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WIEN/ Staatsoper: CAPRICCIO. Wiederaufnahme

Ein Werk der „Inneren Emigration“?

18.05.2018 | Oper


Angelika Kirchschlager (Clairon). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

WIEN /Staatsoper: „CAPRICCIO“ – Ein Werk der „Inneren Emigration“?

17.5. 2018 – Karl Masek

„In der Partitur steht genau, wie ich es haben will … Noten- und wortgetreue Interpretationen sowie kongeniale Improvisation sind Bruder und Schwester wie Wort und Ton…!“ Also sprach Richard Strauss in einem Geleitwort zum Konversationsstück Capriccio, notiert im Juni 1942 in Wien, wenige Monate vor der Uraufführung am 28.10. 1942 in München unter Clemens Krauss.

Der Dirigent war es, der für Strauss‘ letztes Opernwerk endlich eine Textvorlage bieten konnte, die dem Altmeister konvenierte. Schließlich gab es seit dem Tod des Hugo von Hofmannsthal immer wieder Probleme mit einem adäquaten Libretto. Mit Stefan Zweig, der noch den pointierten Text zur „Schweigsamen Frau“ lieferte, endete die Zusammenarbeit aus den bekannten (rassenpolitischen) Gründen. Zweig hatte Strauss noch Ende 1934 auf einen Text des Giambattista Casti zu einer heiteren Salieri-Oper hingewiesen, woraufhin der im persönlichen Umgang oft erschreckend – sagen wir es einmal vornehm – Unsensible den bereits Verfemten „einlud“, dasTextbuch „Prima la musica, poi le parole“ anonym zu verfassen. Zweig lehnte dieses Ansinnen begreiflicherweise ab. Während Salieris Opus mit „Erst die Musik, dann das Wort …“ endet, bleibt der Schluss beiStrauss/Krauss offen, wenn der Haushofmeister das letzte Wort hat: „Frau Gräfin, das Souper ist serviert!“

„Capriccio“, mitten in den Gräueln des 2.Weltkriegs entstanden, diskutiert, scheinbar ohne jeden Zeitbezug, Opern-Nabelschau in einer so genannten heilen Welt des 18. Jahrhunderts (zur Zeit von Glucks Opernreform) mit den kompositorischen Mitteln des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Was ist fürs Musiktheater wichtiger; der Komponist oder der Verfasser des Textes? Ist derlei bloße L’artpourl’art-Attitüde, ein Werk der inneren Emigration – oder vielleicht doch eine besonders verfeinerte Form des Protests und des verzweifelten Hochhaltens von Kunst und Schönheit gegen ausufernde Unmenschlichkeit samt Kulturvernichtung im so genannten 1000jährigen Reich?

 Die Ansprache des (scheinbar so) erzkonservativen Theaterdirektors La Roche im Stück könnte durchaus auch so zu deuten sein!„ … Die Masken sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, doch duldet ihr es. Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen… sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues … in den Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen!“ Und: „Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze-neuen Inhalt…!“

Die 15. Aufführung der Inszenierung des Marco Arturo Marelli hatte ihre Premiere am 7. Juni 2008. Dirigent war damals Philippe Jordan. Die letzte Wiederaufnahme war vor ziemlich genau 5 Jahren. Am Pult Christoph Eschenbach. Die ihr innewohnende Ästhetik wurde damals – so mein Erinnerungsblatt – vom Publikum wie von der Kritik ziemlich einhellig höchst positiv aufgenommen. Eine Augenweide das opulente Bühnenbild, von erlesenem Geschmack die Kostüme von Dagmar Niefind. Alles jedoch mit einer gewissen Einschränkung (die allerdings schon der Komponist im Briefwechsel mit Clemens Krauss  befeuert hatte). Es sei kein Stück fürs breite Publikum, es sei nicht jedermanns Geschmack, eher etwas für besondere Gourmets und Opern-Hedonisten.

Auch diese Wiederaufnahme hatte Neueinstudierungs-Charakter. Es gab Bühnen- und Orchesterproben und es wurde musikalisch, sprachlich und szenisch offensichtlich akribisch genau gearbeitet. Wertschätzendes Lob an die Musikalische Studienleitung von Thomas Lausmann, die Abendspielleitung von Katharina Strommer, dem Bühnenmusikdirigenten Witolf Werner und an den bewährten Maestro suggeritore Mario Pasquarello!

Die Inszenierung wirkt nach wie vor wie neu, hat Witz, Tiefgang und die brillante Genauigkeit, die Richard Strauss vorgeschwebt haben mag: „Keine Gefühlsduselei, Verstandestheater, Kopfgrütze, trockener Witz…!“, wie er 1939 an Krauss schrieb.

Die aktuelle Besetzung kann man getrost als Glücksfall glückhafter Zusammenstellung bezeichnen.

Da ist einmal der Dirigent Michael Boder, der diesen Abend mit sachlicher, unaufgeregter Routine leitete und vom herrlich musizierten Streichsextett bis hin zu den komplexesten Ensembles größtmögliche Sicherheit ausstrahlte, darüber hinaus zu schlanker, herrlich transparenter musikalischer Gangart motivierte. An diesem Abend hatte der Theaterdirektor La Roche  nicht den geringsten Grund zur Beschwerde über ein lärmendes Orchester! Seit 1995 (Debüt mit „Wozzeck“) hat Boder 140 Vorstellungen dirigiert, darunter Uraufführungen wie „Medea“ und „Der Riese vom Steinfeld“, sowie Kaliber wie „Elektra“, „Die Frau ohne Schatten“, „Lulu“, „Cardillac“, „Meistersinger“,…- immer ein Garant für höchste Qualität am Pult. Und beim „Capriccio“-Debüt war es nicht anders. Wir sind gepannt auf die nächste zeitgenössische Premiere des fabelhaften „Gewusst-Wie-Dirigenten“ mit Trojahns „Orest“ 2019!

Das Orchester der Wiener Staatsoper hatte einen philharmonischen Abend und erwies sich wieder einmal als „Wiener Wunderharfe“ in Sachen Strauss.


Anna Gabler (Gräfin), Wolfgang Bankl (La Roche). Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die Sängerinnen und Sänger in der Reihenfolge des Programmzettels:

Anna Gabler gelang mit der Gräfin Madeleine ein beachtliches Rollendebüt. Mit dieser Rolle haben alle Sopranistinnen einen großen Vergangenheits-Rucksack zu schultern. Es gelang ihr jedoch, dass man auch als Opern-Zeitzeuge einen Abend lang in der Gegenwart des Abends verblieb. Noble Bühnenerscheinung, passendes silbriges Timbre, Leichtigkeit der Höhe, schlanke Phrasierung. Gelegentliches Flackern ihres hellen Soprans, was aber als emotionales Aufflackern einer sonst zurückhaltenden, ewig abwägenden Rollenpersönlichkeit durchgehen mag, die mit dem eigenen Spiegelbild in der 2.Person spricht und sich so schwer tut, welchem der beiden Verehrer sie den Vorzug geben soll („Wählst du den einen, verlierst du den andern“). Und jeder Zoll die junge, umschwärmteWitwe.

Der gräfliche Bruder wurde von Markus Eiche erstmals im Haus am Ring verkörpert. Idealtypisch ist er als eitler, süffisanter Schauspieler und „Hobbyphilosoph“, mit prächtigem Kavaliersbariton und einer Sprechstimme: Da können sich so manche Burgschauspieler ein Scheibchen abschneiden, was Sprechkultur und Deutlichkeit betrifft. Auch ist er mit der Inszenierung bereits vertraut, denn er hat auch schon den Dichter Olivier an der Staatsoper gesungen.

Michael Schade ist seit der Premiere als Flamand, der Musiker,“die große Seele mit denschönen Augen“, derzeit aus einer Capriccio-Besetzung nicht wegzudenken. Bewegt er sich doch mit seinem technisch unfehlbaren, höhensicheren, blitzsauber intonierenden und darüber hinaus zart schmelzenden Edeltenor (wunderbar der Sonett-Vortrag!) in der Traditionslinie Anton Dermota – Nicolai Gedda. Besser geht das wohl nicht.

Adrian Eröd, der Dichter, der „starke Geist, der leidenschaftliche Mann“, ist eine Idealbesetzung eines intellektuellen, um seine künstlerischen Hervorbringungen hart kämpfenden„Mann des Wortes“. Markant, ausdrucksstark sein Bariton. Und auch er ein Sprecher von Graden, wenn er sein Sonett vorträgt.

Wolfgang Bankl ersang sich einen großen persönlichen Erfolg als La Roche. Er teilt das Schicksal mancher  Ensemble-Mitglieder. In wirklich tragenden Rollen kommen sie oft erst zum Zug, wenn ein angesetzter Gastsänger ausfällt – wie der ursprünglich vorgesehene Lars Woldt. Bankl war ein Theaterdirektor und –praktiker wie aus dem Bilderbuch. Wortwitz, Pathos, ehrliche Empörung über die „Knaben“, die  Dichter und Komponisten, die seiner Meinung nach noch nichts auf dem Theater geleistet haben, in der berühmten Rede übers Theater. Auch stimmlich bringt sein etwas trockener Bass-Bariton viele Nuancen lakonischen, trockenen Humors. Auf jeden Fall eine Glanzrolle des wertvollen, immer verlässlichen Ensemblemitglieds!

Angelika Kirchschlager machte sich in den letzten Jahren im Haus am Ring rar. Umso größer die Freude über ihr Comeback als die Schauspielerin Clairon. Souverän gibt sie eine bühnenbeherrschende Diva, mit Schlagfertigkeit, rollengerechter Blasiertheit (wenn sie z.B. mehr Pferde für die Kutschenabreise nach Paris moniert). Ihr cremiger Mezzosopran hört sich weiterhin gut an – und man hofft, ihr wieder etwas häufiger im Haus am Ring zu begegnen.

Peter Jelosits gab die rollengerecht verschlafene Studie des Monsieur Taupe, Daniela Fally und Pavel Kolgatin (er mit RD) waren ein solides italienisches Sängerpaar mit Belcanto-Anwandlungen, und Marcus Pelz der distinguierte Haushofmeister.

Nicht zu vergessen die acht Diener aus dem Staatsopernchor mit der köstlich komponierten Einlage und die beiden jungen Tänzer, auf der Bühne begleitet vom Trio Daniel Froschauer (Violine), Raphael Flieder (Violoncello) und Kristin Okerlund (Cembalo).

Die Vorstellung wurde vom Publikum (anscheinend waren so ziemlich alle Gourmets und Hedonisten!) stark akklamiert, verdiente Bravi gab es bei den Solovorhängen. Hoffentlich dauert’s nicht wieder ein halbes Jahrzehnt bis zur nächsten Wiederaufnahme!

Karl Masek

 

 

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