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WIEN / Schauspielhaus: BRIDGE

06.09.2012 | Theater

 

WIEN / Schauspielhaus:
BRIDGE von Gustav Ernst
Uraufführung
Gastspiel des Theater KOSMOS, Bregenz
Premiere: 5. September 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Man kommt nicht darum herum, an Shakespeares Hexen zu denken, wenn die drei alten Weiber (sagen wir ruhig so) zusammen kommen – und das regelmäßig zwecks ihrer Bridgepartien (weil man auf die vierte Teilnehmerin wartet wie auf Godot, bekommen die anderen Gelegenheit für ihren Schlagabtausch).

Die Spät-Achtzigerinnen (zwischen 85 und 88, wie wir zwischendurch erfahren) sind dem immer skurril gepolten Kopf von Gustav Ernst entsprungen, wohl um seiner Leib- und Magenschauspielerin Johanna Tomek und zwei adäquaten Kolleginnen Paraderollen zu schaffen. Das ist gelungen, und dass die beteiligten Darstellerinnen um ein gutes Stückchen jünger sind als vorgeschrieben, macht nichts – es geht darum, die Frauen am Theater nicht abzuservieren, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Und wie ergiebig die „Oldies“ sind, wenn sie losgelassen, das sieht man hier.

Auf der Bühne stehen vier Stühle (für die Werner Schönolt verantwortlich zeichnet) , die Ladies wanken in etwas abgewrackten Pelzmänteln einher, aber mehr brauchen sie wahrlich nicht, um eineinhalb Stunden prall mit Menschenleben zu füllen. Die einleitenden Bissigkeiten bezieht sich auf die aktuelle Situation – man spielt Bridge (nicht auf der Bühne, sondern grundsätzlich) bei Turnieren, und man weiß, wie kleinlich sich leidenschaftliche Kartenspieler Fehlgriffe an den Kopf werfen. In diesem Fall diskutiert man auch noch, was eigentlich wo los war, und dass ihnen Orte und Ereignisse hoffnungslos durcheinander kommen, versteht sich. Gelegenheit zum Zank ist reichlich, und absolut alles wird aufgeboten, um die anderen niederzutrumpfen. Auch so Simples wie die Esterhazy-Schnitte, deren Genuss für Gertraud vor dem Bridge so existenziell ist…

Marie-Claire ist es, die gerne auf ihrer Umgebung herumhackt und dabei wahrlich nicht sanft und rücksichtsvoll vorgeht (Gustav Ernst, immer kreativ in Verbalinjurien, begibt sich da oft auf die Ebene des Thomas-Bernhard’schen Text-Zerkauens). Gertraud (die Spezialistin für Krankheiten) ist ihr Opfer, bis dann Emma auftaucht und einen neuen Ton ins Geschehen bringt: Die Alte, die’s lustvoll nicht lassen kann und nicht will. Warum soll sie auch. Clowneske Nonsense-Atmosphäre macht sich breit.

Aber abgesehen davon, dass alle auch einmal mit den Zuschauern plaudern dürfen und dabei ihre lebenslange Wut (auf Radfahrer oder auf Banker) ausspucken dürfen, ist ein Ansatzpunkt für Gustav Ernst entscheidend: Wie sehr sie sich in ihrer Erinnerung einrichten, indem sie die Vergangenheit zurechtbiegen und nach Wunsch beschönigen, das ist allen dreien gemeinsam. Und so komisch es ist, wenn die Gefährtinnen die Wahrheit wissen und kundtun – keine der Damen lässt sich darin beirren, ihr Dasein „lebenslügend“ schönzufärben. Vielleicht hielte man es sonst nicht aus… Alldas hat als wiederkehrendes Ritual zwischen den Dreien einen leisen Trauerrand.

Augustin Jagg hat den Abend, der nun im Schauspielhaus in Wien gastiert, ursprünglich für das Theater KOSMOS in Vorarlberg inszeniert. Und er ist mit dem Text behutsam umgegangen, indem er nach keiner der lauten Pointen schnappen ließ, die billig zu haben gewesen wäre. Nein, der Abend ist nicht die Lachorgie geworden, die der Text anbietet. Es ist doch viel mehr – so trocken, bissig, Gift spritzend, punktgenau in Ziel schießend die Damen auch sein mögen.

Johanna Tomek gibt Emma, die nie verlernt hat, sich als verführerische Frau zu fühlen, und die ihren Liebhaber in der Erinnerung weit eher tot wissen will, als zu akzeptieren, dass er sie verlassen hat. Susanne Altschul wirkt anfangs wie das gottgebene Opfer, aber es  zeigt sich, dass sie auf ihre Art auch ganz schön austeilen kann – abgesehen davon, dass sie sich ihren toten Sohn „lebendig“ lügt. Juliane Gruner schließlich, hinkend und so böse, dass man wieder an Thomas Bernhard denken muss, bricht in genussvolle Orgien der Menschenverachtung aus. Drei wahre Hexen – und was für welche! Man sollte sie sich wirklich antun.

Renate Wagner

 Noch bis Samstag, den 8. September 2012, täglich im Schauspielhaus, 1090, Porzellangasse 19.

 

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