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WIEN / Schönbrunner Schloßtheater: IDOMÉNÉE

21.06.2017 | KRITIKEN, Oper

Plakat Idomenee~1

WIEN / Schönbrunner Schloßtheater: 
IDOMÉNÉE von André Campra
Premiere: 18. Juni 2017,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 20. Juni 2017 

Bei der zweiten Vorstellung von „Idoménée“ des französischen Komponisten André Campra (1660-1744) war das Schönbrunner Schloßtheater schwach besetzt. „femubaf“ hat sich offenbar noch nicht herumgesprochen. Das auf den ersten Blick seltsame Kürzel steht für „Le festival de la musique baroque francaise“, das heuer erstmals in Wien veranstaltet wird, aber schon auf einige Jahre voraus programmiert ist (nächstes Jahr mit Élisabeth Jacquet de La Guerres großer Oper „Céphale et Procris“ und danach mit einer „Rasender Roland“-Trilogie von Lully!). Initiator des Festivals ist der deutsche Komponist, Dirigent und Pianist Robert Lillinger, der durchaus zu Recht findet, dass die französische Barockoper im Wiener Repertoire unterrepräsentiert sei.

„Idomenée“ (1712) von André Campra hat er zum Auftakt nicht zuletzt deshalb gewählt, weil der Stoff dem Wiener Publikum durch Mozarts Oper (1781 in München uraufgeführt) bekannt ist. Die Geschichte stimmt auch in großen Zügen überein. Aber die Herren hatten verschiedene Librettisten, Campra Antoine Danchet, Mozart Giambattista Varesco, und die gravierendsten Unterschiede ergeben sich am Ende: Wo bei Mozart alles gut ausgeht, sieht es bei Campra zwar zuerst so aus, mündet aber dann nach dem Erscheinen der Nemesis in eine blutige Tragödie mit Wahnsinn, Mord und Selbstmord…

Die Partitur zu „Idomenée“ zu erstellen, war ein langer Weg für Robert Lillinger, der in Paris einen Klavierauszug und eine unvollständige Kopistenabschrift der Partitur fand, die er ergänzte – auch, um das Werk so komplett wie möglich zu zeigen: Die CD-Aufnahme von Willliam Christie aus dem Beginn der neunziger Jahre ist stark gekürzt, die Wiener Aufführung im Schönbrunner Schloßtheater, die auch alle Götter-Figuren beibehält, dauert volle vier Stunden.

Nun ist es ein großes Unternehmen zu verkünden, man werde die französischen Barockopern nicht nur am barocken Originalschauplatz (und „echter“ als das Schönbrunner Schloßtheater kann man gar nicht sein), sondern auch „in historischer Aufführungsweise“ bieten. Und dazu fehlt dem Unternehmen derzeit eindeutig noch das Geld. Wenn man sich als Ausstattung nicht mehr als ein paar Tücher und Hintergrundsprojektionen leisten kann und die unspektakulären Kostüme vermutlich aus der Leihanstalt kommen, dann wird der Glanz des französischen Barocks – und das Werk wurde noch zu Lebzeiten des „Sonnenkönigs“ aufgeführt! – kaum zu beschwören sein.

Was nützt es, dem Ballett den breiten Raum zu geben, den es zu dieser Epoche hatte, wenn hier dann nur Damen und Herren in billigen Fähnchen herumhopsen? (Dabei agiert das Ensemble „Tantz-Art“ unter der auf diese Epoche spezialisierten Choreographin Pia Brocza nach den originalen Vorlagen.) Grundsätzlich: Barock impliziert den Prunk der Epoche, und den liefert die Aufführung, die Regisseur Reinhard Hauser gestaltet hat, nun wahrlich nicht.

Er hat für die Ausstattung nur eine wirklich schöne Idee verwirklicht – große Teile der Bühne werden von reichlich am Boden drapierten Kerzen bestimmt, die fröhlich flackern. Was die totale Unsicherheit im Betrachter erzeugt, der weiß, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und jede Feuerpolizei bei der Idee im Quadrat gesprungen wäre, dass hier „echtes“ Feuer in einem historischen Theater brennt. Nein, es ist nicht echt, aber es sieht zauberhaft so aus: perfekte Illusion, die es sonst an dem Abend kaum gibt.

Robert Lillinger leitet ein Ensemble, das sich „Les vents féeriques“ (feengleiche Winde?) nennt und großteils aus Wiener Musikern mit ihren Originalinstrumenten zusammengesetzt ist und hier künftig musizieren soll. Nun, die Originalinstrumente sind ja bekanntlich etwas rau für unsere Ohren, aber der Hauch der Authentizität ist hier vom Orchester jedenfalls gegeben, wobei Robert Lillinger nicht nur dirigiert, sondern auch am Clavecin sitzt.

Die Sänger sind keine Anfänger mehr, aber noch keine berühmten Namen: Richard Helm ist mit schnarrendem Bariton der Idomeneo, Jasmina Sakr bleibt der Électre nichts an Dramatik, aber auch nichts an Stimmschärfe schuldig, während das Liebespaar über echt „leichte“, schöne Stimmen verfügt – Jonathan Spicher als Idamante und Solenn‘ Lavanant-Linke als Ilione (= Ilia). An weiteren Frauenrollen gibt es eine treue Dienerin (Aurélie Jarjaye als Dircé) und immerhin Venus persönlich (Alessia Thais Berardi), und unter den Nebenrollen erkennt man Yannis François in allem, was er spielt, weil er der einzige Farbige im Ensemble ist. Er tanzte auch mit, ebenso wie Yannick Badier, der als Tänzer und Tenor dabei war.

Am Rande sei noch erwähnt, dass die zweite Vorstellung im Schloßtheater es der Premiere in der Staatsoper gleichtat und den Vorhang streiken ließ. Das allerdings den ganzen Abend lang, was sicher für die nächsten Aufführungen behoben ist. Live ist eben live… Und „Idomenée“ wird sich noch einspielen, ebenso wie das ganze Unternehmen „femubaf“ Boden unter den Füßen und dann Popularität gewinnen muss, um einer glanzvollen Zukunft entgegenzugehen.  

Renate Wagner

 

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