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WIEN / Staatsoper: BALLETTABEND Meisterwerke des 20. Jahrhunderts

14.02.2012 | Ballett/Tanz

WIEN / Staatsoper:
BALLETTABEND „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“
Lifar / Petit / Christie
Premiere: 12. Februar 2012, zweite Vorstellung 13. Februar 2012

Wir haben einen französischen Operndirektor, wir haben einen französischen Ballettchef, warum sollte das Staatsballett, das in dieser Ära nun wirklich alle Liebe, Zuneigung und Beachtung von Direktion und Publikum empfängt, nicht einmal einen „französischen“ Abend bieten – gewissermaßen „made in France“? Und das verlief auch so abwechslungsreich wie vielfältig.

Zwar befindet sich unter den drei Choreographen nur ein „originaler“ Franzose, aber alle drei Werke wurden in Frankreich uraufgeführt, sind für französische Künstler geschaffen worden. Für Ballettchef Manuel Legris stellen sie zweifellos ein Stück seiner persönlichen Geschichte dar. Und für den Dirigenten Markus Lehtinen ergaben sich mit Lalo, Martinu und Bizet die Herausforderung gänzlich divergierender musikalischer Stilwelten.

  

Alle Fotos: Barbara Zeininger

Serge Lifar (1904-1986), geboren in Kiew, der schon früh nach Frankreich kam, huldigte mit seiner „Suite en Blanc“ dem klassischen (russischen) Ballett, aus dessen Schule er kam – tatsächlich ein Traum in Weiß, in edler Bewegung, in Elegance und Grandeur. Das Kunststück besteht darin, die Schwierigkeit als Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit auszugeben – und das gelingt den meisten auch.

Im übrigen ist das Ensemble reich an Persönlichkeiten, und es dürfte gar nicht so leicht sein, immer alle entsprechend einzusetzen. Hier kann ein Direktor in den vielen kleinen Teilen, die sich zur „leichten“ Musik von Edouard Lalo zu dieser „weißen Suite“ zusammen setzen, jede Menge Persönlichkeiten auf die Bühne schicken, und wenn sie auch jeweils nur ein paar Minuten im Mittelpunkt stehen – hier können sie dann zeigen, was sie können. Die Damen im Tutu oder im halblangen Tüllrock, die Herren in Strumpfhosen und den kleidsamen „Blusen“, und alle zur höchsten Virtuosität aufgefordert. Vier von ihnen haben mehr oder minder Soli – Olga Esina, Nina Poláková, Maria Yakovleva, dazu Denys Cherevychko mit seiner entschlossenen Kraft -, und es gibt auch sehr schöne Gruppierungen. Hier waren dann noch Liudmila Konovalova, Kiyoka Hashimoto und Irina Tsymbal zu sehen, unter den Herren noch Shane A. Wuerthner oder Davide Dato, um nur einige der auffallenden Erscheinungen zu nennen. Diese Paraphrase des großen „weißen“ Balletts ist selbst schon klassisch.

  

Da hat die Staatsoper den neuen Ballettabend gleich zweimal hintereinander in derselben Besetzung angesetzt – doch mit des Geschickes Mächten ist bekanntlich kein ewiger Bund zu flechten. Nina Poláková, die im ersten Stück noch getanzt hatte, erlitt dann einen Schwächeanfall, wie Alfred Oberzaucher vor dem zweiten Stück berichten musste. Notwendige Entscheidung: „Before Nightfall“ des 1949 in Rotterdam geborenen Nils Christe, das noch Nurejew für das Pariser Ensemble bestellt hat, wurde nicht in drei, sondern in zwei Sätzen getanzt, das Mittelstück mit der Poláková und ihrem Partner Roman Lazik entfiel notgedrungen. Dennoch machte das spröde, auf der herben Musik von Bohuslav Martinů beruhende Werk in seiner elegischen, gewissermaßen strengen Grundstimmung großen Eindruck, auch wenn von den drei Hauptpaaren nur noch Ketevan Papava und Eno Peci im ersten und Liudmila Konovalova und Mihail Sosnovschi im dritten Satz blieben.

  

Als dann zum dritten Teil des Abends die so bekannten Anfangsklänge der „L’Arlésienne“-Suite von Georges Bizet aufrauschten und das Bühnenbild ein Riesengemälde von Van Gogh zeigte, ahnte man handlungsmäßig nichts Böses, im Gegenteil: Der große Roland Petit (1924-2011), den man ja vor seinem Tod noch mit seiner „Fledermaus“ in Wien erlebt hat, setzte die hier gezeigte Bauernhochzeit durchaus amüsant-parodistisch um: Die braven Bauern mit ihren ulkigen Fußbewegungen wirken recht „tümlich“, wie man sich volkstümlich auf südfranzösisch eben vorstellt, und wenn ein junger Mann eine Braut bekommt, die so absolut hingebungsvoll ist wie die wunderbare Maria Yakovleva als Vivette, da sollte der Bräutigam doch heilfroh sein! Doch Petit hat seinem Werk die tragische Erzählung von Alphonse Daudet zugrunde gelegt, und ziemlich bald stellt sich heraus, dass der junge Mann eine frühere, unerfüllte Beziehung nicht aus dem Kopf geht. Das Bühnenbild wandelt sich zu einem Fenster im Hintergrund, man ahnt nichts Gutes – und tatsächlich gibt es kein Happyend, mit einem verzweifelten Sprung katapultiert sich Held Frédéric in den Tod…

Für seinen so tragisch umflorten Interpreten Kirill Kourlaev bedeutete das allerdings einen Sprung in der Hierarchie hinauf, in die Spitze des Ensembles, denn wie man lesen konnte, wurde er nach der Premiere von Manuel Legris (der offenbar viel von positiver Motivierung hält) zum Ersten Solotänzer ernannt.

Renate Wagner

 

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