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WIEN / Schauspielhaus: DIE KREUTZERSONATE

12.09.2012 | Theater

WIEN / Schauspielhaus:
DIE KREUTZERSONATE von Lew Tolstoi
In einer Fassung von Nikolaus Büchel
Gastspiel / Produktion der Sopra Arts
Premiere: 12. September 2012 

Man hat den großen Tolstoi immer wieder auf die Bühne gebracht, vor allem seine Monsterromane „Anna Karenina“ und „Krieg und Frieden“. Die „Kreutzersonate“ (nicht die von Beethoven, sondern die gleichnamige Tolstoi-Novelle) hat dieses Schicksal bisher kaum erlebt, und man versteht auch, warum: Da geht es nicht um Handlung, sondern um Beschreibung, da arbeitete sich der russische Dichter am Beispiel eigener Erlebnisse, Gedanken und Gefühle in ähnliche Seelentiefen hinab wie zur gleichen Zeit Sigmund Freud in Wien: Begreifen, was im Menschen vorgeht, darum geht es. Und der Dichter weiß eher als der Wissenschaftler, dass dies letztendlich wohl undurchführbar ist…

Nikolaus Büchel, der Liechtensteiner mit dem Wiener Wurzeln, hat sich die „Kreuzersonate“ nun hergenommen und in einem zweistündigen, pausenlosen Monolog eine Monsterleistung auf die Bühne gebracht. Heute noch begreift man, warum die Novelle 1890 ein solcher Skandal war, heute noch transportiert sich die Katastrophe der Tolstoi’schen Ehe (kürzlich als „Ein russischer Sommer“ mit Helen Mirren und Christopher Plummer im Kino) in ihrer ganzen Gewalt – und in der Literatur konnte Tolstoi seinen Helden Posdnyschew auch tun lassen, was er selbst mit Sicherheit in tiefster Seele ersehnte – nämlich seine Frau umzubringen…

Neben der „privaten“ Geschichte funktioniert der Text auf vielen Ebenen, sowohl der sozialen, soziologischen, in der das Verhalten des russischen Adels und Großbürgertums dargestellt wird, wie auch auf der psychologischen, wo der Dichter die uralte Kluft zwischen Mann und Frau zu tödlichem Haß aufreißt und der Mann der Frau vor allem eines nicht verzeihen kann – dass er sie nämlich sexuell begehrt und damit ewig von ihr abhängig ist.

Büchel hat sich selbst eine Fassung erstellt, die auf die Rahmenhandlung der Novelle verzichtet (warum er die 28 Kapitel in 40 unterteilt, bleibt allerdings unklar) und nur den Monolog von Posdnyschew bietet. Aber nicht als bloße Erzählung, sondern bewusst als Performance, zu der dann auch ein Motiv von Jürgen Messensee im Bühnenhintergrund gehört, sowie eine Geigerin (Antonia Rankersberger), die gelegentlich wir irrational herbeischwebt und ihr Instrument mit den Klavierklängen aus dem Hintergrund (eingespielt von Paul Gulda) zu Beethoven-Sequenzen verbindet.

Da erleben wir den Darsteller, der seine immer erregten Überlegungen im soliden brauen Anzug begann, am Ende nackt bis auf die Unterhose und über und über mit Blut beschmiert. Aktionismus für Tolstoi, zwischendurch schneidet man sich auch in die Genitalien oder schlüpft in das Gewand der Gattin, mit deren Lippenstift man sich beschmiert: Büchel zerlegt eine Persönlichkeit, die der Dichter im Laufe des Geschehens zerbricht, optisch vor den Augen des Publikums.

Dieses war zahlreich ins Schauspielhaus gekommen und zeigte sich beeindruckt.

Renate Wagner

Weitere Vorstellungen: 14., 15., 18., 19., 20., 22. September 2012

 

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