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WIEN / Scala: OTHELLO

10.01.2016 | KRITIKEN, Theater

Scala  othello Plakat xx 
Fotos: Theater Scala

WIEN / Scala: 
OTHELLO von William Shakespeare
Premiere: 9. Jänner 2016 

Wenn Bruno Max in seinem Theater Scala William Shakespeares “Othello” strikt in eine Welt der Militärs von heute versetzt, so scheint das offenbar der zeitgenössische Ansatz zu sein, das Stück, das irgendwann im 16. Jahrhundert spielen soll, für uns zu positionieren. Das tat auch Peter Sellars, als er (damals mit dem inzwischen verstorbenen Philip Seymour Hoffman und der großartigen Jessica Chastain) 2009 den „Othello“ als Festwochen-Gastspiel nach Wien brachte – und auch jene Welt der Hochtechnologie beschwor, die Bruno Max zumindest in der Szene der Kriegsvorbereitungen in Venedig anspricht (später schleppen seine Soldaten so altmodische tragbare Radioapparate herum, dass man zeitlich gleich ein wenig zurückrutscht). Und auch Jan Bosse hat seinen Akademietheater-„Othello“ 2010 (mit Joachim Meyerhoff und Edgar Selge) ganz ins Kriegsgebiet versetzt und dabei vor allem Zerstörung beschworen.

Für Bruno Max hingegen sind die Militäruniformen im Dschungel-Look, ist das Fort auf Zypern einfach das Kriegsambiente, das das Stück für uns heute logisch macht – und der „Kriegslärm“ ist ja (ob im Kino beliebt oder in der Realität der Fernsehberichterstattung) unser tägliches Brot.  Ja, so könnte es sein, und ein „schwarzer“ General muss da nicht unbedingt das Rassenproblem beschwören. Jago hasst ihn ja auch, weil „der da“ es zu etwas gebracht hat, weil er ihn zugunsten eines anderen (Cassio) hintanstellt und weil er ihn mit seiner Frau verdächtigt – Gründe genug. Und um diese Zerstörung eines Menschen aus Rache und aus einer gewissen angeborenen Niederträchtigkeit geht es in der Inszenierung, die Bruno Max selbst zusammen mit Marcus Ganser so überzeugend ausgestattet hat. Einfach die Psychologie der Zerstörung – und das trägt den Abend, da braucht man nicht noch künstlich viele zusätzliche Problem-Ebenen einzuziehen.

Da ist der Othello des Tino Führer: ein starker Mann, auch optisch: Wenn er die Uniform auszieht, im schwarzen „Ruderleiberl“ dasteht und die Muskeln spielen lässt, wird das erotische Element spürbar. Als „Neger“ mit irgendwelchen charakteristischen Verhaltensweisen (so hat ihn Gert Voss einst für George Tabori und noch viel früher Heinrich Schweiger für Fritz Kortner gespielt, von Laurence Olivier ganz zu schweigen), muss er sich so gut wie nicht geben, es scheint, dass wir über diesen Teil des Problems hinweg sind. Warum aber, lautet dann die Frage, rastet ein so offensichtlich intelligenter, souveräner Mann dermaßen aus, bis zu Mord und Selbstzerstörung?

Jago und Othello xx jpg xx Alexander Rossi, Tino Führer

Und da findet die Inszenierung von Bruno Max eine Antwort, wie man sie selten so überzeugend gesehen hat: Denn Alexander Rossi ist ein Jago, der geradezu meisterlich manipuliert, still, glaubhaft, der „gute Mann“, zu dem man Vertrauen hat, weil man nie glauben würde, dass er so abgrundtief Böses spinnt: Einer, der immer den Punkt findet, wo es am meisten schmerzt, der Verdacht und Ungewissheit gezielt steigert, bis dann ein epileptischer Anfall auch zeigt, dass dieser Othello vielleicht krank ist. Beim Morden „rast“ er nicht, sondern erledigt es mit schauriger  Entschlossenheit – hier findet die Desdemona der Selina Ströbele zu ihren stärksten Momenten, wenn sie um ihr Leben kämpft – , und die Erkenntnis danach ist von unheimlicher Ruhe… Kurz, es ist das in so großartiger Selbstverständlichkeit entwickelte Zusammenspiel von Othello und Jago, von Führer und Rossi, das dem Abend seine besondere Überzeugungskraft verleiht.

Denkt man an seine köstlich komödiantischen Leistungen als Hofmannsthals Unbestechlicher und Nestroys Zwirn, so ist der verbitterte Vater Desdemonas eine besonders brillante „Kontrast“-Leistung von Georg Kusztrich. Als unbeschwerten Sunnyboy stellt Roman Binder den Cassio dar, so dümmlich, wie er gemeint ist, gibt Randolf Destaller den Rodgrigo. Christina Saginth erklärt vieles an der Emilia (bei der man sich schon bei Shakespeare nicht wirklich auskennt) aus ihren Eheproblemen mit Jago, die Bianca der Klara Steinhauser ist zur Soldatin geworden, warum nicht in dieser Welt. Jörg Stelling als Doge ist ein souveräner Diplomat, Christoph Prückner und Hans Steunzer werden für verschiedene Nebenrollen benötigt.

So geschickt wie die Inszenierung ist auch die Übersetzung, die Bruno Max sich von Wolf Graf  Baudissin in aller Eloquenz geborgt hat, aber dort zeitgemäß umformulierte,  wo man gewisse Dinge heute nicht mehr „so“ sagen würde. Solcherart ist dieser Abend in jeder Hinsicht stimmig.

Renate Wagner

 

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