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WIEN/ Staatsoper: ALCINA – Les Musiciens du Louvre , inzwischen beinahe mit Heimatrecht

31.10.2016 | Oper

WIEN/Staatsoper: „ALCINA“ – Les Musiciens du Louvre , inzwischen beinahe mit Heimatrecht

(Letzte Vorstellung der Serie am 30.10. – Karl Masek)

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Chen Reiss. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Heute kaum zu glauben, dass es im Jahre 2010 heftige Debatten gab, als Dominique Meyer im ersten Jahr seiner Direktionszeit eine Barock-Oper ansetzte – zum ersten Mal seit 1963, als es in der Ära Karajan eine Neuinszenierung von Monteverdis „Incronazione di Poppea“ (dreimal mit dem Maestro am Pult) gab! Noch dazu mit dem bisher unerhörten Ansinnen, den „geheiligten Orchestergraben“ der Wiener Philharmoniker einem  Originalklang-Ensemble für Georg Friedrich Händels „Alcina“ freizugeben! Sehr voreilig wurde gemutmaßt, „Les Musiciens du Louvre“ würde sich akustisch im großen Haus am Ring nicht durchsetzen können. Ins Theater an der Wien, da würden sie (und auch der ganze Händel!) viel besser hinpassen, so das damalige Vorurteil so mancher Habitués, die mit Barockopern nichts am Hut haben (Ioan Holender soll bei einem Staatsopern-Vorsingen einem jungen Anwärter, der fürwitzig auch eine Händel-Arie vorschlug, sogar geantwortet haben: „Händel interessiert mich nicht!“).

Marc Minkowski widersprach in Interviews (auch in dem im Programm abgedruckten) dieser Argumentation entschieden. „Größe ist eine Sache, Akustik eine andere…“ und erzählte, dass er mit seinem Ensemble in kleiner Besetzung im riesigen Teatro Colón in Buenos Aires besser zurecht gekommen wäre als in so manchem viel kleineren Saal.

Auch diesmal: Das französische Orchester mit Hauptsitz in Grenoble hat im Haus am Ring beinahe schon Heimatrecht, kam mit der Akustik bestens zurecht, überzeugte mit frischem, eloquentem Spiel, herrlichen Soli, die auf der Bühne gespielt werden durften. Aber auch kompakt und gewissermaßen „erdig“ grundiert. Damit unterschieden sie sich deutlich vom ebenfalls französischen Orchester „Talens Lyriques“, die leichter, schwebender, seidiger musizierten, wie sie zuletzt im Juni bei Glucks „Alceste“ am selben Ort und vor wenigen Tagen bei Salieris „Les Horaces“ im Theater an der Wien konzertant bewiesen haben. An die Adresse jener, die beide Ensembles (ab)wertend miteinander vergleichen und je nach persönlichem Geschmack dem einen oder anderen Orchester die besseren oder schlechteren Noten geben: Seien wir froh, dass wir in Wien auch zwei Champions-League-Ensembles haben, die regelmäßig in Wien gastieren – und den Beweis antreten, dass die Orchester EBEN NICHT einander immer ähnlicher werden. Es lebe die orchestrale Vielfalt!

Bei so mancher Neuinszenierung in der Direktion Meyer muss ich allerdings feststellen, dass die Regie-Lösungen und vor allem die  Bühnenbilder einander immer ähnlicher werden. Ein Paternoster in „Elektra“, ein liftartiges Einheits-Eisengestell in „Chowanschtschina“, damit zum Verwechseln ähnlich mit dem Einheitsbühnenbild zuletzt in „Armide“. Minimalistisch Szene und Personenführung, von stilbildender Kreativität sieht man herzlich wenig. In der farbenprächtigen „Alcina“-Inszenierung von Adrian Noble mit der geschmackvollen Ausstattung von Antony Ward ist das erfreulicher Weise ganz anders.

Schon die Rahmenhandlung in der Ouvertüre  wird als Zeitvertreib, den sich eine englische barocke Nobelgesellschaft gönnt, geschildert. Die Rollen des Stückes werden an die diversen adeligen Gäste verteilt. Theater auf dem Theater. Spielraum ist ein Saal im Palast. Und dann öffnet sich immer wieder der Hintergrund, hinein in einen wunderschönen (Irr)Garten der Emotionen, schillernd, mit hohem Graswuchs.

Einmal eine Inszenierung fürs Auge, Interaktionen der in Liebespein und Verkleidungsverwirrungen um die Zauberin Alcina verstrickten anderen sechs Protagonist/innen werden in der ausufernden Arien – Abfolge geschmackvoll bebildert und mit ästhetischer (ja, koventioneller!) Choreografie von Sue Lefton ergänzt, mit „Barocker Gestik“ angenähert. Manchen fehlt da vermutlich eine heutigere Körpersprache (sprich: „szenische Durchformung“).  Aber warum nicht gelegentlich auch auf der heutigen Opernbühne eine Reise  ins Zeitalter der „Herzogin Georgiana Cavendish“ zulassen? (Übrigens: Das Gemälde der Herzogin von  Thomas Gainsborough von 1787, ebenfalls zu betrachten im Programmheft, Seite 48,  das hat doch was…!)

Die letzte von vier Aufführungen der aktuellen Serie war musikalisch von großer Dichte, wenngleich nicht ganz frei von gelegentlichen Spannungsdurchhängern, wenn der große Könner am Pult, Marc Minkowski, seltsamer Weise ein paar Tempi bis fast zum Stillstand verschleppte. So blieb der Ohrwurm des „Ruggiero“, „Verdi prati“, ohne Applaus, weil die zweite Strophe und vor allem das Nachspiel beinahe vertrockneten.

Rachel Frenkel spielte den Ritter zwischen zwei Frauen mit großem Einsatz und hielt sich mit aparter, aber etwas kleiner Stimme, gut. Die Zauberin Alcina, war naturgemäß das Zentrum der Aufführung. Ihre Arien (ob „Ombre pallide“ oder „Mi restano le lagrime“ – „Mir bleiben nur mehr Tränen“) zeigen Händel als Komponisten, der barocke Arienklischees über Bord wirft und musikalische Psychogramme zeichnet. Die Zauberin wird auch als verletzte, verlassene Frau geschildert, mit der man durchaus auch Mitleid haben kann. Die griechische Sopranistin Myrtò Papatanasiu sang vor allem diese Schmerzenspassagen derart bewegend, dass es unter die Haut ging.

Für andere gibt’s natürlich ein „lieto fine“. Der kleine „Oberto“ zum Beispiel (gesungen von einem diesmal wieder mit Namen genannten Tölzer Sängerknaben, Pascal Pfeiffer) findet seinen Vater endlich wieder, der von Alcina in einen Löwen verzaubert worden war. Er schlägt sich tapfer, denn die Rolle ist sehr schwierig und verlangt virtuose Koloraturen. Ob allerdings die Rückkehr Ruggieros zu seiner Verlobten „Bradamante“ von Dauer ist, scheint fraglich. Margarita Gritskova, die mir bisher in anderen Rollen immer gefallen hatte, schien einen schwachen Abend erwischt zu haben. Sie verpasste beinahe einen Einsatz am Beginn des 3. Aktes – und dann war von ihrer Stimme kaum mehr etwas zu vernehmen. Sind wir  nachsichtig mit ihr. Auch Sänger/innen sind Menschen und keine Maschinen…

Gut alle anderen in diesem Liebes- und Intrigengewirr. Chen Reiss, die silberstimmige Morgana, Alcinas Schwester, Benjamin Bruns (der einzige Sänger, der seit der Premiere dabei ist) mit schön timbriertem, auch mit dramatischeren Tönen aufwartendem Tenor als Oronte und Orhan Yildiz mit aufhorchen lassendem lyrischen Bariton als Melisso. Die Musiker auf der Bühne verdienen namentliche Erwähnung. Sie begleiteten die Arien superb: Thibault Noally (Violine), Frédéric Baldassare (Cello), Annie Laflamme (Flöte),Gilberto Caserio (Blockflöte), Michele Pasotti (Theorbe) und Francesco Corti am Cembalo. Die Chorakademie der Wiener Staatsoper (Leitung: Stefano Ragusini) und das Wiener Staatsballett ergänzten solide.

Der lange Abend wurde vom offensichtlich höchst zufriedenen Publikum lautstark akklamiert. Bis zur nächsten Barockpremiere im Haus am Ring sollte es nicht wieder siebenundvierzig Jahre dauern…

Karl Masek
MERKEROnline

 

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