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WIEN / Staatsoper: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

25.01.2012 | Oper

 

Angelika Kirchschlager und Christopher Ventris / Tomasz Konieczny und Elisabeth Kulman
Fotos: Barbara Zeininger

 WIEN / Staatsoper: 
AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY von Kurt Weill
Premiere: 24. Jänner 2012 

Brecht / Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, uraufgeführt 1930 in Leipzig, ist zum ersten Mal in ihrer Geschichte in der Wiener Staatsoper gelandet. Mit wem immer man an diesem Abend sprach, der bekannte sich als Kurt-Weill-Fan. Die Sitzplätze waren auch ausverkauft, es standen aber doch sehr viele Leute herum, die Karten anboten. Und die Stehplätze waren nicht einmal im Parterre weg, auf der Galerie Seite herrschte gähnende Leere. So richtig hat Kurt Weill ja doch nicht seinen Fuß ins große Opernrepertoire gesetzt, wenn auch Komponistenkollege Heinz Karl Gruber etwa in einem sehr interessanten Programmheftartikel „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ unter die Spitzenwerke des 20. Jahrhunderts einreiht und die Musik in ihrer vielfach gepriesenen Meisterschaft genau analysiert.

Wahrscheinlich sollte man auch jede Kritik der jüngsten Staatsopern-Premiere mit dem Lob des Dirigenten Ingo Metzmacher beginnen: Was Weill hier an rhythmischer Vielfalt und kompositorischer Einfallskraft geboten hat, spiegelt sich im Orchester in allem, was da zwischen Choralartigem, Chansonartigem, Jazzartigem (laut Gruber „Marschmusik mit Synkopen“) differenziert und immer wieder aufregend erklingt.

Wie gut ist nun die „Mahagonny“-Oper, das zweite und letzte große musikalische Gemeinschaftswerk von Weill und Bert Brecht, tatsächlich? Denn der einst so umstrittene Bert Brecht ist ja inzwischen in einen gottähnlichen Status gehoben worden, dass man gar keine Qualitätszweifel erheben darf. Aber was hat er damals, in den späten zwanziger Jahren anderes getan, als im Stil der „Dreigroschenoper“ noch einmal seinen Polit-Agitprop hinzuknallen, mit ein paar der unvergesslich zitierbaren Zeilen (dass zuerst das Fressen kommt – von der Moral ist hier nicht die Rede – oder dass man lieber treten soll als getreten werden…), aber in einer über die Maßen simplen Lehrstück-Story: Die Bösen gründen eine Stadt, weil es leichter ist, Geld via Mädchen, Glücksspiel, Alkohol aus den Taschen zu ziehen, als es mit schwerer Arbeit zu verdienen. In „Mahagonny“, wo dann alles erlaubt ist, gibt es nur eine Todsünde, nämlich kein Geld zu haben, und die wird prompt mit dem Tod bestraft. Alle Gefühle wie Zuneigung oder Freundschaft machen vor Geld halt. Am Ende singen alle im Chor, dass dem Menschen nicht zu helfen ist… Gott, ist der Kapitalismus böse.

Gut, das ist wahrscheinlich so wahr und aktuell wie vor 80 Jahren und mehr. Aber formal trägt Brechts flapsige, oft bewusst grammatikalisch falsche Sprache, seine demonstrativ frech-anklagende Attitüde ebenso den Stempel ihrer Zeit wie Weills aggressives Stakkato. Dergleichen muss man mögen – wenn nicht, kann es auch anöden.

Man hat die „Stadt Mahagonny“ hierzulande nicht allzu oft gesehen. In Erinnerung ist die Salzburger Festspielinszenierung von Peter Zadek, der bei ziemlich leerer Bühne auf abgerissenen Realismus setzte, die Gangster im Mafia-Look, die Tragödien menschlich ausgespielt. Der französische Regisseur Jérôme Deschamps hingegen setzte ganz auf das statische Lehrstück, das Brecht hingeknallt hat, wobei sich – das muss man ehrlich sagen – der „Brecht-Vorhang“ als trennendes Element zwischen den Kurzszenen als ganz praktisch erwies: Nicht, dass Olivia Fercioni viel zum Bühnenbild eingefallen wäre, es ist vor allem nüchtern, aber Vanessa Sannino sorgte mit ihren Kostümen für die Effekte des Abends. Sie sind geradezu kindertheaterartig bunt – da sieht die Jenny auch mal wie eine Pierrette aus, besonders wenn man ihr riesige rote Quasten an die Ärmel näht. Die Leokadja Begbick ist nicht nur durch ihre Interpretin ausgesprochen jugendlich und attraktiv, sondern auch durch die Kostüme, vom engen roten Kleid mit schrägem Saum zu Beginn bis zu immer exzentrischer werdenden Outfits, am Ende wie eine Luxus-Pomfuneberin. Und der Dreieinigkeitsmoses bekommt sogar eine schwarze Rudolf Mooshammer-Schmolle verpasst… Aber er ist nicht der einzige, der in die optische Lächerlichkeit gerückt wird: Zumal im zweiten Teil, wenn Mahagonny dem Hurrikan entkommen und in hemmungslosen Hedonismus gestürzt ist, wird alles dermaßen bunt und verrückt, dass man sich mit „Kostüme-Schauen“ die Zeit vertreiben könnte…

Und das ist insofern nicht ohne Sinn, als der Regisseur sämtliche Protagonisten zur gemessenen Stilisierung ihrer Aktionen und weitgehender Statik ihrer Bewegungen verdammt hat. Sicher im Sinn seiner Brecht-Treue – aber ein bisschen mehr „Action“ hätte es schon sein dürfen. Wenn dann große Sänger, um deren „Lebendigkeit“ man weiß, nur als bunte Figuren auf der Bühne stehen, sich aber als vitale Persönlichkeiten nicht entfalten dürfen, dann fehlt doch was. Ein Paradebeispiel ist Heinz Zednik in der Rolle, die man nun „Regisseur der Bühne“ nennt – aber er spricht bloß die Zwischentexte in der Uniform irgendeines Subalternen. Und wer „unseren“ Zednik kennt, seine Schärfe, Präzision, Präsenz, der erkennt ihn hier kaum, so sehr muss er unterspielend irgendetwas murmeln…

Der Abend hat zwei extrem attraktive Damen. Die Leokadja Begbick, das Kapitalisten-Monster schlechthin, ist wohl noch nie so jugendlich, schlank, raffiniert und verführerisch auf der Bühne gestanden wie in Gestalt von Elisabeth Kulman. Und die Jenny Hill der Angelika Kirchschlager, die zu Beginn wie ein „süßes Mädel“ in Blond daherstakst, durchläuft auch dank der Kostüme einige Verwandlungen, bis sich hinter dem herzigen Äußeren das harte Herz zeigt. Sie scheint nie mit voller Stimme, sondern stets mit leichtem Parlando zu singen, ähnlich wie die Kulman, was die Ausdruckskraft der beiden Damen nicht schmälert. Weill ist Weill, und der ist einfach anders.

Nur Christopher Ventris ist entschlossen, das zu leugnen. Als sehr sympathischer Held Jim Mahoney setzt er mit allem Nachdruck auf seinen Tenor, hat sogar etwas, was einer „Arie“ im üblichen Sinn gleicht, und ist zumindest annähernd der positive Gegenpol zu der scheußlichen Bande, die Brecht hier zeichnet.

Dazu gehören auch Tomasz Konieczny als Dreieinigkeitsmoses in vielerlei Gestalt und Herwig Pecoraro als Fatty, die fies im Fahrwasser der Begbick segeln, und auch Clemens Unterreiner holt einiges aus dem Bill, der sich als schlechter Freund erweist, wenn er seine Börse zücken sollte. Norbert Ernst, Il Hong (der bei einem Boxkampf draufgeht) und Wolfram Igor Derntl ergänzen die Herrenriege, während die Damen, die hinter Jenny hertrippeln, eher unbeachtet bleiben, obwohl sich unter ihnen Namen (und Künstlerinnen) wie Ildikó Raimondi, Ileana Tonca oder Stephanie Houtzeel finden. Das nennt man dann anbefohlenen Ensemblegeist, denn jedes Blumenmädchen ist dankbarer…

Während der Vorstellung war das Publikum kaum zu irgendwelchen Beifallskundgebungen zu animieren. Am Ende erschreckte es den Regisseur mit ein paar nicht ganz nachdrücklichen Buhrufen (die blauhaarige Kostümbildnerin wirkte vom Widerstand eher unbeeindruckt), und letztendlich überwog der Beifall. Es waren ja auch so viele Kurt-Weill-Fans im Publikum.

Renate Wagner   

 

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