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WIEN/ Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS – ein Fest für Richard Strauss

22.10.2014 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ Staatsoper – 21.10.2014 –  ARIADNE AUF NAXOS – ein Fest für Richard Strauss

Unbenannt
Johan Botha, Soile Isokoski. Foto: WienerStaatsoper/Michael Pöhn

 Einen weiteren Höhepunkt im Richard-Strauss-Jahr stellt – nicht unerwartet – diese Serie der „Ariadne auf Naxos“ dar. Christian Thielemann beweist nachdrücklich, dass er zu den Hohepriestern des „Deutschen Faches“ gehört und er wird dabei von leidenschaftlichen Wiener Philharmonikern in Salonorchesterstärke hervorragend unterstützt. Detailreich und in berührender Virtousität werden Melodien, Zitate und Motive präsentiert, die bei Standardvorstellungen einfach nicht zu hören sind. Die gegenseitige Wertschätzung von Dirigent und Orchester wurde durch die Anwesenheit des Konzertmeisters Rainer Küchl beim Schlußvorhang dokumentiert – er hat sich aber auch in den kammermusikalischen Abschnitten zu einem Hauptdarsteller des Abends entwickelt. Auch die anderen Orchestermusiker – besonders Celli und Holzbläser – verdienen höchstes Lob.

 Großes Lob auch für die Adaptierung der Inszenierung, die perfekt an die körperlichen Möglichkeiten aller künftigen Bacchus-Darstellern ohne Modell-Figur angepasst wurde. Die geänderte Personenführung wirkt logisch und stellt eine Verbesserung der Authentizität der Handlung dar. Diese Koproduktion mit den Salzburger Festspielen hat seine Repertoiretauglichkeit bewiesen, stellt eine der akzeptierteren Arbeiten von Sven-Eric Bechtolf dar und wäre auch für uns – verzichtete man auf die peinlichen, funktionslosen Tänzer – eine reine Freude.

 Schon im Vorspiel herrschte ambitioniertes Komödiantentum und auch der darstellerisch oft gescholtene Johan Botha zeigte mit köstlicher Mimik und Gestik, dass schauspielerische Darstellung auch ohne akrobatische Einlagen unterhaltsam und aussagestark sein kann (siehe auch Orson Welles, Gert Fröbe und viele mehr). Peter Matic zeigte den gewohnt überheblichen Haushofmeister und fand in Jochen Schmeckenbecher als Musiklehrer ein würdiges Gegenüber – sein beweglicher Bariton verfügt über die nötige Wandlungsfähigkeit für diese interessante Figur.

 Sophie Koch gelang nach einem etwas verhaltenen Beginn in der ersten Vorstellung eine wundervolle Rollengestaltung und war in dieser Vorstellung ein wunderbarer Komponist. Ihr in der Tiefe makelloser Mezzosopran erreichte die atemberaubenden Höhen dieser Partie souverän und klangschön.

 Daniela Fally erreicht aufgrund der schauspielerischen und gesanglichen Darstellung der Zerbinetta bereits einen Kultstatus, den man so „knapp nach Gruberova“ nicht für möglich gehalten hätte. Sie zwitschert und perlt vielleicht nicht so eindrucksvoll in den Koloraturen, die größer und wärmer gewordene Stimme eröffnet aber einen kompletteren Gesamteindruck, der dieser Figur durchaus zugute kommt.

 Die Komödiantentruppe ist sportlich und gesanglich gut besetzt – Carlos Osuna (Scaramuccio), Jogmin Park (Truffaldin), Benjamin Bruns (Brighella) und Adam Plachetka als Harlekin – dessen „Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen“ für unseren Geschmack etwas zu maniriert ausfällt – sind eine gut eingespielte Truppe, die für den Fortgang der Handlung sehr wichtig ist.

 Norbert Ernst zeigte wieder eindrucksvoll, dass ihm der Tanzmeister sehr gut in der Kehle liegt – er macht einen wesentlich besseren Eindruck als in den letzten, etwas weniger gelungenen Auftritten. Die kleineren Rollen waren mit Marcus Pelz (Lakai), Won Cheol Song (Perückenmacher) und Daniel Lökös (Offizier) vor allem schauspielerisch gut besetzt.

Die drei Nymphen, die im zweiten Teil (in der Oper) zu einer wichtigen Hauptrolle werden, waren mit Sängerinnen besetzt, die schon erfolgreich in anderen Hauptrollen zu erleben waren. Die Stimmen von Valentina Nafornita (Najade), Olga Bezsmertna (Dryade) und Rachel Frenkel (Echo) passen hervorragend zusammen und so erlebt man das Phänomen, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile. Das „Töne, schöne Stimme“ wird zu einem musikalischen Leckerbissen in selten zu hörender Innigkeit.

 Auch Soile Isokoski bekam die Titelrolle mit jeder Vorstellung besser in den Griff und erreichte im Finale mit dem „jungen Gott“ eine beeindruckende Interpretation. Für einen perfekten Monolog fehlt allerdings nach wie vor die Tiefe – zugegeben: das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. In dieser vierten Vorstellung sind die anspruchsvollen, wunderschönen Strauss-Bögen erstmals perfekt gelungen und wir hörten die erwartete, sehr gute Ariadne. Wir hoffen, dass diese Serie kein endgültiger Abschied von dieser sympathischen Sängerin war.

 Schier unendliche Luft steht  dem Stimmkraftwerk Johan Botha zur Verfügung. Seine Circe-Rufe hört man bis zur U-Bahnstation und er hat mit dieser extremen Partie, in der erst in der letzten Serie ein „vielgehypter Startenor“ eingegangen ist, keinerlei Probleme. Das geht so weit, dass die herausgehobene „Zauberin“ – die Stephen Gould fast zum Verhängnis geworden ist – in spielerischer Leichtigkeit fast untergeht. Diese Leichtigkeit und die perfekt angepasste Regie erlaubt die Konzentration auf die Darstellung der Handlung im Finale, das dann auch aufgrund der Schönheit und der Dynamik der Stimme zu einem einzigartigen Erlebnis wird.

 Dieses wunderbare Finale löst allgemeine Begeisterung aus, die sich in einem selten erlebten Jubel äußert. Leider führt dieser Überschwang bei den Thielemann-Groupies zu einem kollektiven „vorzeitigen Beifallserguss“, der die sinnliche Stimmung der ausklingenden, zarten Töne empfindlich stört – glücklicherweise wurde es von Vorstellung zu Vorstellung etwas besser.

 Maria und Johann Jahnas

 

 

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