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WIEN/ Staatsoper: ALCESTE – kein rauschender, aber doch ein Erfolg. Premiere

13.11.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper: ALCESTE – Premiere am 12.11.2012

 
Clemens Unterreiner. Foto: Barbara Zeininger

 Die Premiere war kein rauschender, aber doch ein für alle Beteiligten zufrieden stellender Erfolg, obwohl der Schlussapplaus ausgesprochen kurz ausfiel.

 Es hat ungefähr fünf Jahrzehnte gedauert, bis diese Oper wieder ihren Platz im Spielplan der Wiener Staatsoper gefunden hat. Die letzte Produktion wurde ja noch vom Theater an der Wien übernommen – mit Hilde Zadek und Christl Goltz als Titelheldinnen sowie mit Anton Dermota.

 Zu den Hausdebütanten dieser Aufführung zählt auch Regisseur Christof Loy, der sich seinerzeit mit Ioan Holender nicht über ein Engagement am Haus einig werden konnte. Nach dem gestrigen Erfolg ist aber nicht auszuschließen, dass er in der Zukunft noch weitere Stücke an der Staatsoper inszenieren wird. Diese Produktion wurde aus Aix-en-Provence übernommen – aber nicht 1:1, sondern sie wurde natürlich den Sängerpersönlichkeiten und Gegebenheiten in Wien angepasst. Da das Stück insgesamt nicht viel Platz für „Action“ bietet (der Plot kann in zwei Sätzen zusammengefasst werden) stand der Regisseur von der Aufgabe, die Bühne mit „Leben“ zu füllen, da kein Ballett verwendet wurde, man aber auf die dazugehörige Musik nicht verzichten wollte. Insgesamt ist ihm das sehr gut gelungen, besonders die Arbeit mit dem übrigens großartig singenden Gustav Mahler Chor (Leitung: Martin Schebesta) hat zu einem beeindruckenden Ergebnis geführt. Es gelang Loy, jedem einzelnen Chormitglied ein Eigenleben zu verpassen. Es finden parallel verschiedene kleine Handlungen statt – daher sollte man sich die Produktion zumindest zwei Mal anschauen, um sämtliche Feinheiten genießen zu können. Auch die Personenführung der SolistInnen ist von hoher handwerklicher Güte.

 Das „Volk“, die „enfants“, wurde in dieser Produktion zu Kindern, was aber funktioniert. Die Kostüme könnten dem Zeitraum 19.Jahrhundert/Anfang 20.Jahrhundert entstammen (dafür verantwortlich – Ursula Renzenbrink) und tatsächlich wirkten die Sänger dadurch teilweise deutlich jünger (besonders entzückend – Ileana Tonca!). Dirk Becker schuf ein Einheitsbühnenbild, das aber sehr praktisch ist (und auch die Bühne nach hinten verkürzt, was die Sänger auf jeden Fall unterstützt). Es erinnert ein wenig an die letzte Salzburger „Nozze“ – nur ohne Stiegen. Das Konzept, die Handlung zeitmäßig zu versetzen, funktioniert – nur im dritten Akt waren Diskrepanzen zwischen dem Gehörten und dem zu Sehenden zu vermelden.

 Was viele Zuseher ein wenig verwirrt zurückließ was das Ende der Oper – nachdem der „Deus ex Machina“ zu einem glücklichen Ende verholfen hat, wurde im abschließenden Instrumentalstück die Bühne geöffnet und sämtliche Protagonisten verschwanden in der Dunkelheit – vielleicht wollte der Regisseur damit andeuten, dass trotz des aktuellen Glückgefühls die Zukunft offen und unsicher ist – und niemand sich seiner Sache all zu sicher sein sollte.

 Ivar Bolton leitete das Gastorchester, dieses Mal war es das Freiburger Barockorchester. Sowohl Bolton als auch besonders die Gastmusiker wurden vom Premierenpublikum bejubelt. Der Streicherklang passte perfekt zu diesem Werk, aber beim Blech gab es einige störende Wackler, was hoffentlich bei den folgenden Vorstellungen nicht mehr der Fall sein wird.

 Véronique Gens debütierte an der Staatsoper. Die Französin hat sich über viele Jahre hinweg einen sehr guten Namen als Barockinterpretin gemacht und sie rechtfertigte die Vorschusslorbeeren mit einer sehr innigen Interpretation der Alceste. Einigen Besuchern war sie zu „fad“, doch mir gefiel diese zurückgenommene Art sehr gut. Trotzdem muss man attestieren, dass ihre Stimme für das Haus ein wenig zu klein ist – oft wurde sie vom Orchester zugedeckt, was aber sicherlich nicht am Dirigenten lag. Sie hat eine weiche Mittellage, in der Höhe klingt sie manchmal ein wenig spitz. Am Beginn war auch ein leichtes Tremolieren zu bemerken, das verschwand aber im Laufe der Vorstellung.

 Ein weiterer Hausdebütant war Joseph Kaiser, der sogar das Privileg hatte, dass bei dieser Premiere auch Placido Domingo anwesend war. Kaiser hatte einst den vom „Tenorissimo“ ins Leben gerufenen Operalia-Wettbewerb gewonnen. Insofern war es ein glücklicher Zufall, dass sich Domingo vom Fortschritt des jungen Sängers ein Bild machen konnte. Kaiser stattete den Adméte mit viel Emotionen aus. Da er dereinst als Bariton begonnen hat war auf jeden Fall anzumerken, da er über eine sehr gut fundierte Mittellage verfügt und nicht derart strahlende Höhen hat, wie man es zur Zeit von Sängern, die im Barockfach eingesetzt werden, gewohnt ist. Was Kaiser wirklich hervorragend konnte – die Emotionen, durch die Adméte im Laufe des Stückes durchläuft, rüberzubringen.

 Neben den beiden Gaststars überzeugten auch die Mitglieder des Ensembles, allen voran sei Clemens Unterreiner genannt, der endlich einmal eine prominentere Rolle mit mehr „Screen-Time“ spielen und singen durfte. Unterreiner überzeugt erst einmal dadurch, dass er die Doppelrolle des Oberpriesters des Apollons und eines Gottes der Unterwelt sehr zurückhaltend spielte. Die beiden Parts wurden in dieser Produktion in die eines katholischen Priesters zusammengefasst, was im Prinzip recht gut passte. Dieser Priester ist ein Mahner, der oft im Hintergrund auftritt und auch von der Energie seiner Bewegungen her einen starken Kontrast zum Volk / zu den Kindern bildet. Diese wiederum haben großen Respekt vor ihm – er wird mehr gefürchtet als geachtet. Unterreiners Stimme hat an Ausdruckskraft gewonnen, über seine Bühnenpräsenz zu schreiben hieße Eulen nach Athen tragen. Wir können uns glücklich schätzen, ihn im Ensemble zu haben. Und es ist auch schön, bei einer Premiere einen gebürtigen Österreicher zu erleben – es bedeutet, dass es hierzulande noch immer große Talente gibt, die sich gegen stärkste internationale Konkurrenz durchsetzen können.

 Nicht ganz so überzeugend wie in Mozart-Partien war an diesem Abend Adam Plachetka. Seine Stimme wirkte irgendwie verschattet. Ich weiß nicht, ob ihm die Partie einfach nicht liegt oder ob er ein wenig müde ist. Das werden die nächsten Vorstellungen zeigen. Schauspielerisch war er sehr gut, die Regie hat ihn als „Handlungsreisenden Halbgott“ dargestellt, was wirklich gut passte. Sein Outfit erinnerte stark an die 1920er-Jahre, mit dem Oberlippenbärtchen glich er sehr dem Jean Dujardin in seiner Oscar-Rolle. Plachetka ist ja ein großer Mann – und optisch kann man den Hercule nicht besser besetzen!

 Der dritte (Bass)Bariton im Ensemble ist der erst 25-jährige Alessio Arduini, der schon als Leporello angenehm aufgefallen ist. Er hat nicht viel zu singen, allerdings tat er das mit sehr angenehmer und gut geführter Stimme.

 Wie bei Arduini hat das Regiekonzept auch weitere Rollen zusammengefasst. (Kinder/Koryphäen), somit hatten Ileana Tonca, Benjamin Bruns und Juliette Mars öfter die Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Während Tonca und Mars eher kleinere Rollen haben, konnte Bruns wieder einmal unter Beweis stellen, wie sehr sich seine Stimme weiterentwickelt hat. Ich mag seine klare, helle, vibrationsarme Stimme sehr. Außerdem fühlt er sich in dieser Produktion sichtlich wohl und kann das „Kind im Manne“ sich richtig austoben lassen.

 Ebenfalls erwähnt werden muss Gebhard Heegmann, der als Stimme des Orakels nur einen kurzen Einsatz hatte, diesen aber ohne Fehl und Tadel ablieferte.

 Wer mit der Musik von Gluck noch nicht viel Erfahrung hat, der darf sich nicht ein Barockfeuerwerk erwarten, sondern muss sich auf zum Großteil besinnliche und subtile Melodien einstellen (erst im 3.Akt gewinnt die Aufführung etwas an Tempo). Wenn man ganz genau hinhört, kann man schon erste Anklänge von Mozart und gegen Ende des 2.Aktes sogar von Bellini hören.

 Es ist ein Werk, das in entsprechender Besetzung auf jeden Fall von Zeit zu Zeit an der Staatsoper aufgeführt gehört. Ein Kassenknüller wird es wahrscheinlich nicht werden, aber ich rechne es der Direktion hoch an, dass man es trotzdem ansetzt. Und wie weiter oben erwähnt – man sollte auf jeden Fall diese Produktion gesehen haben und sich auf die Musik einlassen. Bis zum 26. November steht sie noch des Öfteren am Spielplan und ich schätze, dass es kein Problem geben wird, zumindest Stehplatzkarten zu bekommen. Wer weiß, ob man danach nicht wieder 50 Jahre warten muss, um Alceste an der Staatsoper zu hören (und zumindest ich würde das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben).

 Kurt Vlach

 

 

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