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WIEN / Staatsoper: ARIADNE AUF NAXOS

11.06.2014 | Allgemein, Oper

 Ariadne_auf_Naxos_Ariadne Bacchus~1
Emily Magee und Klaus Florian Vogt / Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

WIEN / Staatsoper:
ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss
9. Aufführung in dieser Inszenierung
11. Juni 2014

Es war akkurat der Tag des 150.Geburtstags. Zu feiern galt der Mann, der sich selbst „Richard der Dritte“ nannte, „weil es nach Wagner keinen Zweiten geben kann“, und für den Thielemann die schöne Bezeichnung „Richard der Besondere“ fand. Gefeiert wurde Richard Strauss in den Medien ja im allgemeinen weniger als gebeutelt, aber die Wiener Staatsoper setzte zum Geburtstag zumindest einen Strauss-Abend an und legte – bescheiden, aber doch – dem Programmheft einen schlichten Zettel bei, auf dem sich eine kurze Information fand, dass (und wie) Strauss von 1919 bis 1924 „künstlerischer Oberleiter“ der Wiener Staatsoper war.

Man hätte einige Werke zur Auswahl gehabt, der „Rosenkavalier“ wäre wohl das Strauss’sche Markenzeichen gewesen, aber wenn man die „Ariadne auf Naxos“ so hinreißend spielt wie die Wiener Philharmoniker an diesem Abend, mit der verschwenderischen Pracht, zu der sie – wenn in Geberlaune – imstande sind, dann reicht das schon für ein kleines Fest. Und ob „unser“ Franz Welser-Möst den Bayern als Strauss-Dirigent genügt oder nicht – auf Wiener Heimatboden hat er an diesem Abend eine Meisterleistung vollbracht, mit mehr Schwung, Hingabe und spürbarer Begeisterung, als man sie von ihm (der ja immer ein Quentchen Sprödigkeit in sich zu tragen scheint) bisher erlebt hat. Da bot die Musik schon im Vorspiel alles an Lust am spielerischen Detail, Tempo, Schwung und vor allem die echte Witzigkeit, die da drinnen steckt, und in der Oper ziselierte der Dirigent mit seinen Musikern alle Schattierungen zwischen Lyrik und opulentem Pathos begeisternd aus. Das war schlechtweg schön.

Sagen wir gleich, was auch an der Besetzung schön war. Daniela Fally zuerst, der die Zerbinetta gleicherweise in die Kehle wie in die Persönlichkeit hineingeschrieben ist, wobei man sagen muss, dass sie hier von der Regie (ausnahmsweise, auch Sven-Eric Bechtolf fällt gelegentlich was ein) auch wirklich glänzend geführt ist, zumal in der Arie, wenn ihr der Komponist (den es in dieser Inszenierung dankenswerterweise auch in der Oper gibt) immer wieder Notenblätter hinhält, die dann das Koloraturengewitter wie eine witzige Improvisation erscheinen lassen. Die Fally, das raffinierte Weibchen durch und durch, hat auch alle Zerbinetta-Töne – vielleicht nicht die absolut „glatte“ Stimme, die dann die volle Virtuosität ausstellt, denn bei ihr ist stets ein Silberklang dabei, aber das macht die Figur dann viel sympathischer und gar nicht puppenhaft.

Ariadne_auf_Naxos_Komponist Zerbinetta~1 
Kate Lindsey  und Daniela Fally / Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Kate Lindsey, als Einspringerin für den Komponisten, erwies sich als zumindest neunzigprozentiger Gewinn, wenn man bei ihrer Stimmfärbung auch kaum auf die Idee käme, dass es sich bei ihr um einen Mezzo handelt, und manches einfach zu hell und scharf erklang. Optisch zuerst so sehr „Sophie Koch“, dass man verwirrt war, spielte sie sich mit ihrem Komponisten wunderbar-richtig in den Vordergrund – so ernsthaft bis zur Verbissenheit, so enthusiastisch für seine Kunst kämpfend, so reizend angesichts von Zerbinetta zerschmelzend. Dass die Inszenierung dem Komponisten und der Komödiantin mit einem Kuss ein Happyend beschert, ergibt immer einen wunderbaren Schluss.

Neu besetzt war das Heldenpaar: Emily Magee bekommt die Primadonnen-Zicke gut in den Griff, verwandelt sich aber dennoch zumindest in der Darstellung immer wieder überzeugend in die „Ariadne“: Stimmlich gibt es Passagen, wo der Strauss-Sopran so „erblüht“, wie man es erwarten kann, aber als Ganzes war die Leistung gänzlich uneinheitlich, die untere Mittellage bis zur Unhörbarkeit nicht vorhanden, manche forcierte Höhe dann auch gar nicht blühend, sondern einfach nur unschön. Sicher, es ist eine Mörderpartie und ganz wenige Sängerinnen werden allen Anforderungen gerecht, aber Strauss hat’s geschrieben und es gibt ja auch Beispiele, dass es bewältigt werden kann.

Klaus Florian Vogt sang seinen ersten Wiener Bacchus und verblüffte bei seinem großen Auftritt anfangs, weil er die „Circe“-Rufe keinesfalls so schmetterte, wie es vorgesehen wäre (er muss die Dame ja quasi „erwecken“), sondern brav und unbeweglich wie ein Sängerknabe gerade nur so vor sich hin sang. Glücklicherweise erwachte er nach und nach, legte auch an szenischer Lebendigkeit und Präsenz zu und zeigte man Ende, dass er einer jener Wagner-Tenöre ist, die vor dieser Partie nicht in die Knie gehen müssen (da gibt es nämlich Beispiele noch und noch für das Gegenteil). Also nach Anlaufschwierigkeiten doch noch ein gelungenes Debut.

Das Quartett der Komödianten, mit dem nicht immer gänzlich sattelfest wirkenden Clemens Unterreiner als Harlekin an der Spitze, bestand weiters aus Carlos Osuna als Scaramuccio und Pavel Kolgatin als Brighella, dazu kam neu Jongmin Park als Truffaldin, mit der deutschen Sprache etwas raufend.

Hila Fahima (Najade),  Olga Bezsmertna (Echo) und Juliette Mars (Dryade) klangen nur im Mezzavoce erträglich, im übrigen war es absolut keine Freude, diesen Damen zuhören zu müssen (um es so höflich wie möglich auszudrücken). 

Manche Interpreten sind von der Premiere her übrig geblieben: Peter Matic muss als Haushofmeister noch immer den Löffel mit Kaviar abschlecken und dann in die Schale geben, wo sich die Gäste bedienen werden (nein, danke, da möchte man nicht eingeladen sein); Jochen Schmeckenbecher ist als Musiklehrer noch immer jugendlich und in Künstlerpose unterwegs, auch in der „Oper“ sehr als Primadonnen-Beschwichtiger und Nymphen-Dirigent beschäftigt; Norbert Ernst nützte  wiederum als Tanzmeister jede kleinste Möglichkeit, seine Rolle herauszustellen.

Aber die Helden des Abends saßen im Orchesterraum: Es waren die Wiener Philharmoniker, die Richard Strauss unter der Leitung von Welser-Möst das Fest zum Geburtstag bereiteten.

Renate Wagner  

 

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