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WIEN / Scala: IN DER LÖWENGRUBE

13.03.2016 | KRITIKEN, Theater

loewengrube-Ensemble
Fotos:  Scala / Bettina Frenzel

WIEN / Scala:
IN DER LÖWENGRUBE von Felix Mitterer
Premiere: 12. März 2016

Wieder einmal drängt sich der alte Spruch auf, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Man kann sie in der Literatur, im Theater, im Film dann bloß noch viel wirkungsvoller machen, als sie tatsächlich waren. Aber es gab einen jüdischen Schauspieler, der in Nazi-Deutschland aus dem Engagement flog (es war Berlin), dann verschwand, später in Salzburg plötzlich als Kaspar Brandhofer, Tiroler Urviech mit viel Talent, bei Max Reinhardt auftauchte, von diesem nach Wien an die Josefstadt geschickt wurde, wo er tatsächlich erfolgreich in einem Stück spielte und viel Nazi-Lob erhielt. Dass er selbst den Schwindel aufdeckte, hat man ihm damals übel genommen, und er musste froh sein, den Rest seines Lebens in den USA als Nebenrollendarsteller im Film verbringen zu können…

Man hat die Geschichte dieses Leo Reuss immer wieder zwischen Buchdeckeln hin und her gewälzt, aber das beste Denkmal hat ihm Felix Mitterer in seinem Stück „In der Löwengrube“ gesetzt, das am 21. Jänner 1998 im Volkstheater mit Erwin Steinhauer in der zentralen Rolle (und dem unvergessenen Toni Böhm als Theaterdirektor) uraufgeführt wurde.

Die Stärke von Mitterers Stück besteht darin, dass es ihm nicht um historische Treue, sondern einfach um den Fall geht, der bei ihm „irgendwo“ an einem großen deutschen Theater spielt. Dort darf Nebenrollendarsteller Arthur Kirsch, der nur eine berühmte Frau hat (im wahren Leben war es die große Agnes Straub, deren Namen heute auch nur noch die Theaterwissenschaftler kennen), zu seinem 25jährigen Bühnenjubiläum den Shylock spielen und wird dabei von den Nazis von den Brettern gejagt. Als sie später das Theater übernehmen – nur der zappelige Direktor hat offenbar ausreichend Beziehungen, um sich in seinem Job zu halten -, flüchtet Kirsch, wie seine (untreue) Frau gern glauben will, in die Schweiz.

Und eines Tages, etwa ein Jahr später, schieben die Nazis dem Direktor einen kraftvollen Tiroler Bauern mit Schauspielambitionen hin, der sich als leidenschaftlicher Parteigenosse bekennt, und dieser feiert als Wilhelm Tell Triumphe… Wobei Mitterer seinem Arthur Kirsch noch einen viel schöneren Abgang gönnt, als der wahre Leo Reuss erlebt hat, der nicht durch seine Leistungen, aber durch diesen Wahnsinnscoup seines Lebens mehr als nur Theatergeschichte schrieb.

loewengrube-Goebbels und Reuss

Felix Mitterer ist ein Theatermann mit einem goldenen Händchen für das, was man „a well made play“ nennt. Gut gemachte, gut gebaute, auch gut kalkulierte Stücke, wobei es ihm gelingt, die Tragödie (die nur anfangs eine etwas härtere Tonart anschlägt) in ein Schelmenstück zu verwandeln. Dabei erweist sich sein Kirsch als Edelmensch, der nicht nur offenbar überragendes Talent hat, sondern auch Herz, Großzügigkeit und jene Lust auf Rache, mit der er auch die Bedürfnisse der Zuschauer befriedigt. Kurz, die Figur könnte nicht „runder“ und geglückter sein, zumal niemand besser weiß als Mitterer, wie man einen echten Tiroler in Wesen und Sprache ausstaffiert.

Jetzt muss man es nur noch spielen, und das gelingt in der Scala schlechtweg vorzüglich. In dem (wie immer) exzellenten Bühnenbild von Marcus Ganser wägt Regisseur Peter M. Preissler die Wertigkeiten des Stücks genau aus. Er weiß, wo er den Zuschauer erschrecken darf, aber auch, wo die Komödie greifen muss, wo es Spannung geben sollte und wo Sentimentalität walten kann. Dass Mitterer in einigen Szenen und Figuren schamlos übertreibt (der böse Nazi, der intrigante Schauspielerkollege), kann nicht wirklich unterspielt werden, also heftig drauf los – am Ende darf man sich wie im Kasperltheater darüber freuen, dass auf die „Bösen“ so gnadenlos los gedroschen wird.

Jede „Löwengrube“ steht und fällt mit dem Hauptdarsteller, und mit Rüdiger Hentzschel in der beinahe „Doppelrolle“ des fast zurückhaltenden Juden (der aus seinem Schmerz kein „Theater“ macht) und dem forsch vollmundigen Tiroler steht sie auf ganz festen Beinen. Er „kann“ das Idiom perfekt (wobei er das Tirolerisch letztlich so in Grenzen hält, dass es in Wien gut verständlich ist), er „spielt“ die Kunstfigur des Benedikt Höllrigl so überzeugend, dass man sie ihm glaubt, und fällt – wie von Mitterer sehr schön und klar vorgezeichnet – in geradezu ergreifenden Momenten in sein wahres Ich zurück. Dass diese „Löwengrube“ (wie auch die Uraufführung anno dazumal) ein geradezu jauchzendes Vergnügen ist, verdankt man ihm. Und…

… und natürlich Bernie Feit in der Rolle des Theaterdirektors. Das ist konzeptionell eine Knallcharge, aber Stücke, die am Theater spielen, neigen zu solchen Übertreibungen. Und wenn einer es dann schafft, dass des Direktors Manie, aus Hektik nie einen Satz zu Ende zu sprechen, als völlig natürlich herauskommt – dann kann man sich an der Figur nicht sattsehen. Wie hier geschehen.

loewengrube-Feit ua.a

Ein „Guter“ (Georg Kusztrich, der immer so Vorzügliche, als aufrechter, raubeiniger, zweifellos „linker“ Bühnenmeister) und ein Böser (Hermann J. Kogler in bekannter Brillanz als zappelnder und übel bestrafter Intrigant) kann eine gleich gute Rolle sein, und immer wieder bewundert man an der Scala des Bruno Max, über was für ein vorzügliches „Ensemble“ er verfügt, um das ihn manches größere Theater beneiden könnte – Schauspieler, mit denen man sozusagen „alles“ spielen kann.

Da wird eine nicht mehr ganz junge, aber gewaltig attraktive Frau immer bei Christina Saginth in den besten Händen sein, und Michael Reiter macht aus dem Auftritt des Joseph Goebbels (der zwar nicht „schwer“ zu spielen ist, aber doch getroffen sein will) eine wirklich glänzende Studie. Mitterer ist ja so perfekt, dass er in diesem Stück sogar den „Typenkatalog“ aufblättert: Da gibt es ein liebenswertes junges Paar (Jaqueline Rehak und Valentin Schreyer, geradezu ideal besetzt) und den Über-Drüber-Nazi-Bösewicht, dem Wolfgang Lesky die Konturen echter Motivationen verleiht (und Mitterer uns wissen lässt, dass auch die ganz Üblen ihre Ängste vor den noch Übleren haben…).

Wahrscheinlich war es für den echten Leo Reuss nicht so behaglich, wie man es als Zuschauer in der Scala  zweieinhalb Stunden lang hat (mit wenigen Abstrichen – etwa, wenn Kirsch den Boden des Theaters waschen muss). Aber Felix Mitterer hat diese seine Botschaft einfach so kulinarisch verpackt, und Peter M. Preissler hat sie in diesem Sinn so perfekt aufbereitet. Entsprechend enthusiastisch war der Beifall des dankbaren Premierenpublikums.

Renate Wagner

 

 

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