Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper am Karajan-Platz: DIE FLEDERMAUS

01.01.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper am Herbert von Karajan-Platz: 
DIE FLEDERMAUS von Johann Strauß
31. Dezember 2011
Neueinstudierung / 134. Aufführung in dieser Inszenierung

So überfüllt hat man den Herbert von Karajan-Platz wohl noch nie erlebt. Während der Übertragung der Silvester-„Fledermaus“ waren alle Sitzplätze immer gefüllt, trotz Fluktuation – kaum wurde ein Platz frei, fanden sich schon Interessenten dafür. Und die „Stehplätze“ rechts und links daneben waren überreich bestückt, nicht nur mit Laufkundschaft, sondern auch Zuschauern, die blieben, auch im dritten Akt, wo die Frosch-Szenen ja immerhin voraussetzten, dass man die Sprache versteht.

Kurz, die Staatsopern-„Fledermaus“ hat sich als wichtiger Beitrag zum Silvester-Pfad erwiesen, und wenn man heuer möglicherweise nur im Zusammenhang mit der arte-Übertragung des zweiten Akts mit dabei war, könnte man durchaus eine Tradition daraus machen. Angenommen wurde die Übertragung ins Freie (das Wetter war gnädig, zwar kalt, aber weder Regen noch Schnee) in einem Ausmaß, wie man nur davon träumen kann.

Otto Schenk hat also an seiner Inszenierung „herumgeputzt“, und als Kenner der „Fledermaus“ merkt man das natürlich. Da ist die volle Präzision der Aktionen, auch die kleinsten Reaktionen bei Darstellern, die gerade nicht im Mittelpunkt stehen, stimmen, und Kurt Streit wurde auch der legendäre Kopfstand abverlangt (den ein ziemlich klatschfaules Publikum im Haus nicht einmal durch Sonderapplaus würdigte). In der wirklich klassischen Schneider-Siemssen-Ausstattung erlebt man eine „Fledermaus“ der Ringstraßenzeit in ihrer ganzen Habsburger-Nostalgie (inklusive dem Kaiser-Bild im Gefängnis). Viele der ausländischen Silvester-Gäste, die nur vorbeispazierten, guckten jedenfalls ganz interessiert auf die hier entfesselte Opulenz.

Für die „Neueinstudierung“ war nicht nur Schenk zuständig, sondern auch Franz Welser-Möst, der als Generalmusikdirektor des Hauses wirklich zeigen möchte, dass er alles kann. Wobei mir schon sein Neujahrskonzert sehr gut gefallen hat (das manchen nicht schwungvoll genug war) – gut, er dirigiert Johann Strauß nicht mit schwelgerischer Süße und Sentimentalität, aber seine Flottheit, seine Rhythmik, sein Gefühl für die Melodik ist vorzüglich. Und wenn die Aufführung vielleicht etwas „martialischer“ als sonst daherkam, lag das auch an einigen Neubesetzungen, die nicht unbedingt wienerisch geimpft waren.

Otto Schenk hat alle Darsteller „angezündet“ und mit Verve auf die Bühne geschickt, also halten sich auch Kurt Streit (der stellenweise geradezu entfesselt ist) und die Hausdebutantin Michaela Kaune als das Paar Eisenstein und Rosalinde sehr wacker. Zumal beide wirklich dramatische bis hochdramatische Sänger sind, und das schadet bekanntlich bei den Anforderungen, die stimmlich von der Operette gestellt werden, gar nicht. Streit hat den Eisenstein schon in einer schrägen „Fledermaus“ des Theaters an der Wien gesungen und Michaela Kaune die Rosalinde in München. Aber ist das ein Grund, sie – ohnedies nicht mehr ganz früh in ihrer Karriere – mit dieser Rolle nach Wien zu holen, wo sie doch offenbar auf  Wagner, Strauss, Mozart und die Slawen spezialisiert ist und Wiener Schmäh nicht erzeugen kann, auch wenn sie sich noch so Mühe nimmt? Die Rosalinde ist nun einmal ein spätes süßes Mädel mit allen Weibchen-Eigenschaften, und das muss man doch mitbringen…

So wie Daniela Fally eindeutig mit Donauwasser getauft ist, wenn sie als Adele auf der Bühne steht und mit Kulleraugen, Koloraturen und Komik für ihre beiden Arien den stärksten Applaus des Abends einkassierte. So wie Alfred Šramek als Frank konnte es an diesem Abend auch sonst keiner (und da ist noch nicht inbegriffen, dass der Mann doch glatt auch mit Zuckerstücken jonglieren kann!).

Markus Eiche intrigierte fest, Zoryana Kushpler gab sich als Orlofsky männlich, martialisch, aber leider charmefrei, Rainer Trost war vielleicht ein wenig schmalspurig, aber lustig als Alfred, und Peter Jelosits zappelte den Blind nach allen Regeln der Kunst.

Neu war der Frosch des Peter Simonischek, der im Vergleich zu den „Zniachterln“, die man in dieser Rolle gewöhnt ist, einen vollsaftigen Riesenkerl im Vollsuff auf die Bühne stellt, brav alle bekannten Witze abliefert und ein paar zusätzliche bekommen hat – es wird ja wirklich immer „grasser“ mit den Sträflingen, nicht wahr? Und wenn er Alfred fragt, bei welchem Meyer er denn engagiert sei, und dieser meint, beim Meyer an der Staatsoper, dann ist das für Frosch ganz klar: Denn der Meyer am Gürtel spielt sich ja alle Rollen selbst…

Enttäuscht war man wohl nur, dass nicht das kleinste Fitzelchen von einem Stargast den zweiten Akt schmückte (nachdem man im Vorjahr mit Netrebko/Schrott so verwöhnt wurde, dass man es unter Villazon nicht mehr getan hätte…). Aber nein, es kam niemand. Was die Begeisterung des Publikums am Ende nicht minderte.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken