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WIEN/ Staatsoper: CARMEN

20.05.2013 | KRITIKEN, Oper

Wien/Staatsoper: CARMEN am 20.Mai 2013 (Georg Freund)

Nein, diesmal hat sie –allen Unkenrufen zum Trotz- nicht abgesagt: Gestern hat Elina Garanca ihre Version der Carmen nach Auftritten in dieser Rolle an Opernhäusern in aller Welt doch noch in Wien vorgestellt. Hat sich das lange Warten gelohnt ? Mich hat die Garanca als Zigeunerin schon in München nicht überzeugt, aber damals hatte sie immerhin Jonas Kaufmann zur Seite, dessen ungewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten sie offenbar mitrissen und zu einer dramatischeren und leidenschaftlicheren Rollengestaltung veranlassten. In Wien blieb die sonst so hervorragende Künstlerin als Carmen merkwürdig blass, kühl und distanziert, wozu leider auch ihre gesangliche Leistung beitrug. Für eine überzeugende Verkörperung von Bizets dämonischer Zigeunerin fehlt es ihrer hellen Mezzostimme an Volumen und an satter Tiefe. Konnte sie das im ersten Akt durch chansonartigen Vortrag von Habanera und Seguidilla und ihre überragende Technik recht gut kaschieren, so musste sie im Kartenterzett Farbe bekennen: Hier fiel ihr Beitrag nicht sehr eindrucksvoll aus und ihre Partnerinnen Ileana Tonca als Frasquita und Juliette Mars als Mercedes übertrafen sie fast an Stimmkraft Auch das große Schlussduett hätte, obwohl sich Elina Garanca steigern konnte, mehr Dramatik vertragen. Sie sang natürlich wesentlich besser als die in Salzburg im Vorjahr ausgebuhte Magdalena Kozena, aber an ihre Glanzleistungen in anderen Partien konnte sie diesmal nicht anschließen.

Ihre Darstellung war merkwürdig uneinheitlich: Einerseits wirkte sie kalt und hochmütig gegenüber Don José, was immerhin eine diskutable Auffassung dieser unauslotbaren Rolle bedeuten würde, andererseits vollzog sie mit ihm schon nach der ersten Begegnung mitten auf dem Marktplatz den Koitus. Für andere Beispiele nicht durchdachter Gestaltung soll nur eines stehen: Im 4.Akt zog Carmen Escamillo sorgfältig das Kostüm zurecht. Das würde wohl die stets adrett erscheinende Elina Garanca tun, nicht aber eine leidenschaftliche Roma.

In guter Form befand sich diesmal Roberto Alagna, der sich, nachdem er jahrelang den Don José landauf landab verkörpert hatte, endlich auch bei uns in dieser Partie präsentierte. Sein Timbre ist unverändert angenehm. Im Duett mit Micaela flüchtete er sich zwar einmal ins Falsett, und „à subir la destinée“ verlangte ihm große Kraftanstrengung ab, aber das Schickal war ihm hold, diese gesangliche Klippe wurde bezwungen und Blumenarie und Schlussduett gelangen ohne besonderes Forcieren. Als gebürtiger Franzose hatte er natürlich gegenüber seinen Kollegen den Vorteil, völlig idiomatisch zu klingen.

Über den stärksten Szenenapplaus des Abends konnte sich Anita Hartig als Micaela nach ihrer Arie freuen. Ihr Gesang klang nicht so mädchenhaft süß wie man es von dieser makellosen Lichtgestalt erwarten würde, sondern etwas herb, aber sie bot eine runde, eindrucksvolle Leistung. Neuerdings ist es gar nicht so selten, dass Micaela über Carmen triumphiert: Die Netrebko stellte die Krasteva ebenso in den Schatten wie die Kühmeier die Kozena.

An der tückischen Rolle des Escamillo scheiterte wie so viele seiner Kollegen im Bariton-Fach Massimo Cavalletti, von dem ich schon einen ausgezeichneten Marcello gehört habe. Cavalletti verfügt über gutes Material, aber leider nur über eine unzureichende Stimmtechnik, was ihn zum Brüllen veranlasste Da der Sänger noch jung ist, könnte das ein erfahrener Stimmlehrer wohl noch beheben und auch das Studium französischer Nasallaute ließe sich nachholen.

Mit unschöner, greller Stimme produzierte sich Nikolay Bortchev als Morales und die keineswegs unwichtige Rolle des Zuniga war mit Janusz Monarcha erschreckend unterbesetzt. Tae-Joong Yang gelang es als Dancairo unangenehm aufzufallen, Dimitrios Flemotomos blieb als Remendado unauffällig.

Am Pult versuchte Bertrand de Billy am Beginn des Vorspiels zum ersten Akt eine neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen, bot aber in der Folge eine routinierte Leistung und unterstützte die Garanca durch Dämpfung des Orchesters. Der Chor wurde seiner Aufgabe gerecht.

Nur noch ein Wort zur Aufführungspraxis: Die früher fast ausschließlich verwendete Rezitativ-Fassung von Carmen wurde nach Bizets allzu frühem Tod von seine Schüler Ernest Guirauds für die Wiener Hofoper erstellt, von der aus das bei der Uraufführung durchgefallene Werk ab 1875 seinen Siegeszug in alle Welt antrat. Diese Rezitativ-Fassung bewährt sich vor allem bei Sängern aus verschiedenen Nationen, deren mangelhaftes Französisch in der Dialogfassung nur allzu deutlich wird, wie es auch am gestrigen Abend der Fall war. Die von den Librettisten vorgesehenen gesprochenen Dialoge bieten viel Hintergrundinformation und tragen zum Verständnis der Charaktere bei, aber an der Staatsoper sind diese Dialoge auf wenige, nichtssagende Worte reduziert, die diese Funktion nicht erfüllen und die nur die Gesangslinie unterbrechen. Wohl rücken die Rezitative die ursprüngliche opéra comique in die Nähe einer großen Oper, aber das tut ja auch die überaus opulente Inszenierung Franco Zeffirellis.

Dr. Georg Freund

 

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