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WIEN/ Staatsoper: CARMEN

31.05.2013 | KRITIKEN, Oper

WIENER STAATSOPER: CARMEN  am 30.5.2013

 Die Vorstellung begann unter einem guten Zeichen – vor bzw. in der Oper standen viele Leute, die verzweifelt Karten suchten. Insofern war also sicher, dass SIE singen wird. Ob die für diese Serie verlangten „Gala-Preise“ gerechtfertigt waren, kann nach der Lektüre dieser Besprechung jeder für sich entscheiden.

 Ich beginne dieses Mal mit den männlichen Nebenrollen, die schmerzhaft unterbesetzt waren. Weder Tae-Joong Yang, Dimitrios Flemotomos, Nikolay Borchev noch Janusz Monarcha waren adäquate Darsteller in ihren verschiedenen Rollen. Es passierte nun schon mindestens das zweite Mal in dieser Saison, dass einem Superstar hauseigenes Personal zur Seite gestellt wurde, das den Ansprüchen nicht genügte (siehe auch meine „Elisir“-Kritik vom Oktober). Csaba Markovits als Lillas Pastia war unauffällig.

 Bei weitem erfreulicher schlugen sich Ileana Tonca (Frasquita) und Juliette Mars (Mercédés), wobei besonders die Darstellerin der Frasquita sich in den Ensembleszenen gut durchsetzen konnte. Beide wurden vom Publikum freundlich akklamiert. Ehrlich gesagt, sie erhielten genauso viel Applaus wie Massimo Cavaletti, der als Escamillo für die gesamte Serie eingesprungen ist. Nun, wenn der Applausbarometer für einen Escamillo genauso ausschlägt wie für eine Mercédés, dann ist doch wohl was schief gelaufen, oder?

 Langsam muss man sich fragen, warum schon seit gut eineinhalb Jahrzehnten jeder Sänger an der Staatsoper diese Rolle nicht befriedigend ausfüllen kann. An was kann das liegen? Samuel Ramey muss noch immer der Standard sein, gegen den sich ein Sänger messen lassen muss – und auch Cavalletti wurde gewogen und zu leicht befunden. Wobei das „leicht“ sicher nicht auf seinen Vortrag zu münzen ist. Ich habe noch selten eine so wenig zündende Auftrittsarie gehört – und es ist Bertrand de Billy zu verdanken, dass er so blitzschnell auf das Schleppen des Sängers reagierte und das Orchester anpasste. Wenn dieser Escamillo im „Bullring“ so gekämpft hätte wie er sang und sich bewegte, dann hätten wohl die gebratenen Stierhoden im Restaurant neben der Arena entweder ausfallen müssen oder man hätte sie gegen andere, viel kleinere, ersetzt.

 Die Inszenierung von Franco Zeffirelli hat auch schon etliche Jahre auf dem Buckel – vor einiger Zeit, als die vorherige Direktion gehofft hatte, mit Garanca, Netrebko, Villazon & Co eine neue DVD-Aufnahme auf den Markt bringen zu können, wurde sie zumindest beleuchtungstechnisch entstaubt (ich finde dieses mediterrane Licht immer wieder faszinierend). Wenn man die Produktion beibehalten möchte, dann wäre allerdings eine Überarbeitung der Chorszenen und der Statisterie mehr als angebracht. Der Schluss des ersten Aktes (Flucht der Carmen) war einfach übelste Schmiere – da hat nichts funktioniert!

 Bertand de Billy wurde schon erwähnt – diejenigen Philharmoniker, die an diesem Abend Dienst hatten, zogen das bei weitem bessere Los als ihre Kollegen, die durchgefroren in Schönbrunn musizieren mussten und waren mit Feuereifer bei der Sache. De Billy begann mit einer erfrischenden und temperamentvollen Ouvertüre und konnte bis zum Schluss die Spannung aufrecht erhalten. Ich halte ihn im französischen Fach für einen der profiliertesten Dirigenten, die an der Staatsoper auftreten. Er ging auch extrem auf die SängerInnen ein und konnte damit kleinere Schwächen sehr gut kaschieren. Ein wahrhaft gelungenes Dirigat!

 Nach dem Totalausfall des Escamillo kann man von der „Micaela-Front“ nur Positives berichten. Anita Hartig blieb es vorbehalten, sich in die Reihe der Darstellerinnen zu gesellen, die den anderen Sängern des Abends fast die Show stahlen. Allerdings sollte man dabei auch bedenken, dass die Micaela eine wirklich dankbare Rolle ist (ich vergleiche sie immer mit der kleinen Arie der Barbarina – wunderschön und publikumswirksam). Aber, und das sollte auch ganz klar zum Ausdruck kommen – man muss diese Arie erst einmal derart gefühlvoll singen können wie an diesem Abend. Die Stimme von Anita Hartig ist nicht so mädchenhaft-unschuldig wie die von Genia Kühmeier, aber diese etwas „reifere“ Interpretation (und das ist in keinster Weise negativ gemeint) passte auch zu der Tatsache, dass mit Roberto Alagna ein Don José aufgeboten war, der auch schon einige Erfahrung hatte. Phantastisch waren ihre Pianissimi zu Ende der Arie – und sie erhielt mehr Applaus danach als Garanca oder Alagna bei ihren Solo-Stücken. Es bleibt zu hoffen, dass sich Frau Hartig weiter so positiv entwickelt und dem Haus noch lange Zeit verbunden bleibt.

 Roberto Alagna erinnerte an diesem Abend ein wenig an Neil Shicoff, der in der letzten Zeit auch immer 2-3 Akte als Aufwärmphase braucht, um dann im Finale topfit zu sein. Man erlebt einen reiferen Don José, der sich von Carmen nicht wehrlos um den Finger wickeln lassen will – doch auch er erliegt schlussendlich dieser Frau (was in Anbetracht der Leistung von Elina Garanca im 1.Akt nur allzu verständlich ist – was da von ihr rüber kam, war einfach beeindruckend). Die Blumenarie klang etwas gepresst, so also müsste er sich erst frei singen. Insofern waren die Bravo-Rufe von zwei jungen Mädchen danach etwas deplatziert. Beide wären mit ihrem Gekreische bei einem Justin Bieber-Konzert besser aufgehoben gewesen. Man muss Alagna allerdings bescheinigen, dass er den 4.Akt beherrschte. Das war Musiktheater vom Feinsten (und für die Damen der Schöpfung zeigte er noch viel nackten Oberkörper – er dürfte doch viel Hanteltraining machen, seine Musculi Pectorales sind durchaus ansehnlich). Es erschien da eine gebrochene Person, die alles verloren hat (Beruf, Ehre, Familie) und sich nur noch der Illusion hingibt, dass die Beziehung mit Carmen ihm Linderung seiner Qualen schaffen könnte. Fast schüchtern geht er auf sie zu, bekreuzigt sich noch vor dem Altar, ehe er Carmen anfleht, ihn doch zurück zu nehmen (…als ob jemals eine Frau sich von einem jammernden Mann erweichen ließe…). Es war eine sehr intensive Szene und plötzlich klangen die Spitzentöne nicht mehr gepresst. Etwas weniger Schluchzen wäre wahrscheinlich mehr gewesen, aber Alagna überzeugte das Publikum, dass es ihm mit vielen Bravi vergalt. Ich war von seiner Leistung in der Werther-Serie mehr angetan, aber wir hatten in den letzten Jahren Don Josés, die es mit ihm bei weitem nicht aufnehmen konnten.

 Doch nun zu Elina Garanca. Es eilt ihr der Ruf der „weltbesten Carmen“ voraus. Nun, mit einiger Verspätung, kam das Wiener Publikum in den Genuss, sie bei der Arbeit zu sehen und zu hören. Vorweg – im ersten Akt erbrachte sie eine Weltklasse-Leistung. Ihrem etwas höher gelegenen Mezzo kommt da die Tessitura besonders entgegen, während die tiefen Töne noch nicht so überzeugend klangen (aber da hatte sie mit dem Dirigenten einen kongenialen Partner, der sie da unterstützte).

 Die große Frage war, wie sie die Rolle anlegen wird (und nein, „hintergründig“ als Antwort kann man nicht gelten lassen). Wie so oft bei Garanca sind es die kleinen Gesten, auf die man sich konzentrieren muss, um ihr schauspielerisches Talent zu erkennen. Ihre „Carmen“ ist keine männerverzehrende Zigeunerin, die stolz und stur ist, sondern sie wickelt die testosterongesteuerten Senóres viel subtiler um den kleinen Finger. Es war wirklich interessant, die „Habanera“ als Charakterstudie der Männer zu erleben – und mit wie viel intellektueller Überlegenheit sich Carmen dieser entledigt. Und schon während der Arie bahnte sich der Konflikt mit der Kollegin an, der dann schlussendlich zu ihrer Verhaftung führt. Das war eine Szene, die vielleicht nur 2 Sekunden gedauert hat, doch viel zum Verständnis der Gesamthandlung beiträgt. Was diese Carmen allerdings beherrscht, ist die Fähigkeit, einerseits den Männern ihre Grenzen aufzuzeigen, andererseits sie nicht so zu behandeln, als dass sie ihr keinen Gefallen mehr tun (siehe die Szene bei ihrer Flucht). Ist diese Carmen erotisch? Oh ja, sie ist es – unter der Oberfläche brodelt da ein – intellektueller – Vulkan und sie sucht einen Mann, der ihr ebenbürtig sein könnte. Und genau diesen Mann glaubt sie, vielleicht in Don José gefunden zu haben. Die Szene, in der die komplette Statisterie in der Bewegung erstarrt und nur Garanca und Alagna in Bewegung waren, war sehr beeindruckend choreographiert.

 Nun, nach dem ersten Akt erwartete ich für die folgenden Außergewöhnliches. Aber leider kam es zu einem Bruch in der Interpretation der Carmen, so dass vieles dann unlogisch war. Warum wehrt sich Carmen nicht gegen Josè, als er ihr die Kehle durchschneidet? Ein paar Minuten zuvor hatte sie noch Escamillo zärtlich verabschiedet – fast so wie ein verliebter Backfisch… Ich hoffe, dass Elina Garanca in absehbarer Zukunft an der Staatsoper wieder die Carmen interpretieren wird – und vielleicht kann sie da schon mit einem durchgehenden Rollenbild aufwarten.

 Zusammengefasst war es ein guter Repertoireabend, der mir besonders durch das Dirigat von Bertrand de Billy im Gedächtnis bleiben wird. Ansonsten war einiges Unausgegoren. War es eine Gala? Nein, das sicherlich nicht.

 Kurt Vlach

 

 

 

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