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WIEN / Staatsoper: ARIODANTE

25.02.2018 | KRITIKEN, Oper

 
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper:
ARIODANTE von Georg Friedrich Händel
Erstaufführung an der Wiener Staatsoper
Premiere: 24. Februar 2018

Wer sich für Inszenierungen interessiert, kann bezüglich Händels „Ariodante“ auf YouTube fündig werden. Da gibt es etwa jene Aufführung, die Achim Freyer 2006 in Barcelona gezeigt hat (eine Übernahme seiner Frankfurter Inszenierung von 2004), wo er nur mit Puppen agieren ließ, was dem Verständnis der Sache nicht eben zuträglich war. (Harry Bicket dirigiert das Orquesta del Liceu, Vesselina Kasarova singt die Titelrolle). 2007 in Spoleto verlegte Regisseur John Pascoe die Handlung in die fünfziger Jahre und gab dem Spiel die Künstlichkeit einer englischen Dandy-Welt aus dem Zeitalter der jungen Queen Elizabeth (Alan Curtis dirigiert Il Complesso Barocco, Ann Hallenberg singt die Titelrolle). Beim Festival von Festival d’Aix-en-Provence 2014 gab es jene Aufführung von Richard Jones, die dann 2016 nach Amsterdam ging und von der Sarah Connelly erzählte – eine schottische Dorfwelt à la Britten, das „Königsdrama“ zwischen Fischerstiefeln und Küchenschürze. Da spielt das Freiburger Barockorchester unter Andrea Marcon, und Sarah Connolly als Ariodante hat die herrliche Patricia Petibon als Ginevra an ihrer Seite.

Drei prominente Aufführungen (kostenlos zu besichtigen, dem Internet sei auch einmal Dank) – und kein anderer Regisseur wagte (oder wollte auch), was David McVicar nun bei der Erstaufführung von „Ariodante“ an der Wiener Staatsoper unternahm: eine Barockoper auch für uns als solche zu inszenieren. Mit allem dazu gehörigen Glanz, mit Pracht und Pomp und Ballett. Und doch keine tote Vergangenheitsbeschwörung.

Der Abend ist mit viereinhalb Stunden nahezu überlang, nicht zuletzt deshalb, wenn die üppigen Choreographien an allen drei Akt-Enden realisiert werden – das Fest zur bevorstehenden Hochzeit, ein Alptraum von Ginevra, und am Ende wird rund um das neue Königspaar wieder gefeiert (Choreographie: Colm Seery). Und ja, man ist an einem Königshof, man ist auch in Schottland, leise rieselt der Schnee, wenn die Protagonisten zu Beginn und am Ende in Pelzgewändern erscheinen. (Es ist wirklich kalt dort.)

Und Schottland, so wie man es sich in einer Barockoper vorgestellt haben dürfte, hat Ausstatterin Vicki Mortimer auf die Bühne gestellt – barocke Kostüme, barockes Mobiliar, aber gelegentlich graue Wände, um auch eine Burg zu versinnbildlichen, und ein poetischer Meeresstrand… Im Ganzen ist die schnell zu verwandelnde Szenerie immer bunt und prächtig, und Pausengespräche ließen keinen Zweifel darüber: In einer Opernwelt, wo üblicherweise unter dem Vorwand, nichts „behübschen“ zu wollen, die Häßlichkeit herrscht, hat das Publikum das gegenteilige Angebot aus vollen Zügen genossen.

„Ariodante“ ist als Handlung schlicht, Ariodante und Ginevra sind ein glückliches Paar, bis sie der Intrigant Polinesso mit Hilfe der von ihm verführten Dienerin Dalinda auseinander bringt. In kleineren Rollen gibt es noch den schottischen König, Ginevras Vater, sowie Lurcanio, den Bruder von Ariodante. So klar das auch läuft, Glück in Akt 1, Unglück in Akt 2, auch noch Unglück, aber dann doch Happyend in Akt 3, ist es nicht ganz leicht zu inszenieren, denn wie alle der aufwendigen, „italienischen“ Virtuosenopern von Händel ist das Werk quasi eine Perlenschnur – eine Arie folgt auf die andere, ganz selten gibt es ein Duett, selten auch den Chor (besetzt mit dem Gustav Mahler Chor). Die Arien sind kompliziert genug, mit zahlreichen Dacapi, also nicht von der kurzen Sorte. Da darf man die Sänger beim Singen nicht allzu sehr stören, muss aber für Aktion sorgen, die das Publikum hindert, immer wieder die Augen zu schließen.

Und das macht David McVicar meisterhaft, er zeichnet die Charaktere im gewaltigen Auf und Ab ihrer Emotionen – und man hätte an diesem Abend wirklich nur auf den wiederkehrenden Tierkadaver verzichten können (und die Sänger wären besser öfter weiter vorne gestanden, da das aufwendige, oft offene Bühnenbild einiges von ihrem Volumen wegnahm). Wenn die Geschichte fortschreitet, geht es nicht um „Interpretation“, sondern um Übersichtlichkeit für das Publikum. Das Werk, wie es Händel und sein Librettist eben geschaffen haben.

Damit eine konventionelle Handlung in einem schön-konventionellen Bühnenbild nicht zum Schreit-Theater wird, da muss der Regisseur die Sänger auch wirklich führen, und das geschieht. Wien-Debutantin Sarah Connolly ist ein ungemein weicher Ariodante (dem man auch heldenhafteren Umriß und heldenhaftere Stimmkraft geben könnte) – fast unschuldig steht sie da mit ihrem hellen Mezzo, in ihrer schlaksigen Blondheit, hingerissen von Liebe, überwältigt vom Unglück, aber nie in Hochdramatik verfallend. Die Arie im 2. Akt, bevor Ariodante seinen Selbstmord im Meer beschließt, ist zweifellos ein Höhepunkt an verhaltenen, breit ausgesponnenen Gefühlen.

 
Hila Fahima / Chen Reiss 

Darstellerische Meisterleistungen kommen auch von den beiden anderen Damen. Chen Reiss ist eine wunderschöne, innige Ginevra, die am Ende besonders fasziniert, wenn sie das Glück des Happyends nach aller Verzweiflung nicht glauben kann und fast in den Wahnsinn umzukippen scheint… Sie hat einen ebenso schönen, klaren, hellen Sopran wie Hila Fahima in der komplizierten Rolle der verführten Dalinda, die sich zur Komplizin des Bösewichts macht und eigentlich erst zur Erkenntnis kommt, als er sie (zum Dank) umbringen will. Sie spielt die Seelenkämpfe überzeugend und wirkt nur stimmlich manchmal überfordert, wenn Händel ihre Gefühle mit allzu viel technischer Virtuosität auflädt.

Nicht ganz so begeisternd die Herren – Christophe Dumaux als Polinesso beeindruckte das Publikum zwar sehr als ein Bösewicht wie aus dem Bilderbuch, aber man hat schon glanzvollere Counter-Stimmen gehört. Wien-Debutant Wilhelm Schwinghammer singt zwar als König von Schottland einen alten Mann, aber die Stimme ist zu brüchig für Händel, der ja doch eine „geläufige Gurgel“ verlangt, die übrigens auch Rainer Trost mit trockenem Tenor nicht wirklich zu bieten hat. (Mit Ausnahme von Sarah Connolly, die durch Kate Lindsey ersetzt wird, geht die gesamte Besetzung für einige konzertante Aufführungen nach der Wiener Serie auf „Ariodante“-Tournee. Das nennt man wohl „verwerten“.)

Zentrum und Seele des Abends ist das Orchester Les Arts Florissants unter William Christie – sie sind die wahren Fachleute des Abends. Man hat (vor allem in vielen konzertanten Abenden im Theater an der Wien) zu viele Händel-„Professionals“ gehört, um nicht den Unterschied zu jenen Sängern wahrzunehmen, die ihn vielleicht nur einmal in ihrem Leben singen. Händel und Alte Musik ist einfach auch eine Stilfrage. William Christie und sein Orchester beherrschen diesen Stil zur Perfektion, dabei ganz locker aus dem Handgelenk. Sie tragen den Abend mühelos und glanzvoll durch die viereinhalb Stunden, auch dort, wo die Arien und Tempi manchmal doch lang erscheinen…

Am Ende gab es ungewöhnlich stürmischen Jubel. Der einsame Buh-Rufer gegen den Regisseur sei auf YouTube verwiesen.

Renate Wagner

 

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