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WIEN / Staatsoper: ANDREA CHÉNIER

16.05.2013 | Oper

WIEN / Staatsoper: 
ANDREA CHÉNIER von Umberto Giordano
99. Aufführung in dieser Inszenierung
16. Mai 2013 

Fast ein Jubiläum – mit der nächsten Aufführung dieser Serie erreicht die Schenk-Inszenierung, die vor 32 Jahren Premiere hatte und geringfügig angestaubt wirkt (aber einen sehr brauchbaren Rahmen abgibt, wenn man nur eine Bühne will, innerhalb derer sich Sänger entfalten können!), ihren „Hunderter“. Man holt das Werk ja an sich nur für den Tenor hervor – zuletzt Botha, davor der mittlerweile so tragisch verstorbene Salvatore Licitra, auch Fabio Armiliato war der  Chenier, und die großen „Drei“ von einst, Domingo bei der Premiere, Carreras und, ein wenig wacklig damals, der unvergessene Pavarotti haben die Traumrolle auch hier gesungen. 2004 bereits war schon José Cura an der Reihe, und er ist nun wieder der Titelheld.

Diesmal hatte er alles andere als einen glücklichen Abend. Offenbar konnte er sich mit seiner Stimme nicht einigen, wie mit ihr umzugehen sei, da sie offensichtlich in schlechter Verfassung war: So quetschte er seine heisere Mittellage vor sich her, stemmte die hohen Töne (die als solche funktionierten – und für einen Teil des Publikums reicht das ja, um mit einem Tenor zufrieden zu sein), und holterdipolterte gänzlich stillos durch die Rolle, die durchaus Belcanto vertrüge. Nur im vierten Akt, ganz kurz in „Come un bel dí di Maggio“, zeigte er, dass er auch in mezza voce eine einheitliche Gesangslinie hören lassen kann, um im Schlussduett (für mich eines der ergreifendsten der gesamten Opernliteratur) wieder in die schlechten Gewohnheiten dieses Abends zurückzufallen.

Besser ging es Martina Serafin bei ihrem Rollendebut als Maddalena, weil sie über eine wirklich gute Technik verfügt. „La mamma morta“ ist eine Arie mit allen nur denkbaren Stolpersteinen, an diesen Übergängen hinauf und hinunter, laut und leise sind schon manche gescheitert. Leider hat diese wirklich schöne Bühnenerscheinung (im Grunde erinnert sie an die toll aussehenden Amerikanerinnen à la Fleming) ein Timbre, das zur Schärfe neigt, aber im Verismo ist ein Mangel an Dolcezza am ehesten zu verzeihen (wenn Giordano auch gewaltige Pianissimo-Künste verlangt).

Marco Vratogna ist aus einer „Tosca“ als äußerst trockener, flacher, resonanzloser Bariton in Erinnerung, und der Eindruck bei seinem ersten Wiener Gérard war nicht wesentlich besser, wenn er auch mit vollem Impetus in „Nemico della patria“ einstieg und dafür zurecht viel Applaus erhielt.

Was die übrigen Damen des Abends betrifft, die alle ihre Rollendebuts ablieferten, so befriedigten sie sehr (Margarita Gritskova als bildhübsche, stimmlich nachdrückliche Bersi), einigermaßen (Monika Bohinec als Madelon), beziehungsweise, um die Wahrheit zu sagen, gar nicht (Donna Ellen als Contessa di Coigny). Unter den Herren hatte wohl Marco Caria (Roucher) die schönste Stimme des Abends – ob er den Gérard singen könnte, weiß man nicht, aber es hätte gegebenenfalls besser geklungen. Im Volk wieselte Alfred Šramek rotbemützt unter den Revolutionsschergen, am Ende im Gefängnis donnerte Walter Fink den Wächter, als sei er im Vollbesitz seines großen Basses (aber es ist ja wirklich nicht viel, was er singen muss). Eine Überraschung war der Incroyable, denn in einer Zednik-Rolle sah man jemanden, den man nicht kennt, und Thomas Ebenstein machte mit dem, was man wohl einen Charaktertenor nennt, und einer nachdrücklichen Rollengestaltung auf sich aufmerksam.

Am Pult wieder Marco Armiliato, und jetzt wundert man sich schon nicht mehr, wenn da wieder keine Partitur liegt. Von diesem grazilen Maestro, der ein wenig an den Kapellmeister Kreisler erinnert, wie E.T.A. Hoffmann ihn zeichnete, könnte man sich vorstellen, dass er ans Dirigentenpult schwebt, den Konzertmeister fragt „Welches Stück?“ und dann auf Knopfdruck sein riesiges Repertoire abruft. „Andrea Chénier“ ist eine Oper der mannigfaltigsten Töne und Stimmungen, und sicher ist der präzise Marco Armiliato beim dramatischen Aufschwung ganz vorn, aber ob es um das Rokoko-Getändel des ersten Aktes oder um herrliche Liebesstimmungen geht, auch das wird stilsicher interpretiert. Fürs Repertoire geht einfach nichts über einen italienischen Kapellmeister mit Fingerspitzengefühl und jahrzehntelanger Erfahrung.

Renate Wagner

 

 

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