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WIEN / Scala: NACHTASYL

27.05.2012 | Theater

WIEN / Theater Scala
NACHTASYL von Maxim Gorki
Premiere: 26. Mai 2012  
Besucht wurde die Generalprobe

Rund um die vorige Jahrhundertwende, als Tschechow seine elegischen Untergangsstücke schrieb, schlug Maxim Gorki einen anderen, bitteren, stellenweise aggressiven, erschreckenden Ton an. „Nachtasyl“ von 1902 steigt in ein Kellerloch hinab zu den verlorenen Seelen, die da chancenlos hausen und für die der einzige Weg hinaus nur durch den Tod führt. Dabei ist da nicht nur der arbeitslose Handwerker mit der sterbenden Frau gestrandet, ein Nichtstuer oder eine Nutte, sondern auch andere, die bessere Tage gesehen haben, aus einer einst adeligen Familie kamen oder Schauspieler waren.

Die Inszenierung in der Scala pfercht sie alle in eine von billigen heutigen Möbeln vollgestopfte Fläche in der Mitte des Zuschauerraums (stimmungsvoll-hoffnungslos geschaffen von Eva Gumpenberger)  – an zwei Seiten, einander vis a vis, sitzt das Publikum, auf den beiden anderen Seiten sind Bänke, wo jene Schauspieler Platz nehmen, die gerade nicht auf der Bühne sind. Regisseurin Babett Arens setzt nicht auf jenen dichten Realismus, den Gorki einst auf die Bühne brachte, sondern möchte heutige Menschen ausstellen – im Fernsehapparat laufen die bei uns üblichen lächerlichen Wunscherfüllungssendungen, um die vergeblichen Wünsche der Protagonisten zu kontrapunktieren.

Die „Übersetzung“ der Figuren aus einer Distanz von 110 Jahren geht wahrscheinlich nur für jene auf, die das Original (das doch besser, dichter und interessanter ist als die Modernisierung) nicht kennen. Glatte Typen sind Bernie Feit und Eva Klemt als die kapitalistischen Vermieter, die einzelnen Figuren überzeugend unterschiedlich mit ihren Schicksalen, und wenn der „Pilger“ Luka hier einfach nur ein nüchtern „guter“ Mensch im Pullover ist (unpathetisch: Florentin Groll), dann wird dem Werk eine wichtige Ebene genommen.  Gorki, der die Verzweiflung seiner Figuren einst stark ausformuliert hat, ist in der Oberflächlichkeit unserer Zeit gelandet und hat dabei einiges verloren.

Renate Wagner

 

 

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