historisch betrachtet geht es um die turbulenten Anfänge von Zar Peter I., die Modest Mussorgski und sein Textdichter Wladimir Stassow in dem fünfaktigen „Volksdrama“ verarbeitet haben. In der Inszenierung von Lev Dodin (Ausstattung Alexander Borovskiy) könnte „Chowanschtschina“ aber ebenso in der Stalin-Ära oder in der heutigen Ukraine spielen. Ein verschiebbares und mobiles Riesengerüst lässt zwar wenig Platz fürs Spielen. Aber die Statik der Aufführung fördert die musikalische Wirkung. Und die ist auch diesmal enorm.

Das beginnt beim Orchester der Wiener Staatsoper, die unter der Leitung von James Conlon zur Höchstform aufläuft. Schon die einleitende „Morgendämmerung“ berückt, verzaubert und lässt den Zuhörer nicht mehr los. Dann der Chor der Wiener Staatsoper (Leitung Thomas Lang) , der aus der Slowakei verstärkt wird sowie durch den Kinderchor der Wiener Staatsoper. Sie alle geben ihr Bestes. Und klingen wie ein Ensemble in Moskau oder Petersburg.

Dazu kommt eine Besetzung, die über keinen Schwachpunkt verfügt. Iwan Chowanski wird von Dimitry Belosselskiy dargestellt. Ein sympathischer Machtmensch, ein „Macho“, der trotz Warnung in sein Unglück rennt. Ein prächtiger Bass-Bariton, zweifellos der „Star“ des Abends. Seinen Sohn Andrej wird von Christopher Ventris gegeben: kraftvoll, misstrauisch, mit „rauchigem Heldentenor“ ausgestattet – auch er ein Opfer der Frauen. Die Riege der „Verführerinnen“ wird von Elena Maximova als Marfa angeführt. Sinnlich betörend, attraktiv auch optisch (fast zu jung) erinnert sie an Dalilah. Großartig wieder Lydia Rathkolb als Susanna. Mit strahlemden Stimmklang und schlangenartiger Figur überrascht sie sowohl durch Stimmvolumen wie schönes Timbre. Man sollte ihr neue Rollen anbieten.

Auch die dritte Vertreterin des weiblichen Geschlechts fällt positiv auf: Caroline Wenborne ist eine intensive wie berührende Emma, die durch Volumen wie runden Klang besticht. Großartig auch die Schar der intriganten Fürsten und der „Domestiken“: Herbert Lippert ist ein idealer Golizyn. Gefährlich und intelligent, mit unverwechselbarem Timbre. Evgeny Nikitin ist ein grandioser Schaklowity. Jung, machthungrig, erotisch aufgeladen. Besser geht’s wohl nicht. Ain Anger ist zwar ein etwas zu hell timbrierte Dossifei – aber die Stimme wird immer größer, die Intensität ersetzt den „schwarzen Bass“ – man ist letztlich überwältigt.

Von den vielen kleinen Rollen muss man Norbert Ernst als Stadtschreiber und Marian Talaba als Kuska besonders erwähnen. Der Wiener Neustädter Ernst setzt direkt fort, wo einst Heinz Zednik oder Gerhard Stolze aufgehört haben. Musikalisch, wortdeutlich und „cool“ – also aus den kleinsten Rollen ein Maximum herausholen. Und Marian Talaba als Kuska – der liefert einen etwas zotigen Tanz und bringt das Haus damit in Ekstase. Jedenfalls Opernfreunde aufgepasst Diese Produktion hat bei der Wiederaufnahme noch an Qualität zugelegt. Wer also eine Gefühls-Höllenfahrt der Superlative erleben will, hat noch bis 30. September dazu Gelegenheit.

Peter Dusek

 

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