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WIEN/ Staatsoper: AIDA

16.10.2013 | KRITIKEN, Oper

Wiener Staatsoper, Aida – 15. Oktober 2013

Als Mittelding zwischen Repertoire- und Galavorstellung erwies sich Giuseppe Verdis Aida an einem stinknormalen Dienstag im Oktober. Nur wenige Tage nach dem 200. Geburtstag des Meisters aus Le Roncoleströmten Touristen über Touristen ins Haus am Ring, erfreulicherweise viele junge Leute, Schülergruppen, Studenten, ein Gewurl wie vor dem Schloss Schönbrunn an einem herrlichen Mai-Tag. Dem Stammbesucher schwante nichts Gutes – aber er hatte sich komplett getäuscht! Denn so aufmerksame und konzentrierte Operngeher wie an diesem Abend erlebt man sonst nur bei den Bayreuther Festspielen oder an anderen hehren Plätzen der Opernliteratur. Da störten auch die Benützer von Computer-Tablets in Loge 1 oder eifrig auf ihren Smartphones nach dem Ergebnis des Färöer-Fußballspieles lugenden „Einzeltäter“ nicht so sehr, in den Piano-Stellen war eine heilige Ruhe und auch das Reinklatschen beim Vorhang hielt sich in Grenzen, man hörte sogar die Harfen des Finales!

Denn was auf der Bühne geboten wurde, das war hochdramatisches, qualitatives Musiktheater. Dan Ettinger ging mit aller nötigen Wucht (natürlich besonders in den Massenszenen) ans Werk und reizte die Partitur mit allen Freiheiten aus. Erstaunlicherweise gelang ihm mit dem Staatsopernorchester auch der Übergang zum intimen und lyrischen Nilakt perfekt, was man auch man nicht jeden Tagerlebt! Dafür ein kräftiges Bravo, auch wenn ihm vielleicht die eine oder andereEinsatzgebung nicht so gut gelang. Aber daran war auch ein wenig der Chor der Wiener Staatsoper schuld, der zwar stimmgewaltig wie immer ans Werk ging, aber auch schon vom Optischen her eher „Dienst nach Vorschrift“ zu machen schien. Die Joël-Inszenierung aus dem Jahr 1984 macht es den Damen und Herren zwar nicht leicht, denn so ein sinnloses Herumstehen und 08/15-mäßiges Gehabe der Priesterschaft und des Volkes gepaart mit händeringenden Gefangenen (schrammt gerade noch an einer Opernparodie vorbei) würde heute kein Regisseur mehr wagen. Aber ein wenig mehr Enthusiasmus wäre schon angebracht, auch von der Statisterie: Ein paar schreiten im Takt, andere wieder trippeln unmotiviert hintendrein, na ja.

Gott sei Dank ließen sich die Solisten davon nicht anstecken, denn allen voranKristin Lewis zeigte als Aida ein wirklich schönes Porträt der äthiopischen Sklavin. Im ersten Akt klang ihr Sopran noch sehr bedeckt und gepresst, aber je länger die Aufführung dauerte, desto freier wurde ihre Stimme: Insgesamt mit eher abgedunkeltem Timbre, das an einen Mezzo erinnert, aber mit keinen Problemen in der Höhe und mit wunderbarer Pianokultur sang sie sich in einen „herrlichen“ Tod. Bei eben diesem finalen „O terra addio“ hatte ihr RadamesMarcello Giordani entweder seine Emotionen nicht mehr im Griff und drückte zu sehr auf die Tube sprich Stimme, oder sein Körper litt unter Flüssigkeitsmangel, denn er hatte eine Schrecksekunde zu überstehen als die Stimme wegzubrechen schien. Aber mit profunder Technik rettete sich Giordani und bewies gerade im Schlussduett, dass nicht nur die volle Attacke – wie gleich zu Beginn bei „Celeste Aida“ – seine Stärke ist. Es gibt natürlich berühmtere Vorbilder mit noch mehr Schmelz, aber das wäre Meckern auf hohem Niveau.

Als Amneris und Ramfis hörte man wirkliche „Röhren“: Olga Borodina gestaltete die ägyptische Königstochter perfekt und hatte lediglich mit ihrem wallenden Kostüm zu kämpfen, mit dem sie sich einmal so verhedderte, dass sie zu Sturz kam, hochprofessionell aber ihre Reaktion und ihr nahtloses Weitersingen. Sorin Coliban entwickelt sich immer besser, gewaltig dröhnte sein Bass und es war bald jedem klar, dass in diesem Ägypten die Priesterschaft das Sagen hat. Da passte es auch perfekt, dass der König von Janusz Monarcha ein wenig blass wirkte. Bleibt noch über einen mit erstaunlich viel Italianita aufwartenden Markus Marquardt als Amonasro zu berichten. DimitirusFlemotomos überzeugte als Bote mehr als die Priesterin Olga Beszmertna.

Insgesamt also eine überraschend gelungene Aida, bei dem wieder einmal zu erleben war, dass es nicht nur die „großen“ Namen sein müssen, die einen Opernabend zur Gala machen können: Jubel für alle Beteiligten! Wieder einmal ärgerlich war nur der leere Orchestergraben, auf den der Dirigent zeigen musste, als er sich beim Applaus beim Orchester bedanken wollte!

Ernst Kopica

 

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