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WIEN / Staatsoper: CARMEN

20.05.2013 | Oper


Auf ihrer Website kann man eine schwarzhaarige Garanca-Carmen mit Alagna 2009 in London sehen. In Wien ist sie blond

WIEN / Staatsoper: 
CARMEN von Georges Bizet
20. Mai 2013                 
146. Aufführung in dieser Inszenierung

Das Debut kam satte drei Jahre verspätet. Man erinnert sich noch an die Ereignisse vor ziemlich genau drei Jahren, Anfang Mai 2010, als man fast (aber nur fast, denn er war eisern im Nehmen wie im Geben!) Mitleid mit Ioan Holender hatte: Da kündigte er eine „Carmen“ mit der damals weltbesten Besetzung an, dann sprang ihm zuerst  Rolando Villazon ab, glaubhaft in Stimmnöten. Dirigent Mariss Jansons folgte, gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Als dann freilich noch Elina Garanca, damals eben noch quietschfidel bei einer Pressekonferenz in Göttweig unterwegs, sich „krank“ meldete, hatte die musikalische Neueinstudierung der „Carmen“, für die in Kartenbüros und am Schwarzmarkt schon sagenhafte Preise gezahlt worden waren, nur noch einen einzigen Star übrig: Anna Netrebko. Ihretwegen kam das Ganze ins Fernsehen, auf DVD hat es das Nicht-mehr-Ereignis nicht geschafft.

Elina Garanca hat die Carmen seither in aller Welt gesungen (Opernfreunde „trösteten“ sich natürlich mit der DVD der Met-Aufführung), und nun holte sie mit dreijähriger Verspätung ihr Wiener Debut in dieser Rolle nach. Es wurde ein debutreicher Abend – auch Roberto Alagna ließ in Wien erstmals seinen Don José hören, Anita Hartig erstmals die Micaela, und als Escamillo bekam man (für den erkrankten Ludovic Tézier) überhaupt einen Hausdebutanten, den aus Lucca stammenden Massimo Cavalletti, zu hören.

Das Interesse war enorm, der Stehplatz ausverkauft, vor dem Haus waren nicht nur sämtliche Sitzplätze „am Platz“ vergeben, sondern es kauerten noch Hundertschaften auf dem Boden. Keine Frage, dass sich das Interesse auf das Garanca-Debut konzentrierte. An ihr schieden sich dann, wie man auch in den Pausengesprächen erleben konnte, die Geister – aber der Schlussjubel erzählte jedenfalls von einem Triumph.

Elina Garanca ist eine blonde nordische Schönheit, und daran ändert sie in der Wiener Aufführung auch nichts – keine schwarze Perücke, keine billigen Hüftschwünge, um die „Zigeunerin“ Carmen vorzustellen: Die Garanca ist, wie sie ist, und das respektiert man selbstverständlich. Aber wie ist ihre Carmen? Vermutlich hat sie, zwischen New York und Berlin, London und München und anderswo mehr von Inszenierung zu Inszenierung ziehend, nirgends mit einem Regisseur ein Rollenprofil erarbeitet. Man sieht diese schöne Frau und fragt sich, was sie bewegt: Sicher ist sie kein mutwilliges Weibchen, aber kalkulierte Machtspiele scheint sie auch nicht zu treiben. Man tut sich als Zuschauer (aber auch als Interpret!) leichter, wenn man einer Figur ein Profil, eine Linie verleiht, und die vermag man hier nicht zu erkennen. Am schwächsten fällt dann der vierte Akt aus – da hat man schon manche Carmen weit intensiver kämpfen und sterben sehen als die Garanca, der es stimmlich zwar nicht an Kraft, aber an farblichen Facetten mangelt. Abgesehen davon, dass ihr heller Mezzo sich in der Höhe weit wohler fühlt als in der fahlen Tiefe, fehlt ihr jegliche Sinnlichkeit im Timbre.

Nein, Elina Garanca ist als Carmen sicher kein Naturereignis (wie es etwa die Baltsa immer war, auch als es um ihre stimmlichen Fähigkeiten nicht mehr optimal bestellt war), sie ist weit eher Geschmackssache, denn sie hat einen Teil des Publikums offenbar ehrlich begeistert, und ihre Gesangskünste stehen außer Frage. Sagen wir so: Wer nicht Elina Garanca als Carmen, sondern Carmen als Elina Garanca erleben wollte, wurde mit einem persönlichkeitsfunkelnden Weltstar bedient und hat ihn umjubelt, wie  das Operngesetz es befiehlt.

Roberto Alagna, der so viel Geschmähte, singt mittlerweile mit einem in jeder Lage  unveränderlichen Stahlkern in der Stimme, gibt aber genügend Emotion, um die Blumenarie dann auch wirklich eindrucksvoll zu präsentieren. Und da die Rolle ja schrittweise immer intensiver und dramatischer wird, liegt er dann auch richtig, zumal er im vierten Akt die Verzweiflung des Don José auf der darstellerischen Höhe vieler großer Kollegen brachte und seine Spitzentöne immer funktionieren.

Anita Hartig sang ihre erste Micaela und ist gerade auf dem Weg zu dieser lyrischen Rolle, der sie stimmlich zu viel Nachdruck und damit auch zu viel Schärfe gab. Der Escamillo kam in Gestalt von Massimo Cavalletti grobschlächtig auf die Bühne, mit ebensolcher Gesangslinie eines nicht hochqualitativen Baritons.

Bei den Nebenrollen hielten sich Ileana Tonca und Juliette Mars (wirklich als Zigeunerinnen „verkleidet“) am tapfersten, während man über die restlichen Herren den gnädigen Schleier des Vergessens breiten will (was in einigen Fällen geradezu nobel ist angesichts dessen, was sie hören ließen).

Bertrand de Billy war übermütiger Laune, er wollte offenbar eine „Carmen“ der Extreme hören lassen, in der alles „drin“ ist – er sprengte zu Beginn mit dem Wiener Philharmonikern los wie mit einem Rassepferd, das unglaubliche Brisanz mit Disziplin verbindet, wackelte bei einigen Ensembles im zweiten Akt, schwelgte in Lyrik, peitschte Dramatik, ziselierte Feinheiten. Gelegentlich musste man angesichts der wahrlich leichtfüßigen Virtuosität, wie der Franzose (Dirigent) den Franzosen (Komponist) interpretierte, an Nietzsche denken, für den diese Musik, „die nicht schwitzt“, der Gegenpol zu Wagner war…

Renate Wagner

 

 

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