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WIEN/ Staatsoper: ADRIANA LECOUVREUR – so schreibt man Operngeschichte

18.11.2017 | Oper

Wiener Staatsoper
„ADRIANA LECOUVREUR“: SO SCHREIBT MAN OPERNGESCHICHTE (18. November 2017)

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Roberto Frontali, Anna Netrebko. Copyright: Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Es gibt sie also doch noch – diese „magischen Momente“ in denen die Zeit stille zu stehen scheint, in denen es keinerlei Husten gibt, in denen 2400 Menschen mit der gleichen Puls- und Atem-Frequenz regungslos verharren, ehe dann am Ende unbeschreiblicher Jubel einsetzt. So geschehen im Finale  der vierten und letzten aktuellen Reprise von „Adriana Lecouvreur“ von Francesco Cilea mit der „Traum-Besetzung“ Anna Netrebko und Piotr Beczala. Hier wurde – was viel zu selten geschieht – Operngeschichte geschrieben und vermutlich einer veristischen Oper zum späten Durchbruch auch in Wien verholfen. Denn die Cilea-Oper, die international von Stars wie Renata Tebaldi, Magda Oliviero oder Renata Scotto zum Erfolg verholfen wurde, fand bei der Staatsopern-Erstaufführung vor 3 Jahren nur mäßigen Anklang. Trotz klangvoller Namen! Nun wirkte dieses Stück über die tödliche Rivalität zwischen dem Star der Comédie Francaise Adriana Lecouvreur und der Fürstin von Bouillon leicht unfreiwillig komisch: da werden Briefe vertauscht, wechselt Oper mit Ballett (Das Urteil des Paris) und dann wieder mit Sprechtheater-Pathos. Zuletzt stirbt die Titelheldin an vergifteten Veilchen …Aber wenn Anna Netrebko um ihre Liebe zu Maurizio, dem Grafen von Sachsen – Piotr Beczala -kämpft, verstummen alle Einwände.

Anna Netrebko wird immer besser. Zu der voluminösen, in der Mittellage und Tiefe dunklen Stimme kommt jetzt ein Piano-Schwelgen wie ich es auch bei ihr noch ganz selten erlebt habe. Schon in der Auftritts-Arie demonstriert sie was Belcanto heißt.  Samtige, schwebende Piano-Höhen werden zurückgenommen oder „aufgemachr“, der Lagenwechsel bereitet keinerlei Mühe, das Crescendo oder Decrescendo verursachen keinerlei Anstrengung. Und dann verwandelt sich dieses Wesen der Sanftmut in eine „Tigerin“, es agiert plötzlich eine wahrlich „Hochdramatische“ und Tosca lässt grüßen (und man kann sich auf die nächste  Met-Sensation freuen). Freilich hat die Netrebko auch die idealen Partner.

Für Piotr Beczala gilt das Gleiche wie für „Anna-Superstar“. Er befindet sich in der Form seines Lebens und diese Rolle liegt dem „Feschak“ aus Polen besonders. Der Stimm-Sitz wird immer besser, die Höhen strahlen und die Balance zwischen Dramatik und Lyrik wird wunderbar gehalten.

Zum Glück steht mit Evelino Pido, der seine Ausbildung in Turin begann, ein Routinier am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Und er hat nicht nur zwei Super-Stars zu betreuen. Die  verheiratete Gegenspielerin von Adriana, die  rachsüchtige Gräfin Bouillon wird – wie bei der Premiere – von der in Petersburg geborenen Mezzo-Sopranistin Elena Zhidkova mit emotionalem Voll-Einsatz gegeben. Der Rest des Ensemble’s soll mit einem kollektiven Lob versehen werden. Nein, Roberto Frontali als Michonnet muss mit einem Sonderlob gewürdigt werden; ansonsten: Alexandru Moisiuc war ein finsterer Ehemann der Fürstin, Pavel Kolgatin ein frischer Poisson, Raúl Gimenez ist ein würdiger Abbé. Ryan Speedo Green ein hünenhafter Quinault, Tobias Huemer ein kauziger Haushofmeister und Bryony Dwyer und Miriam Albano waren reizende Kolleginnen der Diva.

Die Inszenierung von David McVicar (Bühne Charles Edwards) wäre wohl schon bei der Uraufführung von „Adriana Lecouvreur“ im Jahr 1902 als altmodisch kritisiert worden. Aber was soll’s ? im November 2017 wurde endlich wieder einmal Operngeschichte geschrieben. Und für ein paar Sekunden stand die Zeit still…Unvergesslich!

Peter Dusek

 

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