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WIEN / Scala: LOVEPLAY

29.09.2019 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Bettina Frenzel

WIEN / Scala:
LOVEPLAY von Moira Buffini
Premiere: 28. September 2019

Bruno Max ist für seine Bühnen (die Scala in Wien und das Stadttheater Mödling) auf Entdeckungsreise gegangen und fündig geworden. Dabei erstaunt es, dass die Britin Moira Buffini (Jahrgang 1965) noch so gut wie nie bei uns gelandet ist, denn in London und im englischsprachigen Raum hat sie schon einige Theatererfolge zu verzeichnen. Und intelligenter, ironischer Boulevard mit einem Hauch Tiefgang, der jedoch nie aufgeblasen wirkt, das tut dem Theater von Zeit zu Zeit gut. Darum hat Bruno Max „Loveplay“ auch gleich selbst übersetzt. Und in Eigenregie an seinen Häusern mit leichter Hand zum Erfolg gebracht.

„Loveplay“ ist genau das, was der Titel sagt – es geht um Liebe, es geht um Spiel, und es geht um Sex als Draufgabe. Dafür wandert Moira Buffini in zehn Szenen von der römischen Antike bis heute, und wie die Wiener Aufführung zeigt, muss gar nicht England der dezidierte Schauplatz sein. Und, damit es nicht nur für das Publikum amüsant, sondern für die Schauspieler eine echte Herausforderung wird – sechs von ihnen, drei Damen, drei Herren, verkörpern alle Rollen in den zehn Szenen, die zwischen zwei und fünf Darsteller haben. Die Vielfalt an Charakteren, die man den Herrschaften abfordert, ist enorm.

Bemerkenswert, wie viele Variationen zu dem Thema der Autorin eingefallen sind. (Der Vergleich mit Schnitzlers „Reigen“ hinkt schon deshalb, weil der Geschlechtsakt nicht immer Ziel und Höhepunkt der Szenen ist.) Natürlich ist nicht alles gleich wirkungsvoll, aber eigentlich sackt auch nichts wirklich ab. Wenn man sich einen Höhepunkt aussuchen dürfte, dann vielleicht die in der Renaissance spielende Geschichte, wo eine Theaterprobe auf die Bühne gestellt wird, die beiden Schauspieler dem Dichter ganz schön zusetzen, „Stück“ und Privates sich mischen und Johanna Rehm (immer gut, aber hier noch ein bisschen besser) wütend zwischen zwei Männern steht, beide Versager auf menschlicher und sexueller Ebene. Nur dass sie nicht sterben, wenn man ihnen nur einen Theaterdolch in den Bauch rammt…

Moira Buffini räumt der gleichgeschlechtlichen Liebe ihren selbstverständlichen Platz ein, und die Szene, wo ein Maler seinen alten Freund, der nun Vikar ist, auf den Weg führt, den er sich längst heimlich wünscht, hat regelrecht Zartheit und Poesie. Philipp Stix spielt diesen sanften Verführer von Leopold Selinger (beide am Foto), ist aber noch komischer, wenn er sich splitterfasernackt (in diesem Fall vom Stück her unabdingbar) einem reichen Blaustrumpf zur Verfügung stellt, die noch nie einen nackten Mann gesehen hat: Das ist die beste Rolle (unter vielen) von Eszter Hollósi.

Alle drei Damen – Samantha Steppan kommt dazu – widmen sich der lesbischen Seite bei sehnsuchtsvollen Nonnen im Mittelalter und (Steppan und Hollósi) in der Gegenwart, wo in einer Dating-Agentur mit Gefühlen Geschäft gemacht werden soll – und man nicht wagt, die echten, hier lesbischen Gefühle auszuleben. Eine schöne Erkenntnis in Bezug auf gegenwärtige Verhaltensweisen übrigens, so wie die drollige historische Parodie auf die Blumenkinder von 1968, die so entfesselt taten und sich möglicherweise vor der freien Liebe mit jedermann zu Tode fürchteten… Matthias Tuzar ist hier Revolutionär wie andernorts affektierter Dichter, Ehebrecher oder erfolgloser  Sex-Eleve.

Es geht natürlich um Sex für Geld (bei den Römern) oder Sex, der nicht klappt, um Vergewaltigung und Ehebruch, um Spaß an der Sache und Horror und Ängste, die sie hervorrufen kann. Das Publikum hat beim Zuschauen all diese Probleme nicht. Es darf nur herzlich lachen. Und die Verwandlungskünste (manchmal bis zur Unerkennbarkeit) der Darsteller bewundern.

Renate Wagner

Weitere Termine: 01.10. – 19.10. 2019 jeweils Di-Sa um 19:45 Uhr

 

 

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