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WIEN / Scala: DIE REICHSGRÜNDER ODER DAS SCHMÜRZ

15.03.2018 | KRITIKEN, Theater

 

WIEN / Scala:
DIE REICHSGRÜNDER ODER DAS SCHMÜRZ von Boris Vian
Premiere: 15. März 2018

Boris Vian (1920-1959), der keine vierzig Jahre alt wurde, aber in dieser Zeit ein beachtliches Oeuvre vorlegte, hat sich auf dem Theater nicht übertrieben stark eingebracht. Allerdings erscheint sein Stück „Die Reichsgründer oder das Schmürz“, posthum uraufgeführt, derzeit immer wieder einmal auf deutschen Bühnen. An sich gehört diese Geschichte vom Abstieg des Bürgertums zu all den Werken des „absurden Theaters“, die einst so wichtig waren und heutzutage längst den Abgrund des Vergessens hinunter geschleudert wurden… Holt man sie hervor, muss die Inszenierung eine Begründung dafür liefern. Die Aufführung der Scala ist allerdings dermaßen reduziert, dass man die Notwendigkeit des Stücks nicht unbedingt einsieht.

Womit hat man es zu tun? Ein Dreiakter, der hier gerade einmal 65 (aber lange) Minuten dauert und zeigt, wie die Familie Dupont immer mehr herunterkommt, was Papa und Mama absolut nicht merken wollen. Auch wenn die Wohnungen, die sie beziehen, immer kleiner und schiefer werden, hält sie nichts davon ab, sich die Situation unerschütterlich schön zu reden (was immerhin eine Erkenntnis sein mag). Wo man Widerstand spürt, wird er abgestoßen – erst das freche Dienstmädchen, dann die Tochter, die wagt, Ansprüche zu stellen. Auch wenn Madame Dupont verschwindet, hindert das Monsieur Dupont nicht daran, vor dem eigenen Absturz noch einen selbstgefälligen Monolog zu halten…

All das wäre nicht sonderlich bemerkenswert, hätte Boris Vian nicht den „absurden“ Trick benützt, ein undefiniertes, amorphes Geschöpf auf die Bühne zu bringen, das nicht erklärt wird und jeglicher Interpretation offen steht. Es trägt die an sich nicht existente Bezeichnung „Schmürz“, und seine Funktion besteht darin, sich von den braven Bürgern treten und schlagen zu lassen… man muss ja seine negativen Emotionen gegen irgendjemanden ausleben.

In der Inszenierung von Babett Arens ist das „Schmürz“ allerdings der Sieger: nicht nur, dass es als einziges Geschöpf übrig bleibt, nun haben sich dann auch die anderen in Schmürze verwandelt. Nur die Opfer überleben? Nun, wie man weiß – interpretieren kann man nach Lust und Laune, für den einen wird schrecklich viel Philosophisches dahinter stecken, für den anderen … gar nichts.

Martin Gesslbauer und Marcus Ganser haben die bescheidene Bühne aus schrägen Bestandteilen und Treppen gebastelt, einfach sind auch die Kostüme (Alexandra Fitzinger) – wenn man bedenkt, wie aufwendig in mancher deutschen Inszenierung hier das bürgerliche Leben und dessen Reduktion und Dekonstruktion (mitsamt der Einsichtslosigkeit derer, die es trifft) auf die Bühne gebracht wurden, hat man hier eine minimalistische Kurzfassung vor sich.

Allerdings ergehen sich Rüdiger Hentzschel und Monica A. Cammerlander mit Schärfe und Klarheit und auch Witz in der Suada der Lebenslüge, während das Dienstmädchen (mit Akzent und exotisch attraktiv: Lana Francis) die Herrschaften nur auslacht und sitzen lässt, während sich die protestierende Tochter (Lisa Wentz) kurzerhand abgesägt findet. Sonst gibt es nur noch einen unwichtigen Nachbarn (Florian Lebek) – ja, und das Schmürz: Kari Rakkola kriegt so nebenbei stumm seine Tritte ab, ist aber nicht zu einem Mitspieler aufgewertet, wie es ein Titelheld verdiente.

Auf dem Abend, so wie er ist, liegt der Staub der Theatergeschichte. Den hätte man entweder überzeugend herunter blasen müssen – oder die Sache in der Vergessenheit belassen.

Renate Wagner

 

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