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WIEN/ Staatsoper: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

23.09.2012 | KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper: AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY (22.9.2012): STARK VERBESSERT!


Elisabeth Kulman als Witwe Leokadja Begbick. Foto: DI.Dr. Andreas Haunold

 Beim zweiten Mal dominierten die positiven Eindrücke dieses 2. Haupt- Werkes von Bertold Brecht und Kurt Weill (neben der Dreigroschen-Oper) und am Ende gab es diesmal Jubel für alle Mitwirkenden und vor allem für den Dirigenten Ingo Metzmacher! Das Stück gegen die große Wirtschaftskrise Ende der 20er Jahre mit Uraufführungs-Datum in Leipzig im Jahr 1930 kam diesmal – trotz allzu putziger Regie (Jerome Deschamps) und naiv-kitschiger Ausstattung ( Olivia Fercioni-Bühnenbild und Vanessa Sannino-Kostüme) – als aktuelle Parabel gegen den radikalen Turbo-Kapitalismus voll über die Rampe. Dazu kam, dass diesmal bei der 6. Vorstellung insgesamt sechs Rollen umbesetzt waren und für die Besucher der Premiere und der Wiederaufnahme insgesamt als deutliche Verbesserung empfunden wurden. Und vor allem: die Wiener Philharmoniker verzichten diesmal auf den allzu „schönen“ Klang à la Karajan, dieser Weill hatte auch Kanten, Dissonanzen und „schräge“ Passagen– vermutlich hat sich die Zusammenarbeit für die Soldaten von Zimmermann in Salzburg auch günstig für die Wiener Weill-Brecht-Produktion ausgewirkt. Für mich scheint die Brecht-Devise „Glotzt doch nicht so romantisch!“ jedenfalls in dieser Version berücksichtigt. Zusammen mit dem „Up-Grading“ bei der Besetzung kam es offenbar zu der starken Gesamtverbesserung der Wirkung. Vor allem Herbert Lippert in der Schlüsselrolle des Jimmy Mahones (nach dem blassen Christopher Ventris) war ein enormer Gewinn für die Weill-Produktion. Wortdeutlich, klangschön, fast ohne Schwierigkeiten in der anspruchsvollen Tessitur – der oberösterreichische Tenor entwickelt sich zum Glücksfall der Ära Dominique Meyer. Nach Erik und Matteo – nun mit dem Jim eine dritte Traumrolle! Er erzeugt Illusionen und distanziert sich gleichzeitig von ihrer Wirkung – er bleibt ein sympathischer „Jedermann“, der den Slogan der Konsum-Religion des „alles ist käuflich“ naiv erliegt. Sein Aufstieg und Fall geht unter die Haut, macht nachdenklich und provoziert Selbstreflexionen. Und plötzlich bekommt auch die herzige, seltsam bemühte Inszenierung einen höheren Sinn! Wir selbst schauen in einen kindlich verfremdeten Spiegel! Auch Stephanie Houtzeel bietet als Jenny eine deutliche Verbesserung gegenüber der Premierenbesetzung Angelika Kirchschlager – ihr Singen ist wenigstens in der Nähe eines Brecht/Weill-Songs angesiedelt. Und zusammen mit der grandiosen , freilich nach wie vor viel zu jungen Witwe Leokadja Begbick von Elisabeth Kulman bringt sie das Prinzip Hoffnung in diese Produktion ein, die auch von Wolfgang Bankl als stimmkräftigem Dreieinigkeitsmoses, Clemens Unterreiner als skurrilem Bill und Herwig Pecoraro als vokal unüberhörbarem Fatty geprägt wird. Der Kärntner Thomas Ebenstein als Jack fiel bei seinem Staatsopern-Debüt mit einem stimmschönen Tenor auf – man ist auf weitere Rollen neugierig! Bleiben noch der Koreaner Il Hong als mächtiger Joe und Wolfram Igor Derntl als engagierter Tobby zu erwähnen und das Staatsopern-Urgestein Heinz Zednik, der als Ansager mit seiner unverwechselbaren Vortragskunst punktete. Hier hat ein Großer auch keinen wirklichen Nachfolger gefunden! Voll Engagement auch wieder der Staatsopernchor (Leitung Thomas Lang)!

Bleibt zuletzt ein Umstand zu erwähnen, der für die zunächst so kritisierte Stückwahl spricht: seit langem hat man nicht mehr so viele junge Gesichter im Publikum gesehen. Manche dürften sogar zu der so begehrten Zielgruppe 20+ gehört haben. Und einige von ihnen könnten es auch noch ein zweites Mal versuchen….

Peter Dusek

 

 

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