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WIEN / Staatsoper: ANNA BOLENA

04.11.2013 | Oper

Stoyanova Anna Bolena Foto: Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
ANNA BOLENA von Gaetano Donizetti 
3. November 2013
10. Aufführung in dieser Inszenierung

Im Wiener Staatsopernrepertoire fallen gelegentlich die „Ballungen“ einzelner Komponisten auf (im Jänner werden drei Mozart-Opern nebeneinander auf dem Spielplan stehen – genau jene, die das Theater an der Wien dann im März konzertant bietet) – rund um Allerheiligen nun zwei große Donizettis, einer ist wenigstens tragisch genug (wenn auch zu Allerheiligen die „Regimentstochter“ tänzelte, was als ziemlich unsensible Planung erscheint) . Tragisch also jene „Anna Bolena“, die im April 2011 mit Netrebko und Garanca, Kulman, Meli und D`Arcangelo Premiere hatte und nun ihren zweiten „Run“ am Haus erlebte. In einer (mit Ausnahme von Dan Paul Dumitrescu) komplett neuen Besetzung, die nach einigen Krankheitsfällen bei der vierten und letzten Aufführung der Serie nun genau so aufschien, wie sie vorgesehen war.

Krassimira Stoyanova, die sich am Haus großer Beliebtheit erfreut, bei Publikum wie bei der Direktion, zuletzt in Premieren die Elisabetta und Ariadne, in dieser Spielzeit die neue Rusalka der Wiener Staatsoper, hat mit Donizettis Anna Bolena in ein neues Fach hinübergelugt. Sie hat darüber viel Freundliches lesen können, es sei aber doch gestattet, Zweifel anzubringen, ob sie die ideale dramatische Donzietti-Diva ist. Abgesehen davon, dass sie an diesem windig-kalten Sonntag nicht in Topform war und eine Zeit brauchte, bis sie sich eingesungen hatte und dann die bekannte Schönheit ihrer Töne produzierte, ist die Anna Bolena ein Power-Trip für eine Sängerin – und die Stoyanova, die als so ruhig-elegante Dame auf der Bühne steht, ist dafür nicht wirklich geeignet. Wenn sie am Ende des 1. Aktes ihre Arie „Giudici! ad Anna!“ singt, ein Ausbruch an Ungläubigkeit, dann Empörung, Fassungslosigkeit und schließlich verzweifelter Ratlosigkeit, hatte die Stoyanova nichts anderes als sanfte Töne zu bieten. Das müsste mitreißend wirken – und war nur gefällig. Im zweiten Akt setzte die Interpretin dann, sich als Anna gegen ihr Schicksal wehrend, etwas mehr (aber nicht gänzlich überzeugendes) darstellerisches Temperament ein. Die gewaltige Schlussszene besteht aus zwei Teilen, und den ersten, gewissermaßen „lyrischer Wahnsinn“, sang die Stoyanova bestrickend. Für das letzte Furioso vor ihrem Tod fehlte ihr jedoch Kraft und Überzeugungskraft. Auch scheint es gegen die Intention des Komponisten, etwas, das ja doch als Virtuosenpartie für eine Koloratur-Diva geschrieben wurde, von der Brandfackel auf brav flackerndes Feuer herunterzusingen.

Die neue Giovanna Seymour war Sonia Ganassi, an der Wiener Staatsoper nicht eben heimisch, uns allen vor allem aus der Gruberova-Entourage bekannt. Sie ist keine sonderlich überzeugende Bühnenerscheinung, schon gar nicht als lieblicher Gegenpart der Heldin, und ihre Stimme ist von schwerem Tremolo durchwirkt und auch nicht wirklich schön. Aber nach einer unselig anzuhörenden Arie zu Beginn warf sie sich mit Überzeugungskraft in die Seelenqualen der Giovanna, und manchmal überzeugt der Einsatz auch dann, wenn andere Wünsche offen bleiben.

Nach Elisabeth Kulman war Zoryana Kushpler ebenso eine sehr gute Besetzung für den hübschen Pagen Smeton, bis auf ein paar kleinere Unschärfen angenehm schön gesungen.

Als Enrico VIII. kam Luca Pisaroni in den Genuß der wilden Perücke, die ihm barbarisches Aussehen gibt, und einer Rolle, wie man sie ihm kaum zugetraut hätte, ist er doch meist mit Mozart unterwegs. Aber sein interessanter Bariton hörte sich rau, dramatisch und solcherart für diese eher unangenehme Figur wirklich sehr gut an. Freilich, wenn ich zwischen ihm und seinem Vorgänger Ildebrando D`Arcangelo zu wählen hätte – entschiede ich mich für Ildar Abdrazakov, der die Rolle neben der Netrebko an der Met gesungen hat und den brutalen Machtmenschen auf Anhieb am überzeugendsten hinstellte.

Stephen Costello hatte die letzte Vorstellung abgesagt, ließ sich an diesem Abend entschuldigen, was immer beruhigt. Es war denn auch nur ein kleiner Kiekser in der Höhe, der Rest gelang tadellos, und die Stimme kann gefallen: Ein heller Tenor mit stählernem Kern, der aber durchaus Glanz zu verströmen mag. Man hört eine Menge Zukunft in dieser Stimme, wenn Costello (demnächst wieder Nemorino in Wien, sonst als Alfredo vom Dienst an großen Opernhäusern unterwegs) sorglich damit umgeht.

Sehr schön klang Dan Paul Dumitrescu als Annas Bruder, und Carlos Osuna unternahm es, alle schlechten Nachrichten des Abends mit ordentlichem Tenor vorzutragen. Hier stark gefordert und wie meist sehr gut: der Chor.

Am Pult stand wieder Evelino Pidò (auch er war schon bei der Premiere dabei), der die Ouvertüre in erschütternd undifferenzierter Fortissimo-Manier herunterklopfte. Später wurde es etwas, aber nicht wirklich viel besser – Lautstärke ist nämlich nicht mit Drive zu verwechseln, jener inneren Spannung, mit der das Orchester die Sänger vor allem durch dramatische Passagen tragen muss. Da blieben Wünsche offen.

Offenbar jedoch nicht beim Publikum, das während der Vorstellung einigermaßen zurückhaltend blieb, am Ende aber heftig jubelte.

Renate Wagner

 

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