Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Staatsoper: ALCINA

23.10.2016 | KRITIKEN, Oper

Alcina_92365_PAPATANASIU  x
Myrtò Papatanasiu / Foto: Wiener Staatsoper, Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
ALCINA von Georg Friedrich Händel
11. Aufführung in dieser Inszenierung
23.
Oktober 2016

Es ist fast genau sechs Jahre her, als damals, im November 2010, Dominique Meyer sich einen seiner Lieblingswünsche erfüllte, „alte Musik“ an die Wiener Staatsoper zu bringen, wo sie so gut wie gar kein Heimatrecht hatte. Händels „Alcina“ war ein großer Erfolg, die weiteren Premieren dieser Art (zweimal ver-inszenierter Gluck) glückten weniger.

Während die Staatsoper in Japan gastiert, kommt nun neben der neuen Gluck-„Armide“ die alte Händel-„Alcina“ zu Wort – man hat Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski bei der Hand, das ist schon einmal die Voraussetzung. Denn für Händel sind Ensemble und Dirigent goldrichtig, so muss er (auch wenn es ein aufgerauter Ton ist) klingen (Gluck hingegen nicht!), und man muss ehrlich sagen, dass alles Temperament und Leben, das der – optisch noch immer schöne, noble, unauffällige – Abend von Adrian Noble bot, eigentlich aus dem Orchestergraben kam.

Die Besetzung war mit einer einzigen Ausnahme ganz neu, und beglücken konnte sie schon deshalb pauschaliter nicht, weil alle Beteiligten so hörbar keine Händel-Spezialisten sind. Nun haben wir nicht zahllose konzertante Abende mit den besten Alte-Musik-Interpreten im Theater an der Wien gehört, um nicht im Ohr zu haben, wie genuine Händel-Sänger klingen (sollen, müssen, können). Diese vermögen  seine endlosen Linien zu singen, ohne dass ihnen die Stimme reißt oder bricht, die bringen die gnadenlose Virtuosität der Koloratur mit aller Exaktheit, statt sie total zu verschmieren, die singen nicht nur Noten, sondern auch geballte Emotionen. Alles, was an diesem „Alcina“-Abend fehlte, um brutal die Wahrheit zu sagen.

Der einzige Gast im Ensemble war die Griechin Myrtò Papatanasiu, die eigentlich einen schmalen Silberklang-Sopran hat, was für Händel, der viel mehr Stamina und Power braucht, zu wenig ist. Immerhin riß sie mit ihrer kunstvoll-verhalten gesungenen Arie vor der Pause das Publikum zu „Brava“-Rufen hin.

Ihr Liebhaber Ruggiero, der sich von der bösen Zauberin endlich lösen kann, war mit Rachel Frenkel und ihrem milden Mezzo einfach unterbesetzt, ihr glaubte man vielleicht andeutungsweise den lyrisch Liebenden zu Beginn, sicher nicht den entschlossenen, ja brutalen Jüngling und Kämpfer. Da kam viel zu wenig, schon von der Persönlichkeit her. Margarita Gritskova, das als Mann verkleidete Mädchen Bradamante, überzeugte mit ihrem dunkleren, leuchtenden Mezzo schon eher, wenn sie auch die Händel-Technik ebenso wenig souverän beherrschte wie Chen Reiss, die als Alcinas Rivalin Morgana ebenfalls bedauerlich blaß blieb.

Als Einziger der Original-Besetzung kam noch Benjamin Bruns als Oronte auf die Bühne, und da stellte man eigentlich nur fest, dass er in seinen Wiener Jahren vom schmalen Bürschchen zum gestandenen Mann geworden ist. Das neue Ensemblemitglied Orhan Yildiz ließ als Melisso ein paar dunkle Töne hören, ein Tölzer Sängerknabe als Oberto ein paar piepsig-helle. Man hat sich offenbar daran erinnert, wie peinlich rund um die Premiere der Hype um den St. Florianer Sängerknaben war und hat sich jetzt auf Namensnennung nicht mehr eingelassen.

Der Abend war gut besucht (nach der Pause etwas weniger…), und nach dreidreiviertel Stunden (viel kürzer geht’s bei Händel nicht, bei der Premiere waren es vier) gab es viel Beifall.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken