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WIEN / Scala: SIPPSCHAFT

07.02.2016 | KRITIKEN, Theater

Sippschaft Szene breit jpg x 
Fotos: Scala

WIEN / Scala:
SIPPSCHAFT von Nina Raine
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 6. Februar 2016

Das Stück heißt „Sippschaft“, und der Titel bestätigt sich von der ersten Sekunde ein. Eine Familie am Esstisch, die wütend herumzankt und –schreit, wobei sich nach und nach herauskristallisieren: ein besonders widerlicher, aggressiver, rücksichtsloser Vater, eine weinerliche, überforderte Mutter, eine hinkende, von ihrer Größe als Sängerin überzeugte, aber auch dauernd jammernde und anklagende Tochter, ein älterer Sohn, der seinen eigenen intellektuellen Ansprüchen nicht gewachsen ist, „Stimmen“ hört, kifft und von Medikamenten abhängig ist. Papa will diese Sprösslinge am liebsten los sein, und man kann es ihm nachfühlen – wer will solche Kinder? Aber auch: Wer will solche Eltern? Als Theaterbesucher hat man nach spätestens zehn Minuten das Gefühl, man würde sich gerne verabschieden, denn solche Leute möchte man gar nicht erst kennen lernen…

Am Sofa liegt der Jüngste der Familie, Billy, etwas über 20, und wenn er spricht, tut er es in der quälenden Art der Tauben, die sich selbst nicht hören können. Zuerst denkt man, dass er mit seiner Behinderung (die wenigstens mit einem sympathischen Wesen Hand und Hand geht, das allen anderen fehlt) nur ein weiteres Mosaik-Stück in einer Familienkatastrophe ist, die Autorin Nina Raine, eine 40jährige Britin, da auf die Bühne bringt. Aber die Geschichte schwenkt völlig zu Billy – dessen Taubheit, die die Familie nie wahrhaben wollte, wird zum Thema, zumal als er durch ein junges Mädchen in die dortige „Community“ gerät.

Dramaturgisch läuft alles den üblichen Weg – in der anderen Welt verändert er sich, es gibt die riesige Abrechnungsszene mit der Familie, von denen niemand je daran gedacht hat, die Gebärdensprache zu lernen, um sich in Billys Welt zu begeben, und schließlich die triefende Versöhnung, als ob die „Liebe“ alles bereinigen würde, was ja als Problem doch gänzlich offen bleibt…

Vorteil des Stücks: Durch Billy und seine Freundin Sylvia erfährt man (teils in Gebärdensprache, die durch Projektionen übergetitelt wird) viel über die Befindlichkeit dieser Behinderten, Dinge, an die man gar nicht denkt, wenn man nicht selbst in seinem Leben damit konfrontiert ist. Und die beiden Darsteller, Thomas Marchart und Melanie Flicker, leisten absolut Außerordentliches, um hier die Problematik dicht zu vermitteln (und neben Text noch Gehörlosensprache zu erlernen – Kompliment!).

Sippschaft er und sie jpg x

Der Rest der Aufführung – bester Bestandteil: das übersichtliche, gut zu bespielende Bühnenbild von Marcus Ganser – scheint weder inszenatorisch (Babett Arens) noch darstellerisch allzu gelungen, besonders die Streitszene zu Beginn schwankt und wankt und findet keinen Tritt. Die Darsteller sind von der Autorin überlastet und mit nicht wirklich glaubwürdigen Charakteren ausgestattet: Als cholerischer Vater wirkt Clemens Aap Lindenberg immer wieder schlechtweg überfordert (Florentin Groll, den man sich in dieser Rolle besser hätte vorstellen können, saß bei der Premiere im Zuschauerraum), Marion Rottenhofer lässt die Hilflosigkeit der Mutter immer wieder mit darstellerischer Hilflosigkeit Hand in Hand gehen, Anna Sagaischek gibt der wahrlich unglückseligen, letztlich funktionslosen Tochter noch einen S-Fehler (vermutlich private Zugabe), Eric Lingens möchte sympathisch sein, hat aber mit den hektischen Schwankungen seiner Rolle ziemlich aussichtslos zu kämpfen.

Aber es geht ja um Billy und Sylvia, sie sind die Stars des Abends, sie retten ein Stück, das wieder einmal beweist, dass gut gemeint nicht unbedingt „gut“ bedeuten muss. Dennoch – dass die Scala auch neues Theater bringt, sei hoch gelobt. Man weiß schließlich nur, was los ist, wenn man es gezeigt bekommt. Und wie viel Mittelmäßiges muss gespielt werden, wird gespielt (das geht auch großen Häusern so!!!), bis man ein Goldnugget findet?

Renate Wagner

 

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