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WIEN / Scala: DIE MACHT DER GEWOHNHEIT

05.06.2019 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Bettina Frenzel 

WIEN / Theater Scala:
DIE MACHT DER GEWOHNHEIT von Thomas Bernhard
Premiere: 30. Mai 2019,
besucht wurde die Vorstellung am4. Juni 2019

Wer alt genug ist, die Anfänge von Thomas Bernhard miterlebt zu haben, erinnert sich an eine nicht enden wollende Folge von Erregungen, Ärgernissen und Skandalen, an denen Claus Peymann eifrig mitinszenierte und die die österreichische Presse begeistert aufgriff. Die Schauspieler-Könige, die ihn ab 1970 auf den Theaterthron hievten, waren Bernhard Minetti, Traugott Buhre, Bruno Ganz (während österreichische Interpreten mit der Radikalität von Bernhards Sprache und Attacke ihre Schwierigkeiten zu haben schienen).

Schaut man heute aus der Distanz von fast einem halben Jahrhundert auf Bernhards Stücke zurück, scheinen sie in einen Riesenmonolog zu zerrinnen, dessen Essenz in der Beschimpfung Österreichs bestand. Das war damals natürlich differenzierter – und es gibt ein Stück, 1974 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, das anders ist als die anderen (bei aller Bernhard’schen Struktur in Inhalt und Form): Näher als mit „Die Macht der Gewohnheit“ ist er dem Theater der Grausamkeit nie gekommen.

Wenn eine Inszenierung des Werks den Zuschauer so richtig quält – dann liegt sie richtig. Man mochte bei der Aufführung im Theater Scala stöhnen: An Ende belohnte man doch mit heftigem Applaus die Darsteller für ihren Einsatz im Dienste der gebündelten Bernhard’schen Bösartigkeit.

So richtig „gut“ als Stück ist die „Macht der Gewohnheit“ nicht: Der schäbige Wanderzirkus, der offenbar aus fünf Personen besteht und vor zwei Dutzend Zuschauern spielt, ist Gleichnis – wofür? Man kann wählen, ob man die Sinnlosigkeit des Unterhaltungsbetriebs darin sieht oder die Ermüdung des ewig Gleichen, wo Theaterdirektor Caribaldi (er ist der einzige, der einen Namen hat) das Allerlei nur befeuern kann, indem er – auch immer gleich – seine Mitarbeiter beschimpft, demütigt, quält. Virtuos, aber einförmig. Das Stück tritt einen Abend lang auf der Stelle, ein Thema kaum mit Variationen.

Dass der Direktor unbedingt mit seinen Leuten das „Forellen-Quintett“ aufführen will, ist als Symbol auch wieder beliebig zu deuten – die Sehnsucht nach dem Schönen in einer hässlichen Welt? Was immer, auch hier wiederholen sich die Situationen stets aufs Neue. Freilich, wenn jemand wie Bernhard Minetti das spielte, dann war „Morgen Augsburg!“ (auch ein Hoffnungsschrei, obwohl Augsburg dann als mieseste aller Städte beschrieben wird?) in aller Mund. Was macht die Nachwelt mit einem so schwierigen Stück?

Die Aufführung von Regisseur Rüdiger Hentzschel in einen selbst gestalteten Bühnenbild hat für den Caribaldi immerhin Thomas Kamper, der mit blitzendem Auge seine Boshaftigkeiten und Bösartigkeiten entweder tückisch an den Mann bringt oder – selbst genervt – hinaus brüllt. Wenn der Sadist gegen Ende plötzlich unsicher wird, weil er in einem Detail (die Haube des Spaßmachers) plötzlich Alternativen zum ewig Gewohnten wahrnimmt, sind das starke Momente.

Schade, dass die Mitspieler nicht ganz mithalten können, am ehesten noch Glenna Weber als töricht-gehorsame Enkelin. Dirk Warme als Jongleur bringt die Künstlichkeit der Figur zu künstlich, so dass man sie nicht weiter deuten kann. Und Regís Mainka als der Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher verhalten sich einfach zu ähnlich steinzeitlich-grölend, dass der Holzhammer-Humor billig und aufdringlich wirkt.

Jetzt bleibt nur die Frage, was uns diese Bernhard’schen Spielchen, denen damals noch Provokation und eine Art von Frische innewohnte, heute noch bringen? Er war eine Zeit- und Modeerscheinung. Ein Dichter gewiß. Aber möglicherweise in seiner Prosa langlebiger als mit seinen Stücken.

Renate Wagner

 

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