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WIEN / Staatsoper: ALCESTE

15.06.2016 | KRITIKEN, Oper

Alceste_ sie  Alceste_die zwei
Fotos: Wiener Staatsoper / Pöhn

WIEN / Staatsoper: 
ALCESTE von Christoph Willibald Gluck
Wiederaufnahme: 14. Juni 2016
besucht wurde die Generalprobe am 10. Juni 2016

Christoph Willibald Gluck ist im Repertoire der Wiener Staatsoper wahrlich nicht überrepräsentiert. Im November 2012 kam die „Pariser Fassung“ seiner „Alceste“ von 1778 (die Umarbeitung der 1767 in Wien uraufgeführten italienischen Version) an der Wiener Staatsoper zur Erstaufführung. Für die fünf Vorstellungen hatte man damals – es gab etwas Wirbel darum – das Freiburger Barockorchester unter Ivor Bolton und den Gustav Mahler Chor engagiert, zur „Entlastung“ der hauseigenen Künstler… Wenn nun, dreieinhalb Jahre danach, diese Unglücksinszenierung von Christof Loy wieder aufgenommen wird, ist ein neues musikalisches Team am Werk (bei unveränderter Besetzung der Hauptrollen): Immerhin, für Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset (den Wienern von manchem Abend im Theater an der Wien bekannt) bedurfte es einer „echten“ (öffentlichen) Generalprobe, und wenn man Glück hat für Gluck, gibt jemand seine Karte dafür weiter…

Die Freude an Gluck bezieht sich an diesem Abend einzig und allein auf seine Musik, denn was Christof Loy in der Ausstattung von Dirk Becker / Bühnenbild und Ursula Renzenbrink / Kostüme anbietet, ist seine übliche, ideenlose Masche, die große Geschichten verkleinbürgerlicht und damit eigentlich unmöglich macht. Auch Opernwerke sind nicht nur die Musik (an die Kollege Claus Guth mittlerweile auch schon rührt, während man lange dachte: „Na, wenigstens der Musik können sie nichts antun!“), sondern auch die ziemlich klaren Geschichten, zu denen sie komponiert wurde – da spielt „Aida“ nun eben bei Pharaos und die Titelheldin ist keine Putzfrau, und Admet und Alceste sind das Königspaar in Thessalien und gewissermaßen hoch geschätzte Persönlichkeiten der griechischen Antike, prädestiniert für ein großes Schicksal und ein großes Exempel der Gattenliebe mit der Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben.

Gar nicht so bei Loy. In einer bei ihm üblichen kahlen Zimmer-Dekoration mit hohen Türen wieseln lauter „Kinder“ herum – der Chor (zweifellos erwachsene Herrschaften) sind als Kinderleins verkleidet und können gar nicht genug herumrennen, sich raufen, spielen, wild herumrudern. Kurz, es ist unzweifelhaft klar: Herr Admet ist offenbar der Kindergarten-Direktor und seine Frau die „Mama“ der ganzen Schar, nicht nur der eigenen Töchter.

Das unveränderte Bühnenbild, das sich höchstens nach hinten öffnet, hat natürlich keinen Tempel (was wäre das in diesem Zusammenhang?), aber es wird gänzlich verrückt, wenn Alceste im Nachthemd und mit Schlafsöckchen (ist ihr wohl kalt, der Armen) angeblich vor den Toren des Hades steht, aber nur ihr Ehe-Doppelbett vor sich hat, vor dem sie sich möglicherweise schrecken könnte.

Und wer ist Herkules, der ihrem Gatten zu Hilfe kommt, in diesem Fall? Ein undefinierter Reisender, der hereinstolpert. Den Oberpriester des Apollon haben wir ohnedies schon auf einen heuchlerischen Pfaffen, der immer mit seinem Gebetbuch droht, reduziert. Und die Unterwelt? Offenbar ein Karneval der Kindergartenschar. Und was begibt sich da? Gattenliebe und –leid, Opferbereitschaft und Rettung dank der Götter? Um Gottes willen!

Bleibt eigentlich nur die Frage offen, wie Christof Loy bei dichtestem Terminplan von einem Opernhaus zum nächsten ziehen und die größten Werke auf die immer gleiche Art klein machen darf – nur um zu beweisen, dass sie dann nicht funktionieren. „Hätten’s doch eine konzertante Aufführung gespielt, das wäre besser gewesen“, stimmten mehrere missmutige Damen in einen Chor der Verärgerten ein.

Dass die „französische Fassung“ der „Alceste“, die schlankere, elegantere, möglicherweise weniger spektakuläre ist, kann man ohne Wertung feststellen: Gluck ist Gluck, und wunderbar, wie man nicht nur Mozart voraushört, sondern (etwa in den Trompeten) auch Beethoven, wie vergleichsweise „seelenvoll“ diese Musik sich im Vergleich zu Händels barocker Virtuosität ausnimmt, wie anspruchsvoll er seinen Hörern gegenüber auftritt. (Mit ein paar gar plötzlichen Übergängen, etwa zum Happyend, das bei Loy natürlich keines ist – statt sich zu freuen, dass die Liebenden vereint bleiben dürfen, ziehen alle mit betröpfelter Miene ab. Ja, so ist es ja wohl gemeint, so klingt es ja auch – oder?)

Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset erfüllten die Funktion, mit etwas harschem Originalklang Gluck jenen Zuhörern zu bescheren, die ihn quasi rückwärts gewandt verstehen, während jene, die ihn lieber schon zur Wiener Klassik zählen möchten (als Größten der Vorläufer jedenfalls), mit den Wiener Philharmonikern für diese Musik ebenso gut (besser?) leben könnten.

Man hat schon für die Premiere „Spezialisten“ für das Hauptrollenpaar herangezogen und den Rest aus dem Haus besetzt. Wieder sind Véronique Gens und Joseph Kaiser Alceste und Admète, beide kultiviert, keine großen Stimmen, er etwas temperamentvoller als sie, die wunderschön leidet, aber manchmal doch unter den Vorstellungen des Hörers bleibt: Wenn „Divinités du styx“ nicht als das erklingt, was es ist, nämlich eine der phantastischsten Arien des 18. Jahrhunderts (nicht umsonst von jedem Zwischenfach und Mezzo, der auf sich hält, auf Platte festgehalten), dann ist es doch zu wenig. Aber im Ganzen sind die beiden natürlich ein wirklich edles Paar, und auf Französisch gibt man sich nun einmal diskret.

Zwei Ensemblemitglieder dürfen ihre dunklen Stimmen einsetzen, wobei Clemens Unterreiner als Oberpriester des Apollon eine ganz bewusste Charakterstudie bietet, während  das Gepoltere von Adam Plachetka  nicht ausreichend damit erklärt wird, dass der Hercule (wir kennen ja unsere antiken Sagen) ein grober Kerl ist.

Winzig wirkend an Gestalt, dabei durchaus stimmstark, ist Maria Nazarova als erste Tochter, Juliette Mars als zweite bleibt dahinter – beide sind Neubesetzungen wie auch Jason Bridges als Évandre und Manuel Walser als Waffenherold in kindlichen kurzen Hosen. Sie tummeln sich im sehr kompetenten Gustav Mahler Chor, der nicht nur seine Töne, sondern auch die albernen Kinderspiele präzsie abzieht.

Trauriges Resümee, dass der herrliche Gluck in diesem Rahmen einfach nicht begeistern kann. Ist eigentlich klar, was man den Schöpfern der Werke (nicht nur dem Publikum, das ist in diesem Fall höchstens durch Einförmigkeit gelangweilt) mit solchen Inszenierungen antut, wenn man die Größe und Schönheit und Würde der Meisterstücke willkürlich wegwirft?

Renate Wagner

 

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