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WIEN/ Semperdepot/ Festival „EntArteOpera“: BARUCHS SCHWEIGEN von Ella Milch-Sheriff. Österreichische Erstaufführung

08.09.2016 | Oper

Festival „EntArteOpera“ – Österreichische Erstaufführung:

„Baruchs Schweigen“ von Ella Milch-Sheriff (Premiere: 7. 9. 2016)

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Das Libretto der Oper fußt auf Baruchs Tagebücher (Foto: Julia Fuchs)

Im Rahmen des heurigen Festivals „EntArteOpera“ (6. 9. bis 2. 10.), bei dem in Wien Ausstellungen, Konzerte, Theater- und Opernaufführungen mit dem Themenschwerpunkt „Verfemte und vergessene Komponistinnen“ auf dem Programm stehen, hatte am 7. 9. 2016 im Semperdepot, dem Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, die Österreichische Erstaufführung der Oper „Baruchs Schweigen“ von Ella Milch-Sheriff Premiere.

Die Uraufführung der Oper, deren Libretto Yael Ronen verfasste und die in zehn Bildern die Geschichte des Baruch Milch und seiner Familie erzählt, zu der als seine Tochter auch die Komponistin gehört, fand 2010 in Braunschweig statt. Baruchs Schweigen ist ein Familiendrama unter den schlimmsten Bedingungen, die im 20. Jahrhundert vorherrschten. Und zugleich „die Studie einer modernen Frau und gleichzeitig ein Eintauchen in immer tiefere Schichten der verborgenen Erinnerung“, wie es die beiden Regisseurinnen Beverly und Rebecca Blankenship in ihren im Programmheft abgedruckten Notizen zur Produktion formulierten. „Baruch ist die Titelrolle. Sein Leiden und sein Schweigen formen seine Tochter, namenlos, und dennoch die Heldin unserer Geschichte. Baruchs Tochter kämpft sich aus dem Schatten des Schweigens, hin zu Verstehen und Heilung durch die Kraft der Musik.“

Den beiden Regisseurinnen Beverly und Rebecca Blankenship gelang eine packende Inszenierung mit exzellenter Personenführung, die das Publikum voll in ihren Bann zog. Man hatte in den zwei Stunden der Vorstellung nicht einmal ein Hüsteln gehört, so fasziniert verfolgten die Zuschauerinnen und Zuschauer die Handlung, die auf den Aufzeichnungen in Baruchs Tagebuch basiert. Man erfährt, dass die jüdische Bevölkerung der galizischen Dörfer und Städte grausam ermordet wurde – wie auch Baruchs erste Frau Peppa und sein Sohn Lunek. Nach dem 2. Weltkrieg begegnet Baruch seiner zweiten Frau, die nach einer Vergewaltigung zwar den Krieg überlebt hat, aber an der sexuellen Gewalt, die ihr angetan wurde, zerbricht. „Der Himmel ist leer“, schrieb Baruch Milch. „Mein Himmel ist voller Musik“, antwortet seine Tochter Ella Milch-Sheriff mit ihrer Kammeroper „Baruchs Schweigen“, deren Partitur eine exzellente musikalische Illustration der Tagebücher ihres Vaters ist. Teils expressiv und dramatisch, teils melodiös und lyrisch, wie beispielsweise das von Celestaklängen begleitete Wiegenlied im vierten Bild.

Das Orchester Ensemble EntArteOpera, das aus Mitgliedern der Wiener Symphoniker besteht, wurde von Christian Schulz –  seit diesem Jahr musikalischer Leiter im Team von EntArte Opera – so feinfühlend dirigiert, dass alle Nuancen der vielschichtigen Partitur zum Erklingen gebracht wurden. 

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Szenenbild aus „Baruchs Schweigen“ im Semperdepot in Wien (Foto: Julia Fuchs)

Hervorragend auch das gut ausgewählte Sängerensemble. Der italienische Bass Duccio Dal Monte war sowohl stimmlich wie auch darstellerisch eine erstklassige Besetzung für den schweigsamen Vater Baruch, der den galizischen Holocaust überlebte. Mit seiner starken Bühnenausstrahlung und seiner tiefen Stimme darf er als Idealbesetzung für die Titelrolle angesehen werden. Ihm ebenbürtig die österreichische Mezzosopranistin Hermine Haselböck als seine Tochter. Sie spielte eindrucksvoll die unter dem Schweigen ihres Vaters Leidende, die ihm erst nach seinem Tod vergeben kann.  Eine schauspielerisch reife Leistung, die durch die große Bandbreite ihrer kraftvollen Stimme noch gekrönt wurde.

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„Baruch (Duccio Dal Monte) mit seiner Tochter (Hermine Haselböck), im Vordergrund seine erste Frau (Einat Aronstein) mit seinem Sohn (Jonatan Sushon) Foto: Julia Fuchs“

Ebenfalls ausdrucksstark – stimmlich wie darstellerisch – war die österreichische Koloratursopranistin Ingrid Habermann als Mutter und zweite Ehefrau Baruchs. Als erste Frau überzeugte die israelische Sopranistin Einat Aronstein besonders in der Darbietung des wundervollen Wiegenlieds. Baruchs Bruder wurde vom österreichischen Tenor Alexander Kaimbacher gespielt, der gemeinsam mit Einat Aronstein und der portugiesischen Sopranistin Raquel Paulo, die die Rolle der Großmutter verkörperte, auch als Geist (zu dritt im Chor) auftrat.

Rollengerecht agierte der australische Bass Karl Huml als russischer Offizier und als Bauer. Der junge Wiener Gymnasiast Jonatan Sushon war in mehreren kleinen Rollen im Einsatz (als Sohn-Geist, Baruchs Sohn und Neffe), wobei er stets auf quirlige Art über die Bühne wirbelte und gesanglich seine helle Stimme erklingen ließ. Als eine gute Idee des Regie-Teams erwies sich, dass für die Auftritte des Sängerensembles das gesamte Haus inklusive Stiegen und Balkon genutzt wurde.

Das ergriffene Premierenpublikum belohnte am Schluss alle Mitwirkenden und das gesamte Regieteam mit nicht enden wollendem Beifall und vielen Bravo-Rufen. Einen Sonderapplaus erhielt die Komponistin Ella Milch-Sheriff, die nach der Aufführung freudestrahlend die verdienten Ovationen entgegennahm. Es war nach Braunschweig, Tel Aviv und Fürth die vierte Produktion ihrer Oper – und es wird nach meiner Überzeugung nicht die letzte gewesen sein!

Udo Pacolt

 PS: Die weiteren Vorstellungen im Rahmen des Wiener Festivals EntArteOpera finden am 9., 13., 15. und 18. 9. um jeweils 19,30 im Semperdepot statt.

 

 

 

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