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WIEN/ Staatsoper: ANDREA CHENIER

29.01.2012 | KRITIKEN, Oper

28.1.: Wiener Staatsoper: „ANDREA CHENIER“ – Glanzrolle für Johan Botha!

 Unglaublich, wie diese Tenorstimme immer noch an Glanz und Kraft gewinnt. Ich habe Johann Botha ein Jahr lang nicht gehört und konnte mit Freuden feststellen, dass sie an Qualität noch hinzugewonnen hat. Die Rolle des Dichters André Chenier liegt ihm aber auch ganz besonders. Giordanos und Illicas poetische Visionen kommen nur dann zu voller Wirkung, wenn ein Sänger sie so phrasieren kann, dass sie allein schon durch die Stimmschönheit und perfekte Stimmführung Eindruck machen. In beidem ist Botha Meister. Dass er drei schwierige Arien zu singen hat und am Ende noch ein höchst anspruchsvolles Schlussduett – kein Problem für den an derlei Anforderungen geschulten Wagner-Sänger. Da es sich um eine Otto Schenk-Inszenierung handelt, mit Kostümen von Milena Canonero, ist auch für passende, vorteilhafte Gewandung gesorgt. Chenier, den Idealisten, der sich im Angesicht des Todes an seine Liebe klammert, nimmt man dem Sänger auch ohne weiteres ab. Umso mehr, als seine Partnerin, Norma Fantini, genauso viel Poesie in ihre Rolle einbringt. Schon vom Aussehen her, in ihren fließenden weißen Kleidern oder Schleiern, und mit ihren graziösen Bewegungen suggeriert sie sowohl frauliche Anmut als auch Leidenschaft, die sie mit gut sitzendem, großer Ausbrüche ebenso wie berückender Legati fähigem Sopran mitreißend vermitteln kann. In den Liebesszenen der beiden „rührt“ sich etwas. Das kulminiert im spannungsgeladenen Finale, wo man den beiden ihre Entschlossenheit zu „la morte insiem“ gern abnimmt. Botha sprang zuletzt nicht auf den Leiterwagen (die das Paar zum Schafott bringen wird), um seine Geliebte mit kräftigem Ruck nachzuholen, dafür gab es zwei zusätzliche, inbrünstige Umarmungen auf dem Weg dahin – auch sehr schön!

Der Wiener Rollendebutant Marco di Felice stellte sich dem glücklich-unglücklichen Paar mit gleicher Kraft und Stimmschönheit entgegen, äußerte die Überzeugungen des Carlo Gerard im 1. Akt, wo er sich seiner Dienerrolle bei den Aristokraten entledigt, ebenso imponierend, wie er dann als Rivale des Chenier seine neue gewonnene Macht im Dienste der Revolution ausspielt, und, tief berührt durch die Lebensbeichte der von ihm begehrten Maddalena, mit dem Entschluss, den Tenor vor dem Tode zu bewahren, beeindruckt.

Sein frei strömender, in allen Bereichen wohltönender Nobelbariton mit der nötigen Höhensicherheit und dem Vermögen, Gefühle in seinen Gesang einfließen zu lassen, gehört zu den sehr willkommenen Neuerscheinungen auf dem baritonalen Sängermarkt. Da wird ja Italien langsam wieder führend. Neben dem unverwüstlichen Leo Nucci gibt es da immerhin Alberto Gazale, Franco Vassallo, Fabio Capitanucci. Nicola Alaimo; Marco Caria mit schönen, großen, gesunden Stimmen, während wir uns fürs italienische Tenorfach immer noch aus anderen Ländern die Sänger „ausborgen“ müssen. Auf baritonaler Ebene (wo es ja z.B. auch noch Žejlko Lućič, George Gagnidze, Carlos Alvarez, Adam Plachetka u.a. gibt, können wir jedenfalls getrost dem Verdi-Jahr 2013 entgegenblicken.

 Ein gutes Ensemble mit ein paar Einschränkungen war in den übrigen Rollen zu sehen und hören. Als blinde alte Madelon, die ihren halbwüchsigen Enkel dem neuen Frankreich opfert, machte Maria José Montiel den stärksten Eindruck. Bersi, die treue Freundin der Maddalena, war figürlich bei Zoryana Kushpler bestens aufgehoben, nur sang sie wieder mit einem Hochdruck, der immer wieder die Stimmschönheit beeinträchtigt. Bei Aura Twarowska (Gräfin di Coigny) war ähnliches zu bemerken. Marcus Pelz spielte im 1. Akt als Pietro Fleville eine wichtige Rolle, in der er auch Stimme zeigen konnte. Ebenso Marco Cario als Boucher, Wolfgang Bankl als Mathieu und Dan Paul Dumitrescu als Dumas, der Chenier mit dem gewichtigen Entscheid „La morte!“ konfrontieren muss. Nicht ganz sattelfest klang Benedikt Kobel als Abbé, und auch Michael Roider in der Zednik-Rolle des Incroyable schien noch nach dem rechten Zugang zu der Rolle zu suchen. Als Schmidt, der gegen Bestechung die Legray freilässt und das Opfer der Maddalena annimmt, hatte Janusz Monarcha einen starken Auftritt. Alexandru Moisiuc ergänzte als Fouquier Tinville und der Hausdebutant James Roser als Haushofmeister.

 Einem bestens vorbereiteten Staatsopernchor, einstudiert von Thomas Lang, schloss sich das Orchester mit vollem Einsatz an, das unter der Leitung von Pinchas Steinberg  ein spannungsgeladenes Musikdrama zum Besten gab, dessen Schlagkraft und Aktualität stets von neuem verblüfft. Das Meisterwerk von Umberto Giordano hat noch dazu das unsägliche Glück, von Otto Schenk inszeniert worden zu sein. Das bedeutet in den Bühnenbildern von Rolf Glittenberg zwar gewaltige Umbauten, die zwei Pausen notwendig machen, aber dafür geben sie den atmosphärischen Rahmen, den das Stück braucht. Die Position der Sänger stimmt durchgehend und ist auch akustisch den Stimmen bekömmlich, die Abfolge der Geschehnisse ist verständlich und logisch, und das die Aufführung krönende Finale der Oper präsentiert sich als echter schaurig-schöner Höhepunkt, der einem das Blut in den Adern gerinnen lässt. Man meint, der französischen Revolution persönlich beigewohnt zu haben.

Es war dies immer schon eine gute Inszenierung – für heutige Verhältnisse ist sie geradezu sensationell! Dieser 95. Aufführung mögen noch viele folgen!

Sieglinde Pfabigan

 

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